Ende des Fortschritts? Philipp Lepenies verteidigt eine Idee

An Fortschritt glaubt man nicht mehr. So lautet eine immer häufiger gestellte Diagnose. Herfried Münklers „Macht im Umbruch“, Andreas Reckwitz’ „Verlust“ oder Rahel Jaeggis „Fortschritt und Regression“ sind aktuelle Beispiele. Dabei ist kein Konzept der Moderne so großartig wie die Idee des Fortschritts. Im momentanen Abgesang, der vor allem betont, dass viele Menschen realen Fortschritt nicht mehr erleben, wird vergessen, was das Entscheidende am Fortschrittsbegriff ist: der Gestaltungsimperativ. Fortschritt ist nicht nur die Vorstellung, dass die Zukunft besser wird. Sie wird besser, weil man aktiv etwas dafür tun kann. Die Fortschrittserzählung ist daher nicht an ihr Ende gekommen. Ausbleibender Fortschritt ist vielmehr das Resultat einer Politik, die Fortschritt nicht aktiv gestaltet, sondern glaubt, er stelle sich automatisch ein. Vor allem durch Wirtschaftswachstum.

Ursprünglich bezog sich Fortschritt allerdings gar nicht auf die Zukunft, sondern auf die Vergangenheit. Und auch das Gestalterische spielte keine Rolle. Der Begriff umschrieb die revolutionären naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die im 17. Jahrhundert im Umkreis der neu gegründeten Pariser und Londoner Wissenschaftsakademien gefeiert wurden. Der sowohl im Englischen wie im Französischen damals prominente Terminus „Progress“ oder „Progrès“ wurde als Rechtfertigungsnarrativ genutzt, um die Skeptiker von der Nützlichkeit der neuen naturwissenschaftlichen Methoden zu überzeugen. Dabei lautete das Argument, dass man doch offensichtlich in den letzten Jahrzehnten durch Vernunft- und Mathematikgebrauch in vielen Lebensbereichen merklich weiter vorangekommen war als je zuvor.

Fortschritt als Zukunftsoption  ist ein relativ neuer Gedanke

Die Fortschrittsskepsis ist so alt wie dieser Fortschrittsbegriff. Schon vor vierhundert Jahren waren nicht alle davon überzeugt, dass die neuen Erkenntnisse, Arbeitsweisen und Erfindungen die Menschheit wirklich besser gemacht hatten. Fortschritt blieb zunächst eine Kategorie des historischen Rückblicks, der Ausdruck eines freudigen Erstaunens darüber, was sich fast automatisch zum Besseren verändert hatte, seit man den Glauben durch den Vernunftgebrauch ersetzt hatte. Fortschritt als Zukunftsoption und als Handlungsimperativ zu denken, wäre hingegen niemandem eingefallen.

Deshalb ist in der Geschichte des Fortschritts der Moment entscheidend, an dem aus dem in der Vergangenheit lokalisierten Fortschritt plötzlich eine Zukunftsvision wurde und sich mit der Idee der möglichen Verbesserung des Sozialen paarte. Dafür ist ein Mann verantwortlich und ein Text, geschrieben im Winter 1793. Der Autor, der Marquis de Condorcet, erweiterte die europäische Ideenwelt erstmalig um eine säkulare Zukunftsvision. Condorcet entdeckte die Zukunft als politischen Machbarkeitsraum. Tragischerweise hatte der Entdecker der Zukunft selber keine. Von den Jakobinern zum Tode verurteilt, tauchte Condorcet unter und versteckte sich in einem winzigen Zimmer im Pariser Quartier Latin. Dort, in Voraussicht seines sicheren gewaltsamen Endes, schrieb er fieberhaft ein Pamphlet mit dem Titel „Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes“.

Der Pfad der immerwährenden Verbesserung

In den ersten neun Kapiteln beschrieb Condorcet darin, wie viele vor ihm, den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt der Vergangenheit bis zu seiner eigenen Gegenwart. Das zehnte Kapitel aber hatte es in sich. Warum sollte man nicht annehmen, schrieb er darin, dass sich der Vernunftgebrauch der Vergangenheit weiter fortsetzen wird? Warum nicht davon ausgehen, dass sich der unzweifelhafte Pfad einer immerwährenden Verbesserung linear weiter in die Zukunft verschiebt? Dass es so kommen würde, davon war Condorcet überzeugt. Dabei stellte sich jedoch die Frage, auf welchen Punkt diese Entwicklung hinsteuerte. Am Horizont der Zukunft stand für Condorcet die Vervollkommnung des menschlichen Geistes, der Moment des absoluten Vernunftgebrauchs. Wie bei der Grenzwertbetrachtung der Analysis konnte man laut dem Mathematiker Condorcet diesen Horizont, dieses Ideal, nie ganz erreichen. Aber ein stetiges Annähern daran war möglich.

Damit wurde der Fortschrittspfad nicht nur zielgerichtet in die Zukunft gelenkt, sondern auch unendlich. Räumliche und zeitliche Unendlichkeit waren damals noch relativ junge Ideen. Dass ausgerechnet Condorcet die Kühnheit besaß, sich über die Zukunft Gedanken zu machen, hatte indes noch einen anderen mathematischen Grund. Die innovativste Neuerung zu Condorcets Lebzeiten war die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sie erlaubte die Unwägbarkeiten der Zukunft als eine mathematisch kontrollierbare Größe zu modellieren. Deswegen verlor ein Probabilist als Erster die Furcht vor dem Morgen.

Aber Condorcet war nicht nur Mathematiker. In der Revolutionszeit war er zum Politiker geworden, zum leidenschaftlichen Kämpfer gegen jede Form von politischer und sozialer Ungerechtigkeit, gegen die Macht der Kirche und gegen faktenfreie Dummheit. Condorcet war davon überzeugt, dass nüchterner Vernunftgebrauch, wohlgemerkt in einer Welt der extremen Ungleichheiten, der Unvernunft und des weit verbreiteten Aberglaubens, dazu führen konnte, die Lage der Menschen immer weiter zu verbessern. Seine Idee des Fortschritts umfasste daher auch wirtschaftliche Verbesserung, Bildung und politische Rechte für alle und damit – auch das eine unerhörte, weil vorher noch nie formulierte Idee – das grundsätzlich denkbare Ende von Elend und Armut.

Die Demokratie hat einen besonderen Zugang zum Fortschritt

Wichtig war dabei das bewusste, zielgerichtete Handeln. Man sollte nicht darauf warten, dass sich die Vernunft weiter von alleine ausbreitete, sondern man musste aktiv werden, um den Fortschrittspfad schneller zu beschreiten. Das war normativ zu verstehen. Der französische Systemumsturz zur Republik und zur Demokratie war ein Versprechen auf eine politische, soziale und wirtschaftliche Verbesserung im Zeitverlauf. Es lag an den politischen Entscheidern, alles dafür zu tun, damit sich dieses Versprechen erfüllte.

Die Terreur überlebte Condorcet nicht. Aber seine Fortschrittsvorstellung ist seither aus der Politik nicht wegzudenken. Totalitäre, autoritäre oder koloniale Systeme haben sich zwar auch auf Fortschritt berufen. Die moderne Demokratie hat aber einen besonderen Zugang zur Fortschrittserzählung gefunden, der dazu führt, dass man auch heute nicht auf das Streben nach Fortschritt verzichten sollte. Dabei gilt es anzuerkennen, dass verschiedene Wege in die Zukunft führen. Dass es nicht nur ein Maßnahmenbündel gibt, das man schnüren muss, um das Leben aller zu verbessern. Die Fortschrittserzählung der Demokratie beruht auf Pluralismus. Die Fortschrittserzählungen des Kommunismus oder anderer totalitärer Ideologien taten das nicht.

Gerechtigkeit und Chancengleichheit als Ideale am Horizont: Sufragetten demonstrieren um 1905.
Gerechtigkeit und Chancengleichheit als Ideale am Horizont: Sufragetten demonstrieren um 1905.Picture Alliance

Wäre der demokratische Fortschritt ein Bild, könnte man Paul Klees Gemälde „Hauptweg und Nebenwege“ von 1929 betrachten. Darauf sieht man Pfade, die gradlinig zum Horizont führen. Der Clou: Es sind unterschiedliche. Entscheidend ist, dass man sich auch in der Demokratie an Idealen ausrichten muss, die am Horizont warten und an die man sich realistischerweise immer nur weiter annähern kann. Gerechtigkeit ist ein solches Ideal, Chancengleichheit ein anderes, oder die Durchsetzung der Menschenrechte und, warum auch nicht, Wohlstand für alle, gern mit dem Zusatz „nachhaltig“.

In der Demokratie gibt es immer Parameter, die sich verbessern lassen und die man verbessern muss. Man wird sich aber hoffentlich immer an idealen Normvorstellungen orientieren. Wie Rahel Jaeggi zu argumentieren, dass Fortschritt lieber heißen sollte, sich nicht auf hehre Ziele zu versteifen, sondern aktuelle Probleme zu lösen, halte ich für wenig überzeugend. Dies fördert eine kurzfristige politische Perspektive, die vor wirklichen strukturellen Veränderungen zurückschreckt und im wahrsten Sinne orientierungslos ist. Zeitnahe Problemlösungskompetenz muss jedes politische System haben, sonst verliert es in den Augen der Menschen seine Legitimation. Aber die Demokratie kennzeichnet in besonderem Maße, dass sie angetreten ist, sich großen Idealen immer weiter zu nähern. Diese können sich im Zeitverlauf ändern, sie können sich durch Bedrohungen wie den Klimawandel verschieben, aber die Idee der Approximation in der Zukunft ist eine politische Vision, an der man festhalten sollte, damit die Demokratie nicht ihren Reiz verliert.

Demokratische Politiker haben eine Fortschrittsverantwortung. Sie müssen erkennbar alles dafür tun, dass Menschen im Zeitverlauf erleben, dass es ihnen besser geht, dass die Gesellschaft fairer wird und dass auf Fehlentwicklungen korrigierend eingewirkt wird. Rückschritte gibt es immer wieder, nicht jede Fortschrittsagenda funktioniert, vom erzielten Fortschritt profitieren einige weniger als andere. Zum entscheidenden Problem aber wird es, wenn Politiker keine Fortschrittsverantwortung übernehmen, wenn sie beispielsweise weiterhin glauben, dass Wirtschaftswachstum die Grundlage von Wohlstand und damit auch von Fortschritt ist – so wie es in den Nachkriegsjahrzehnten im Westen sicherlich zutraf. Wenn sie sich auf der Grundlage eines neoliberal verstärkten Minimalstaatlichkeitsverständnisses bewusst nicht darum kümmern, das Leben der Bürger zielgerichtet besser zu machen. Wenn genau deswegen auch die Sensibilität für die Verlusterfahrungen anderer abhandenkommt. Wenn Visionen fehlen.

Stellen wir also aktuell fest, dass es immer mehr Menschen gibt, die der Fortschrittserzählung nicht länger glauben, weil sie keinen Fortschritt, sondern seit Jahren Rückschritte erleben (vor allem im Bereich der Daseinsvorsorge, in Bildung und Infrastruktur, aber auch durch steigende Preise, gegen die zu wenig unternommen wird – übrigens alles Gründe für das Abdriften in populistische Gefilde), sollten wir nicht von der Idee des Fortschritts Abstand nehmen oder darauf hinweisen, dass die Moderne grundsätzlich das Thema Verlust unterschlägt. Wir sollten die Verantwortung bei denjenigen suchen, die in Demokratien Entscheidungen treffen könnten, aber ihre Fortschrittsverantwortung und den Gestaltungsimperativ vergessen haben. In der Demokratie muss Fortschritt eine Zukunft haben. Und in einer Zeit der immer weiter um sich greifenden und Fakten ablehnenden Unvernunft kann es nicht schaden, sich nicht nur die Verbesserung der Lebensbedingungen, sondern auch die allgemeine Verbesserung des Vernunftgebrauchs zum Ziel zu setzen.

Der Autor ist Ökonom und Professor für Politik mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit an der Freien Universität Berlin. 2025 erschien sein Buch „Souveräne Entscheidungen. Vom Werden und Vergehen der Demokratie“.