S ie möchten wissen, was 2026 auf Sie zukommt? Mal abgesehen vom Heulen und Zähneklappern allüberall: Die Empörung über KI-generierte Popmusik wird sich 2026 legen bzw. einfach von der Entwicklung überrollt werden. Die Kampfbereitschaft wird sich in die juristisch und wirtschaftlich bedeutenden Bereiche wie Copyright, Höhe von Tantiemenzahlungen und staatliche Förderungen zurückziehen. Denn die Schlacht um den KI-Einsatz in der täglichen Musikproduktion ist nicht mehr zu gewinnen.
Schaut man in die (nicht existierenden) Pop-Musikgeschichtsbücher, stellt man fest: Das war schon immer so. Wie wurde geschimpft und zum Widerstand aufgerufen, als damals durchs Multitracking in der Studiotechnik der Einsatz von Orchestern bei Musikaufnahmen weggespart werden konnte; als Rhythmusmaschinen und andere elektronische Helferlein den Prozess billiger und die Verpflichtung von Schlagzeuger*innen und andere Musikhandwerker*innen überflüssig machten. Meist fließt irgendwo ein wenig Geld an irgendwen, und dann geht’s weiter im Text.
Was heißt das für den musikalischen Alltag 2026? Es wird zunächst wenig Änderung spürbar sein. Die Vergrößerung des Anteils an komplett oder teilweise KI-generierter Musik in den Playlists der Streaming-Plattformen wird für die Laien kaum erkennbar sein, da menschengenerierte Pop- und Gebrauchsmusik sich letztlich derselben Methoden bedient: Epigonen schulen sich an dem, was es schon gibt, sie „prompten“ sich, einen Ed-Sheeran-, Coldplay- oder Taylor-Swift-artigen Song hervorzubringen.
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Das ist nichts Neues, sondern die Kernaufgabe in der Welt der von wirtschaftlichen Interessen bestimmten industriellen Musikproduktion (analog ausweitbar auf die Welt der Kulturproduktion insgesamt). Wenn die Welt die Beatles, Elton John und Mariah Carey liebt und eher bereit ist, für ihre Werke Geld zu bezahlen (als für die der Pretty Things, von Van Dyke Parks und Janis Ian), machen es sich die Musikproduzent*innen zur Aufgabe, ihnen ein, zwei, viele Beatles, Elton Johns und Mariah Careys zu liefern. KIs erleichtern diese Aufgabe und beschleunigen ihre Erledigung bedeutend, erbringen aber kaum qualitativ andere Resultate.
Aufmotzen, frisieren, kurzschließen
Spannend wird es hingegen immer, so lehren eine*n die o. a. Musikgeschichtsbücher, wenn neue Technologien gegen den Strich gebürstet werden; wenn man sie aufmotzt, frisiert, kurzschließt, so dass man sich endlich ihrer immensen technischen Möglichkeiten dienstbar machen kann und nicht mehr auf den werksseitig eingestellten doofen, kleinen, systemtreuen Wirkbereich beschränkt bleiben muss. Die Sensation, die sich einstellt, wenn sich etwa Leute wie Sister Rosetta Tharpe, Jimi Hendrix und Mary Halvorson die Technologie und die verfügbaren Geräte zur Manipulation des Klangs einer Gitarre untertan machen! Das nun mal übertragen auf die Musik-KIs – OMG!
Hier könnte es 26 – neben etlichen Pranks und Juxereien – einige fette, künstlerische Überraschungen geben. Und gleich noch ein Karrieretipp für alle, die lieber heute als morgen von Maloche auf müheloses Einkommen umstellen möchten: Beauftragen Sie die KI Ihres Vertrauens, je tausend Songs im Stil von Olivia Dean, Zah1de und Daniela Alfinito zu produzieren, dazu Künstlernamen, Bilder, Bios und Videos zu liefern und laden Sie den ganzen Krempel bei den einschlägigen Streaming-Anbietern hoch.
Wäre doch gelacht, wenn da nicht ein Hit dabei ist und Sie noch in diesem Frühjahr in Ihr eigenes 300-qm-Penthouse in Dubai umziehen können! Und im unwahrscheinlichen Fall, dass es nicht funktioniert: Probieren Sie es einfach morgen nochmal! Wie hieß es früher in der Glücksspiel-Werbung? „Dranbleiben – einmal klappt’s bestimmt!“
