Elias Medini organisiert Watch-Partys für Fashion Shows

Kaum jemand brennt gerade mehr für Mode als Elias Medini, besser bekannt als Lyas. Als der Tiktoker im vergangenen Sommer keine Einladung zur ersten Schau von Jonathan Anderson bei Dior bekam, organisierte er kurzerhand ein Public Viewing. Daraus ist innerhalb weniger Monate eine Veranstaltungsreihe geworden  La Watch Party. Im September, anlässlich der Damenschauen mit der Mode des kommenden Frühjahrs, waren es Dutzende Public Viewings in Mailand und Paris. Medini begleitete auch die Couture-Schauen im Januar mit Partys und die gerade gelaufene Fashion Week in Paris mit der Mode für den nächsten Herbst.

Lyas, 27 Jahre alt, der in Rouen geboren wurde und heute in Paris lebt, sieht also nicht nur, was sich auf dem Laufsteg tut, sondern auch, wie die Leute bei seinen Partys angezogen sind. Und was sie in Paris auf der Straße tragen. Wie sieht sie also aus, die Mode für den Frühling?

Herr Medini, können Sie beschreiben, was Sie heute tragen?

Ich trage heute eine Kapuzenjacke mit Reißverschluss, der sich komplett schließen lässt. Das ist praktisch, wenn ich mich verstecken möchte. Dazu ein H&M-T-Shirt in Schwarz und eine Adidas-Jogginghose in Rot. Und Uggs, ebenfalls in Schwarz. Der Mensch, in den ich verliebt bin, ist Australier. Da möchte ich das Land auf diese Weise repräsentieren.

Welches Stück Mode hat Sie zuletzt besonders fasziniert?

Der Jean-Paul-Gaultier-Ganzkörperanzug aus der neuen Kollektion. Ich durfte ihn bei den British Fashion Awards tragen. Er war so dünn und hatte zugleich so viele Schichten. Damit war er für mich auch ein Statement, das zu einer Zeit passt, in der es noch immer verstörend ist, den behaarten männlichen Körper nackt zu sehen. Ich empfand es auch als sehr „punk“, praktisch nackt zu den British Fashion Awards zu erscheinen. In der Hauptstadt des Punks, in London, hat das doch Sinn ergeben.

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Wenn Sie sich an die vielen La Watch Partys im Herbst zurückerinnern, welche Outfits Ihrer Gäste sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

Der Lippenstift war der rote Faden  alle mussten ihn tragen.

Er ist auch Ihr Markenzeichen. Heute tragen Sie ihn auch.

Aber davon abgesehen hat es mich überrascht, wie sich die Gäste je nach Designer unterschiedlich angezogen haben. Anlässlich der Schau von Rick Owens kamen die Leute ganz anders als anlässlich der Schau von Loewe. Mir hat das gezeigt, mit wie viel Mühe die Leute an ihre Leidenschaft gehen, und wie Mode noch heute eine Art Gesellschaftsspiel ist.

Das geht gegen die gängigen Annahmen, dass heute alle gleich aussehen und man alles überall tragen kann.

Es ist ein respektvoller Umgang mit Mode. So würde man sich nicht anziehen, wenn man die Schau zu Hause vor dem Bildschirm anschaut. Für eine Party aber betreibt man diesen Aufwand.

Elias Medini, der Erfinder der „La WatchParty“, in Paris auf der Bühne während der Schau von Saint Laurent. Medini hatte keine Einladung zur Show, also organisierte er spontan eine öffentliche Watch Party.
Elias Medini, der Erfinder der „La WatchParty“, in Paris auf der Bühne während der Schau von Saint Laurent. Medini hatte keine Einladung zur Show, also organisierte er spontan eine öffentliche Watch Party.Instagram @lyas

Wie sieht es auf dem Laufsteg aus? Was ist Ihnen dort aufgefallen?

Vor allem Saint Laurent hat mir gefallen, das war eine der schönsten Schauen der Frühjahrssaison. Eine Art traumhafte Brise frischen Winds. Die meisten Marken verkaufen heute Taschen. Saint Laurent aber verkauft einen Traum.

Und die vielen Debüts der Saison? Jonathan Anderson bei Dior, Matthieu Blazy bei Chanel, Pierpaolo Piccioli bei Balenciaga, Jack McCollough und Lazaro Hernandez bei Loewe, Louise Trotter bei Bottega Veneta, Duran Lantink bei Jean Paul Gaultier, um nur einige zu nennen.

Einmal abgesehen von Jean Paul Gaultier fand ich die Debüts nicht überzeugend. Die meisten sind auf Nummer sicher gegangen, Duran Lantink hat das nicht gemacht. Das fand ich aufregend. Er ist ein echter Punk, er schaut nicht darauf, was die Kundin möchte oder was der CEO für die Marke für richtig hält. Er macht das, was er will. In der Hinsicht ist das die aufregendste Kollektion.

Sie war für Sie viel künstlerischer als der Rest?

Ja, das war ungefiltert. Danach suche ich in der Mode und habe es in vielen Kollektionen nicht entdeckt.

Wie würden Sie sich gerne im kommenden Frühjahr anziehen?

Alles, was ich weiß: Es wird einen Fedora-Hut geben. Wir brauchen mehr Hüte. Keiner will sie mehr tragen, ein Hut bricht einen Look und überhöht ihn zugleich. Ein Hut gibt jedem ein bisschen Kante. Ich liebe einen Hut.

Bei Dior waren viele Hüte zu sehen.

Oh, die habe ich geliebt. Aber mir war Dior nicht modern genug. Ich weiß aber auch, dass es eine schwierige Aufgabe ist, ein so historisch belastetes Haus zu übernehmen. Wie macht man das? Man muss es jedem recht machen, das ist eine große Aufgabe. Jonathan Anderson hat das im Film über das Haus zu Beginn der Schau aufgegriffen, aber dann hätte ein Bang folgen müssen. Ich habe keinen Bang gehört.

Eine Watch Party in New York zu einer Chanel-Show
Eine Watch Party in New York zu einer Chanel-ShowInstagram @lyas

Machen Sie für sich einen Unterschied zwischen Männer- und Frauenmode?

Nein, das ist meiner Meinung nach eine veraltete Vorstellung von Mode. Es ist weder die Gegenwart noch die Zukunft, dass Schuhabsätze oder Röcke nur von Frauen getragen werden dürfen. Mode ist für alle. Wenn Sie sich darin gut fühlen, machen Sie das einfach.

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Wann haben Sie angefangen, roten Lippenstift zu tragen?

Vor einem Jahr. Im Januar. Diesen hier. (Hält einen Stift von MAC-Cosmetics in die Höhe, Ruby Woo.) Vielleicht lanciere ich bald meinen eigenen.

Lassen Sie uns ein paar Trends durchgehen, die auf den Laufstegen zu sehen waren: Was halten Sie von viktorianisch inspirierten Rüschen?

Ich finde es aufregend, etwas aus einer Zeit zu nehmen, in der Frauen nicht so frei waren wie heute, und es der modernen Frau zu überlassen. Aber ich fürchte, das ist nicht der Zweck dieser Rüschen. Ich kann mir vielmehr vorstellen, dass sie einer männlichen Vorstellung entsprechen, wie Frauen sich anziehen sollten. An der Stelle wird es kompliziert. Wenn eine Designerin damit arbeitet, ist es für mich eine spannende Aussage. Wenn ein Mann so etwas entwirft, kommt es mir sehr einengend vor.

Was soll man als Frau mit solchen Rüschen machen? Besser die Finger davon lassen?

Tragen Sie diese Rüschen! Aber eben dann, wenn sie gerade nicht passen. Wenn Sie damit den Rahmen sprengen. Tragen Sie sie zum Brötchenholen, nicht zum Opernball.

Ein weiterer Trend: Trenchcoats  Klassiker oder Langweiler-Mode?

Den eigenen Körper zu verstecken ist Konservatismus. Leider ist der Trenchcoat der Stoff unserer Zeit.

Sie sind jetzt 26. Als Sie ein Kleinkind waren, trugen viele junge Menschen tiefsitzende Bootcut-Jeans. Jetzt waren sie wieder auf vielen Laufstegen zu sehen.

Die gefallen mir gar nicht. Kendrick Lamar hat vergangenes Jahr so eine Jeans getragen, und das Thema ist wieder da. Aber wenn Sie diesen Trend zu rockig angehen, zu sehr à la Mick Jagger, dann wirkt es kostümiert. Lassen Sie das. Und wenn Sie es im Streetwear-Sinn reinterpretieren, wirkt es wie bei Pharrell Williams. Mag ich auch nicht besonders. Also: Lassen Sie das.

Klingt nach einer Lose-Lose-Situation.

Vielleicht brauchen wir noch etwas Zeit für dieses Comeback.

Sie brennen für Mode, aber mit Trends können Sie offenbar nicht viel anfangen.

Das ganze Konzept eines Trends ist langweilig. Es bedeutet, dass man sein eigenes Narrativ aufgibt. Man trägt etwas, weil es im Trend liegt. Mein Trend ist vielleicht, gegen den Trend zu gehen. Ich verstehe natürlich auch, dass nicht jeder diese Haltung haben kann, aber trotzdem ist es doch schön, wenn jeder sein Ding macht und daran festhält. Oder auch einmal den Stil wechselt. Hauptsache, man findet über die Mode ein Stück weit zu sich selbst.