Sie schleifen einen Mann im weißen T-Shirt und Jeans auf die Bühne. Er ist geknebelt, hat einen Sack auf dem Kopf. Das Gesicht seines Entführers ist unter einer Klarsichtfolie zu einer Fratze verzerrt. Ein zweiter Mann erhebt ein Schwert über ihm. Jeden Augenblick könnte es herunterrasseln. Sie verhören ihn: „Was hat deine Familie in der NS-Zeit gemacht?“
Aber von Anfang an. Elektra muss ihre Mutter töten. Schließlich hat diese ihren geliebten Vater ermordet und Schuld auf die Familie geladen. Elektra (Marlene Markt) ist zerrissen von Leid und Wut, denn sie liebt ihre Mutter über alles und soll im Auftrag Apollons doch Blutrache üben. So die Handlung in Sophokles‘ Tragödie „Elektra“ über das Geschlecht der Atriden.
Der moderne Atriden-Clan heißt BMW. Am Volkstheater wird der Mythos des Muttermordes zur Chiffre vererbter Schuld. Elektras Mutter erscheint nun als Susanne Klatten (Liv Stapelfeldt), reichste Frau Deutschlands, Erbin eines Vermögens, das nicht zuletzt auf der systematischen Ausbeutung von NS-Zwangsarbeitern gründet. Im Dritten Reich bauten die Quandts ihr Industrieimperium aus.
BMW produzierte Waffen, Munition und Batterien für die Wehrmacht. Belangt wurden ihre Vorfahren dafür nie. Zu wichtig war der Konzern. Zu erfolgreich pflegte die Familie das Bild der verantwortungsvollen Unternehmer, die stoisch ihre Pflicht taten. Und mit ihm die Legende der apolitischen Arbeit.
Mit ihrer geerbten Schuld konfrontiert, zeigt sich die Klatten-Figur ihrer Tochter gegenüber unbeeindruckt. Sie kennt die Geschichte des Konzerns. Schon längst ließ sie eine Studie zur Aufarbeitung veröffentlichen, spendete sie 5 Millionen Euro. Außerdem: Wie stünde es denn mit den Krupps oder Oetkers? Mit Firmen wie Siemens? Mit den Groß- und Urgroßeltern anderer? Ob die auch so viel gespendet haben? Sicher nicht.
Stimmt’s, Papa?
Zurück zum Mann im weißen T-Shirt. Es ist Lorenz Nolting, der Regisseur. Er lässt sich durch seine Figuren selbst anklagen und beichtet auf offener Bühne. „Was hat deine Familie in der NS-Zeit gemacht?“ Zunächst spricht er schrill und hastig, noch in einer Art Spielhaltung. Dann entweicht die Bühnenfigur aus seinem Körper. Seine Augen finden irgendwo einen Fixpunkt.
„Meine Familie hat eigentlich das Gleiche gemacht wie die Quandts“, sagt er in einen verstummten Saal. Sie habe Zwangsarbeiter auf ihrem Bauernhof beschäftigt. Drei russische Kriegsgefangene. „Stimmt’s, Papa?“ – „Ja“, antwortet eine Stimme aus dem Publikum. Der Regisseur, der sich hier selbst anklagt, macht den entscheidenden gedanklichen Schritt. Er trennt die Schuldfrage nicht mehr sauber von sich. Er ist Elektra, er ist aber auch Susanne Klatten.
Die Selbstanklage ist der stärkste von vielen Einfällen der Inszenierung. „Elektra“ fährt mit Vollgas von Sophokles zur Quandt-Familie, überrollt den Regisseur und steuert direkt auf das Publikum zu. Dieses bleibt fast durchgehend ausgeleuchtet, sodass sich die Bühne regelrecht in den Saal zu strecken scheint. Und auch die Figuren drängt es in die Realität: Elektra verlässt das Theatergebäude, steigt in ein Auto und fährt Richtung BMW-Zentrale.
Nolting und Boiten gelingt eine kluge und zunehmend radikale Fortschreibung des antiken Schuldmotivs in die deutsche Gegenwart. Allerdings liegt in ihrer konzeptuellen Radikalität auch eine Schwäche. Mit jeder neuen Idee verliert sich die konkrete dramatische Handlung. So kommt die freie Adaption nach Sophokles allmählich von der Spur des dramatischen Konflikts ab. Dass man sich trotzdem mitreißen lässt, liegt auch am Ensemble, das den Abend mit vollem Körpereinsatz trägt.
