Eisschnelllauf: Finn Sonnekalb zieht Bilanz und blickt schon auf die nächsten Olympischen Spiele – Sport

Manche Erinnerungen bringt man auch Jahre später, mit dem sanften Blick, nicht zum Glitzern. Als eine chinesische Reporterin vor knapp zwei Wochen Giovanni Malago, den Chef des Organisationskomitees dieser Olympischen Winterspiele, fragte, welchen Moment er von den Winterspielen vier Jahre zuvor in Peking als besonders wertvoll erlebt habe, sagte Malago ohne Umschweife: „Ich erinnere mich an mein Zimmer.“ Das hatte er wochenlang nicht verlassen dürfen, weil er in Covid-Quarantäne festgesteckt hatte.

Vier Jahre später wirken diese Zeiten wie Erinnerungen aus einem üblen Fiebertraum. Der Eisschnellläufer Finn Sonnekalb hat dem Funktionär Giovanni Malago in Mailand allerdings mehr Konkurrenz gemacht, als Sonnekalb lieb gewesen sein dürfte. Am Anfang habe er seine Bleibe nicht verlassen wollen, weil er nicht krank werden wollte, rekapitulierte er am Donnerstag seine erste olympische Erfahrung, und als er dann tatsächlich erkrankt war, „wollte ich eigentlich nur noch drin sein und mich auskurieren“.

Gleichwohl schaffte es der 18-Jährige, die zwei lauwarmen Darbietungen, die er hatte folgen lassen, angemessen einzuordnen: Platz zwölf über 1000 Meter, Platz 13 am Donnerstag über seine stärkere Strecke, die 1500 Meter: „Hätte mir zu Beginn der Saison jemand gesagt, dass ich mit zwei Top-15-Platzierungen hier sehr unzufrieden sein werde, hätte ich das wahrscheinlich nicht geglaubt“, sagte Sonnekalb.

Der Olympiasieger distanziert den großen Favoriten um fast eine Sekunde

Sein Vater hatte selbst eine olympische Teilnahme des Sohnes vor rund zwei Jahren noch für so unwahrscheinlich erachtet, dass er gelobt hatte, er werde in diesem Fall mit dem Fahrrad von der Heimat in Thüringen nach Italien anreisen (was er auch tat). Wie groß der Anteil dieser Wette daran war, dass Sonnekalb so stürmisch in diesen Winter aufbrach, ist schwer zu sagen; er rückte mit drei Podien und mehreren Top-Ten-Plätzen jedenfalls in die Weltelite vor. Über die 1500 Meter verbesserte er in der dünnen Luft von Salt Lake City sogar den deutschen Rekord und den Juniorenweltrekord. Das weckte prompt Hoffnungen für die Spiele, zumal die deutschen Eisschnellläuferinnen seit 2010 auf eine olympische Medaille warten, die Männern sogar seit 24 Jahren.

Kurz nach der Eröffnungsfeier lag Sonnekalb aber mit Fieber, Schüttelfrost, Gliederschmerzen im Bett. Dass er über die 1000 Meter kaum auf Tempo kam, überraschte wenig; dass er über seine längere Lieblingsstrecke am Donnerstag nach 300 Metern schon „einfach blau“ war, erst nach 1:45,64 Minuten im Ziel eintraf, gab ihm größere Rätsel auf. Im Training habe er sich zuletzt wieder besser gefühlt, auch wenn er gewiss nicht „bei 100 Prozent“ Schaffenskraft angelangt sei. Vielleicht fordere die lange Saison doch schon ihren Zoll. Auch habe er gelernt, sagte Sonnekalb, dass er bei den nächsten Spielen „nicht ganz so verkopft an die ganze Sache“ herangehen dürfe. Aber so trage er nun immerhin „Wut im Bauch, und ich glaube, das ist das, was ich die nächsten vier Jahre brauche“.

Am Ende bewahrheitete sich, was sein Teamkollege Patrick Beckert (der in seinem wohl letzten Olympiarennen Siebter mit dem Team geworden war) vor den Spielen über Sonnekalb gesagt hatte: „Er ist ein Hoffnungsträger, er ist die Zukunft. Aber er sollte nicht die Last tragen, dass er hier schon Medaillen holen muss.“ Als der ARD-Reporter Sonnekalb nach den 1500 Metern am Donnerstag um einen Blick in diese Zukunft bat, ließ der sich immerhin einen seiner Sprüche entlocken: „Es tut auf jeden Fall weh, wenn man noch mal vier Jahre warten muss, bis man Olympiasieger wird“, sagte Sonnekalb. Er konnte sein Lachen gerade noch so unterdrücken.

Überraschende Podiumsbesetzung: Jordan Stolz (links) sieht dabei zu, wie der Chinese Zhongyan (Mi.) seine Goldmedaille über 1500 Meter bejubelt. Der Niederländer Kjeld freut sich über Bronze.
Überraschende Podiumsbesetzung: Jordan Stolz (links) sieht dabei zu, wie der Chinese Zhongyan (Mi.) seine Goldmedaille über 1500 Meter bejubelt. Der Niederländer Kjeld freut sich über Bronze. (Foto: Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)

Auch für einen anderen Himmelsstürmer nahmen die 1500 Meter ein etwas anderes Ende als geplant, auch wenn dieser in einer anderen Preisklasse als Sonnekalb unterwegs ist. Dem Amerikaner Jordan Stolz blieb, nachdem er die Spiele wie erwartet mit Gold über 1000 und 500 Meter eröffnet hatte, am Donnerstag überraschend nur der Silber-Rang, rund sieben Zehntelsekunden hinter dem Chinesen Zhongyan Ning. Dieser verbesserte den olympischen Rekord in 1:41,980 Minuten um fast eine Sekunde, und das auf jener Strecke, auf der Stolz im bisherigen Winter jeden Weltcup gewonnen hatte. „Er hat vermutlich das Rennen seines Lebens gemacht, und ich hatte heute einfach nicht die Beine“, sagte Stolz. Woran das liegen könne, wisse er nicht so recht – und klang dabei so beiläufig, als würde über einen Regenschirm reden, den er in der Mailänder Metro vergessen hatte.

So gelassen spricht wohl einer, der den Blick nicht nur sanft zurück, sondern auch nach vorn richten kann. Eine weitere Chance bietet sich Stolz noch in Mailand, im Massenstart. Und in vier Jahren, bei den nächsten Winterspielen, wird er erst 25 Jahre alt sein – und so nur drei Jahre älter als der angehende Olympiasieger Finn Sonnekalb.