Eisschnelllauf bei Olympia 1956 in Cortina: Rekorde auf natürlichem Eis

Gianni Pais Becher steht hinter der Verkaufstheke in seinem kleinen Sportladen in Misurina. Wenn er aus der Tür schaut, sieht er den schneebedeckten Lago di Misurina. Der 78-Jährige strahlt übers ganze Gesicht – und er strahlt die Gelassenheit und Demut eines Mannes aus, den die Bergwelt geprägt hat und der das Leben als großes Abenteuer verstanden hat.

Gianni, der eigentlich Giovanni heißt – „aber jeder nennt mich Gianni“ –, hat Fotos und alte Postkarten herausgekramt. Sie zeigen ein Ereignis, das sein Leben nachhaltig inspirierte und prägte: die Eisschnelllauf-Wettbewerbe der Olympischen Spiele von 1956.

Lago di Misurino, die „Perle der Dolomiten“

Cortina d’Ampezzo war damals wie heute Ausrichtungsort der Winterspiele, doch die Eisschnelllauf-Wettbewerbe wurden auf dem Lago di Misurino hoch oben in den Bergen Venetiens ausgetragen. Der Gebirgssee gilt als „Perle der Dolomiten“, ein Kilometer lang, 300 Meter breit, 1756 Meter über dem Meer gelegen, eingerahmt von bizarren Felsformationen der Dolomiten, mit der zum Weltkulturerbe gehörenden Sorapissgruppe und den Drei Zinnen, dem ikonischen Bergstock der Region.

Als Gianni acht Jahre alt war, sah er mit seinem Vater das olympische Schlittschuhlaufen auf dem See vor seiner Haustür. „Es war ein besonders wichtiges Geschenk“, sagt er noch heute, 70 Jahre danach.

Monatelange Vorbereitungen für das perfekte Eis

Bei Olympia 1956 wurden die Eisschnelllauf-Wettbewerbe zum bislang letzten Mal auf Natureis ausgetragen. Um das sportliche Schauspiel vor malerischer Bergkulisse möglich zu machen, waren monatelange Vorbereitungen nötig.

Nachdem der See im Dezember 1955 dick genug zugefroren war, ließ der schwedische Eismeister Gösta Nilsson eine ovale Insel für die 400-Meter-Bahn in die Eisdecke schneiden. Rund um die Scholle wurde ein Wassergraben frei gehalten, damit die olympische Bahn von Rissen und Verwerfungen verschont blieb. Zudem wurde die Lauffläche mit Stoffbahnen abgedeckt und so schneefrei gehalten.

Das perfekte Eis führte zu olympischen Rekorden in allen Rennen.
Das perfekte Eis führte zu olympischen Rekorden in allen Rennen.picture alliance

Der Vater von Gianni Pais Becher gehörte zum Trupp der Eismacher, die durch Tröpfchenbewässerung die Bahnen bis zu den Spielen Ende Januar spiegelglatt hielten und das „perfekte Eis“ kreierten.

Eine aufwendige Arbeit, die von Erfolg gekrönt war: Bei allen vier Wettbewerben, die zum Programm gehörten – ausschließlich für Männer –, stellten die Sieger olympische Rekorde auf. Die Athleten aus der damaligen Sowjetunion dominierten das Geschehen, gewannen Gold über 500, 1500 und 5000 Meter. Nur über 10.000 Meter gewann ein Schwede, Sigvard Ericsson.

„Ich gehe täglich raus und treibe Sport“

Zum tragischen Helden wurde der aus Mailand stammende Eisläufer Guido Caroli. Aber nicht, weil er über 1500 Meter nur den 42. Platz belegte, sondern weil ihm während der Eröffnungsfeier ein Missgeschick unterlief.

Bei der Zeremonie im Eisstadion trat er als letzter Fackelträger auf – mit Schlittschuhen. Dabei stürzte er über ein Kabel, das auf dem Eis festgefroren war. Trotz des Missgeschicks behielt er immerhin die Fackel fest in der Hand und entzündete doch noch das olympische Feuer.

Von Olympia 1956 inspirierter Sportsmann: Gianni Pais Becher
Von Olympia 1956 inspirierter Sportsmann: Gianni Pais BecherAchim Dreis

2026 werden die Eisschnelllauf-Wettbewerbe in der aseptischen Atmosphäre einer Mailänder Messehalle ausgetragen. Der Misurina-See, auf dem jahrelang auch Winter-Polo gespielt wurde, ist dieser Tage dick zugefroren und kniehoch mit Schnee bedeckt. Die Menschen gehen darauf spazieren, bauen Schneemänner, ein verliebtes Paar hat ein großes Herz in den Schnee getrampelt.

Gianni Pais Becher bietet in seinem Sportladen, den er seit 52 Jahren führt, vor allem Wander-Equipment an. Trotz des prägenden Erlebnisses 1956 ist er kein Eisläufer geworden, dafür Bergsteiger. „Ich gehe täglich raus und treibe Sport“, sagt der drahtige Senior, der sich als „happy man“ vorstellt und Heimatverbundenheit mit Weltoffenheit kombiniert.

Die Drei Zinnen hat er als Bergführer 500-mal bestiegen, doch seine Expeditionen führten ihn auch nach Patagonien, Tibet und Grönland. „Ich bin 1948 geboren, aber im Kopf bin ich 29.“ Neben Italienisch und Ladinisch spricht er Englisch, Französisch und Deutsch. Eis hat sein Leben beeinflusst. 1969 zog er nach Deutschland, um Deutsch zu lernen. Er heuerte als Eisverkäufer in Mainz-Bretzenheim an – im Eiscafé Dolomiti.