Eishockey bei Olympia 2026: NHL-Profi Nico Sturm im Interview

Nico Sturm ist 30 Jahre alt. Er spielte anfangs als Profi beim Augsburger EV und dem ESV Kaufbeuren, ehe er 2014 nach Nordamerika wechselte. Seit dieser Saison steht er wieder bei den Minnesota Wild aus der National Hockey League unter Vertrag. Zuvor trug er das Trikot der Florida Panthers. Mit ihnen gewann er im Sommer 2025 den Stanley Cup, was ihm 2022 auch mit Colorado Avalanche gelungen war.

Sturm ist als Center einer der wichtigen Spieler im Olympia-Offensivkonzept von Bundestrainer Harold Kreis. Die Erinnerungen der Deutschen an das letzte Spiel gegen Dänemark sind schlecht. Bei der WM 2025 unterlagen sie 1:2 nach Penaltyschießen und verpassten damit den Viertelfinaleinzug.

Bundestrainer Kreis sagte, dass sie aus der Niederlage ihre Schlüsse gezogen hätten, um es an diesem Donnerstag (21.10 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, im ZDF und bei Eurosport) beim Olympiastart besser zu machen. Auch die Dänen können mit den Stürmern Ehlers (Carolina), Bjorkstrand (Tampa) und Eller (Ottawa) sowie den Torhütern Andersen (Carolina) und Søgaard (Ottawa) auf NHL-Hilfe zurückgreifen.

Nico Sturm, Sie kommen direkt aus der laufenden NHL-Saison zu den Olympischen Spielen nach Mailand. Wie herausfordernd ist dieser enge Zeitplan körperlich und mental?

Das Spielen selbst ist Routine. Aber alles drumherum ist schon fordernd. Der Flug, das Umschalten, die Zeitverschiebung, die schnelle Anpassung. Wir haben drei, maximal vier Trainingseinheiten. Ein Testspiel fiel für uns deutsche NHL-Spieler weg, der Terminkalender in Nordamerika ließ das nicht zu. Aber das betrifft ja alle Teams. Es ist also kein Nachteil für uns, sondern eine gemeinsame Ausgangslage. Und man darf auch nicht vergessen: Selbst bei Weltmeisterschaften ist das oft so. Manche Jungs stoßen erst während des Turniers dazu. Das gehört im Eishockey dazu. Natürlich wäre es schön, wenn man Powerplay oder Unterzahlformationen im Spiel erproben könnte, aber es geht schlicht nicht. Deshalb heißt es: rein, funktionieren, genießen – und das Turnier ist schneller wieder vorbei, als man denkt.

Der Vergleich hinkt ein bisschen. Eishockey ist, was die Systeme angeht, einfacher. Das Spiel wird überall auf der Welt ähnlich gespielt. Es gibt taktische Feinheiten – wie du in der neutralen Zone arbeitest, wie du presst –, aber das Grundprinzip bleibt gleich. Ich habe in der NHL inzwischen für mehrere Teams gespielt und gegen praktisch jedes System. Es gibt drei, vier Varianten, mehr nicht. Wenn ein Trainer sagt: „Heute spielt der Gegner 1-2-2, morgen 2-1-2“, dann weiß jeder, was gemeint ist. Man kennt das, hat es Hunderte Male erlebt. Deshalb brauchst du weniger gemeinsame Vorbereitung, weil das Spielverständnis universell ist. Wir sind alle Profis, wir wissen, was uns erwartet. Am Ende entscheiden sowieso die Energie, die Tagesform und das Zusammenspiel auf engem Raum.

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Sie haben den Stanley Cup mit zwei unterschiedlichen Teams gewonnen. Wie hat sich Ihr Anspruch an sich selbst zwischen dem Triumph mit Colorado Avalanche 2022 und den Florida Panthers im vorigen Jahr verändert?

Erstaunlich wenig, ehrlich gesagt. Ich habe nie das Gefühl gehabt: Jetzt habe ich es geschafft. Im Gegenteil: Erfolg macht mich eher unruhig. Sobald du oben bist, beginnt der Gedanke: Wie bleibe ich da? Du willst nicht, dass es bergab geht, du willst das Gefühl festhalten. Das ist fast wie eine Art Jagd, du suchst das nächste Hoch, das nächste Ziel. Ich glaube, ich bin da ziemlich getrieben. Im Mai werde ich 31, ich hatte vor dieser Saison eine Rückenoperation, und ich merke: Ich muss noch bewusster auf meinen Körper achten. Meine Rolle ist physisch, ich gehe in die Ecken, blocke Schüsse – das fordert. Deshalb versuche ich, jeden Sommer hochprofessionell zu trainieren. Keine Nachlässigkeit mehr. Wenn du in der NHL bestehen willst, musst du jedes Jahr wieder bei null anfangen. Du gewinnst vielleicht im Juni den Stanley Cup, aber im Juli trainieren manche Kollegen schon wieder. Das Geschäft bleibt gnadenlos schnell.

Sie stammen aus Augsburg, sind spät in die NHL gekommen und haben sich Schritt für Schritt etabliert. Welche Eigenschaften ebneten Ihnen den Weg?

Ich war als Kind extrem talentiert, habe oft mit Älteren gespielt. Aber irgendwann, in der Pubertät, reicht Talent eben nicht. Ich war körperlich im Nachteil, eher kleiner und leichter, und habe gemerkt, dass Arbeit der entscheidende Faktor wird. Ich war dann in der Jugend-Bundesliga, habe Verantwortung übernommen. Das war der Punkt, an dem ich verstanden habe: Erfolg kommt nicht von allein. Ich bin von Augsburg nach Kaufbeuren gependelt, zwei Stunden pro Tag im Zug, Hausaufgaben geschrieben, trainiert, gelernt. Ich musste Struktur entwickeln. Das war keine Zeit für Partys oder Belohnung. Ich habe gesehen, dass ich, wenn ich alles gebe und scheitere, damit leben kann. Aber wenn es schiefgeht, weil ich mich nicht vorbereitet habe, frisst das an mir. Seitdem ist Disziplin mein Grundprinzip – im Training, im Alltag, überall.

Ist Ihnen Beständigkeit wichtiger als Brillanz?

Ja. Ich bin wahrscheinlich kein spektakulärer Spieler, aber ein sehr konstanter. Meine Trainer wissen genau, was sie bekommen: solide Leistung, keine großen Ausreißer. Ich bin keiner, der mal die Note Eins für sein Spiel erhält, dann ein paar Spiele eine Vier oder Fünf – ich bin eher der Typ Zwei minus. Das ist womöglich nicht aufregend, aber verlässlich. Ich weiß, das klingt unscheinbar, aber ich halte das für eine meiner größten Stärken. Diese Beständigkeit. Ich spiele selten überragend, aber fast nie wirklich schlecht. Für ein Team ist das Gold wert. Bundestrainer Harold Kreis weiß genau, worauf er vertrauen kann – und genau das versuche ich auch zu verkörpern: Berechenbarkeit, Arbeit, Teamnutzen. Tore sind schön, klar, aber ich messe mich daran, ob ich für die Mannschaft ein stabiler Faktor bin. Darin liegt für mich Professionalität.

Olympische Spiele sind für viele Spieler der emotionale Höhepunkt einer Karriere. Wo ordnen Sie die Wettkämpfe in Mailand, in denen es für die deutsche Mannschaft an diesem Donnerstag gegen Dänemark losgeht, für sich persönlich ein?

Ich glaube, das hängt stark davon ab, aus welcher Sportart man kommt. Für viele Athleten, die sonst weniger mediale Aufmerksamkeit haben, ist das natürlich der absolute Höhepunkt. Bei uns Eishockeyspielern ist das anders. Wir stehen die ganze Saison im Rampenlicht, haben jede Woche Interviews, spielen fast ständig. Ich freue mich auf Olympia, keine Frage. Aber ich gehe da mit einer sportlichen Nüchternheit rein. Ich hatte viele NHL-Spiele vor meiner Abreise, meistens vier in einer Woche – da blieb gar keine Zeit, gedanklich schon bei Olympia zu sein. Erst wenn das letzte Spiel vorbei ist, kann man den Hebel im Kopf umlegen: Dann steigt man in den Flieger, landet in Italien, trainiert gut, und dann geht es los. Unter Umständen empfindet man die Olympischen Spiele während des Turniers als gar nicht so groß, aber rückblickend, wenn alles vorbei ist – dann, glaube ich, wird es emotional.

Ja, auf jeden Fall. Wir haben in Deutschland in den letzten zehn, fünfzehn Jahren einen riesigen Sprung gemacht. Das merkt man, wenn man sieht, wo unsere Spieler mittlerweile aktiv sind – NHL, Topklubs in Europa, starke DEL-Jahrgänge. Natürlich wächst mit dieser Entwicklung auch der Druck. Wenn man lange betont, dass man besser wird, kommt irgendwann der Moment der Bewährung. Wir haben eine richtig gute Mischung aus erfahrenen Spielern und jungen, hungrigen Typen. Aber wir wissen auch: Jede Nation bringt ihre Besten. Das wird ein knallhartes Turnier.

Das ist gar nicht so schwer, wenn die Rollen klar sind. Das ist für mich der größte Unterschied zwischen gut und sehr gut: Jeder weiß, was er zu tun hat. Bei uns gibt es Reihen, die fürs Scoren zuständig sind – Leon (Draisaitl, d. Red.), J. J. (Peterka), Tim (Stützle). Andere übernehmen Unterzahl, spielen defensiv, bringen Energie. Ich weiß, in welcher Rolle ich gebraucht werde, und erfülle sie so gut wie möglich. Das hilft, weil es Reibung vermeidet. Und wir wissen, woran wir sind. Harold Kreis kommunizierte das sehr offen, schon vor dem Turnier. Und wenn dann das Vertrauen da ist, ergeben sich Automatismen sehr schnell.

Wo liegt der größte qualitative Unterschied zu Teams wie Kanada, den USA, Schweden oder Finnland?

Ich würde sagen: in der Tiefe. Diese Nationen stellen praktisch komplette NHL-Kader. Die Qualität ist über vier Reihen hinweg brutal hoch. Wir haben inzwischen einzelne Topspieler, aber die Breite müssen wir noch entwickeln. Ich sehe es als Aufgabe meiner Generation, dafür zu sorgen, dass die nächste Welle kommt. Das darf kein einmaliges Phänomen sein. Leon Draisaitl, Mo Seider, J. J. Peterka, Tim Stützle sind großartige Botschafter – aber irgendwann muss die nächste Generation übernehmen. Nur so bleibt der Fortschritt stabil.

Auf jeden Fall. Die Zeit der Überraschungen ist vorbei. Deutschland hat sich Respekt erarbeitet, und das ist großartig – aber es bedeutet auch: Jede Mannschaft nimmt uns ernst. Bei einer WM kann man mal einen Gegner eiskalt treffen, bei Olympia gibt es dafür kaum Gelegenheit – drei Gruppenspiele, und jedes zählt. Unser Anspruch ist, trotzdem mutig zu bleiben, nicht ständig auf andere zu schauen.

In Mailand fällt durch einen Konstruktionsfehler die Eisfläche in der Länge um etwa einen Meter kleiner aus. Bedeutet das etwas im Spiel?

Ein bisschen, ja. Für mich persönlich ist das eher ein Vorteil. Ich spiele viel in den Ecken, arbeite an der Bande – da kommt mir das kleinere Feld entgegen, weil es schneller geht, direkter ist. Für Torhüter ist das schwieriger: Die Winkel sind anders, die Abpraller verändern sich. Aber am Ende geht es allen Teams ähnlich. Wir haben ein paar Einheiten Zeit, uns darauf einzustellen, und damit ist es gut.