Eishockey bei Olympia 2026: der beste deutsche Kader aller Zeiten? – Sport

Da pflegt man jahrelang eine enge Beziehung, ein Liebesverhältnis vielleicht oder zumindest ein freundschaftliches, und plötzlich: meldet sich der oder die andere nicht mehr. Kein Rückruf, keine Nachricht, nichts. Aus, vorbei. Als wäre nie etwas gewesen. Die anglophilen Menschen des 21. Jahrhunderts haben für dieses Phänomen den Begriff Ghosting erfunden: Wenn jemand sich wie ein Geist davonmacht, einfach so.

Nun wird von Bundestrainern des 21. Jahrhunderts ein gewisses Maß an Empathie erwartet. Und Harold Kreis, 66, obwohl ein Mensch des 20. Jahrhunderts, wird allenthalben als Trainer geschätzt, der die menschlichen Zwischentöne beherrscht. Dennoch stand der Eishockey-Bundestrainer zuletzt vor seinem eigenen Geisterproblem. Gemeinsam mit Sportdirektor Christian Künast habe er sehr viel Zeit mit „Ghost-Aufstellungen“ verbracht, sagte Kreis, darüber gegrübelt, welcher Kader der beste sein könnte für die Olympischen Spiele im Februar in Mailand und Cortina. „Unsere Aufgabe war, die Rollenverteilung zu definieren und aus unserer Sicht bestmöglich zu besetzen.“ Aber so gewissenhaft Kreis und Künast ihre Gedankenspiele betrieben: Am Ende ist es doch so, dass einige entgeistert zurückbleiben.

Spieler wie Olympiasilbergewinner Yasin Ehliz oder Leo Pföderl, DEL-Stürmer des Jahres 2025, zum Beispiel. Leute, die seit fast zehn Jahren zum Stamm der Mannschaft zählen, denen Kreis mitteilen musste, dass sie diesmal nicht zum Kader gehören, den der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zur Nominierung am 20. Januar vorschlägt. Immerhin: Kreis ghostete seine Spieler nicht, er überbrachte ihnen die Botschaft persönlich. Jene, deren Hoffnungen beim Anruf des Bundestrainers zersplitterten, hätten die Nachricht professionell aufgenommen, sagte Kreis am Mittwoch bei der Präsentation seiner Auswahl: „Das sind alles gute Jungs und sie wissen, dass das Nationalteam bei Olympia anders aussieht als bei anderen Turnieren.“ Dennoch seien diese Gespräche naturgemäß „weniger angenehm“.

Dass der Auswahlprozess so „komplex“ gewesen sei, wie Künast sagte, hat einen grundsätzlich begrüßenswerten Anlass. Erstmals seit 2014 erlaubt die nordamerikanische National Hockey League (NHL) ihren Angestellten die Teilnahme am olympischen Turnier. Weshalb sich in Mailand – bis auf die nach wie vor gesperrten Russen – die besten Spieler versammeln werden, die derzeit einem Puck nachjagen. Viele sprechen sogar vom besten Turnier der Geschichte, das sich abzeichnet, mindestens aber vom besten deutschen Kader, der je zu Olympia gefahren sein wird. Allein neun Spieler, die bei NHL-Klubs oder deren Farmteams ihr Geld verdienen, stehen im Aufgebot von Kreis, so viele wie noch nie.

„Das ist jetzt wirklich eine perfekte Gelegenheit, um auszutesten, wo wir stehen“, sagt Nationalstürmer Nico Sturm

Der Prominenteste unter ihnen ist der Kölner Leon Draisaitl (Edmonton Oilers), Torschützenkönig und Topscorer der US-Liga NHL. Aber auch Torhüter Philipp Grubauer (Seattle), Verteidiger Moritz Seider (Detroit) oder die Stürmer Tim Stützle (Ottawa) und J.J. Peterka (Utah) zählen zur erweiterten Weltklasse. Dazu kommen erfahrene Spieler aus der Deutschen Eishockey Liga wie der langjährige Kapitän Moritz Müller, 39. „Das ist jetzt wirklich eine perfekte Gelegenheit, um auszutesten, wo wir stehen, wenn alle Teams alle Spieler zur Verfügung haben“, sagte Nationalspieler Nico Sturm am Dienstag in einer Medienrunde. Der Stürmer von den Minnesota Wild, 2023 WM-Zweiter mit dem DEB-Team, gab allerdings zu bedenken, dass die anderen Nationen wie Kanada, Schweden, Finnland oder Weltmeister und Gruppengegner USA eben auch deutlich aufgemöbelt daherkommen werden. Umso wichtiger werde es sein, schnell zueinanderzufinden.

Darüber wiederum macht Harold Kreis sich am wenigsten Gedanken. „Teamspirit aufs Eis zu bekommen, wird kein Problem sein“, sagte der Bundestrainer. Wie zum Beweis gibt sich Stützle, mit 19 Saisontoren derzeit zweitbester deutscher Torschütze in der NHL hinter Draisaitl (21), bescheiden: „Leon ist ein außergewöhnlicher Spieler. Es wird für alle cool sein, mit jemandem wie ihm in einer Mannschaft zu spielen“, sagte der 23-Jährige der Sport Bild. Bei der vergangenen WM wirkte Stützle mit der selbst auferlegten Führungsrolle noch überfordert. Nun glaubt er: „Alle werden von Leon lernen.“

Für den zweimaligen Stanley-Cup-Gewinner Nico Sturm ist es eine Selbstverständlichkeit, die vom Bundestrainer vorgegebene Rolle anzunehmen. Auch wenn das für ihn wohl bedeuten dürfte, in einer der hinteren Reihen zu spielen, dort, wo es weniger darum geht, Tore zu schießen als sie zu verhindern. „Ich hätte kein Problem damit, in der vierten Reihe zu spielen. Wenn alle da sind, würde es mir nichts ausmachen“, sagte der 30-Jährige. „Es ist eine einmalige Sache, bei so einem Turnier dabei sein zu dürfen. Was von mir verlangt wird, werde ich spielen.“ Ebendiesen Teamspirit meint Kreis, oder wie man früher sagte: Mannschaftsgeist.