Eisbachwelle in München: Was bedeutet das Surfverbot für die Kommunalwahl?

Die Eisbachwelle, auf der am Eingang zum Englischen Garten Jahrzehnte lang gesurft wurde, ist in ihrer Bedeutung für München kaum zu überschätzen. Seit Langem, um nicht zu sagen, immer schon schlägt sich die Stadt mit dem Verdacht herum, nicht mehr so zu sein, wie sie wahrscheinlich nie war. In Albert Ostermaiers Theaterstück „Munich Machine“, das zurzeit am Residenztheater läuft, erscheint München immer noch und wieder als die Hauptstadt der Bewegung – und mit Bewegung ist nicht die an der frischen Luft gemeint.

Demgegenüber steht die Eisbachwelle für das „Tanzbare“, wie es bei Ostermaier heißt, jedenfalls für das Leidenschaftliche, Leichte, Überraschende: Man würde in einer Millionenstadt fernab vom Meer schlicht nicht erwarten, in der U-Bahn Leuten mit dem Surfbrett unterm Arm zu begegnen.

München hält viel darauf, angeblich die nördlichste Stadt Italiens zu sein – Monaco. Ministerpräsident Markus Söder, dessen Staatskanzlei fünf Gehminuten von der Welle entfernt liegt, zog Parallelen zwischen Bayern und Kalifornien. Dessen Hauptstadt ist bekanntlich Sacramento, der Sehnsuchtsort, von dem Helmut Dietl in den „Münchner Geschichten“ seine Helden träumen ließ.

„Surfen verboten! Lebensgefahr!“

Etwas Besseres als eine Surfwelle mitten in der Stadt könnten sich PR-Strategen also gar nicht ausdenken – gerade weil PR-Strategen auf so etwas nie kämen. Der Eisbach ist einer der zugänglichsten Orte Münchens, an dem es, wenigstens bisher, nicht ums Geld geht, sondern ums Staunen und ums Können. Wer auf die schwer zu surfende, stehende Welle darf, wer dort welches Standing hat, folgt Regeln, die nirgendwo niedergelegt und nicht einklagbar sind. Dass sich die Surfer, typisch für Deutschland, untypisch für sie, in zwei Vereinen organisiert haben, liegt laut Martin Grün, dem Präsidenten des Surf Club München, daran, „dass die Stadt sonst nicht mit uns sprechen würde“.

In München ist dieser Tage die Sonne herausgekommen, der Bärlauch sprießt. Höchste Zeit eigentlich, auf die Welle zu gehen. Die ist auch da. Aber sie sieht anders aus als die Jahre zuvor. Viel mehr Weißwasser als üblich. Sie wird auch nicht gesurft. Auf Schildern steht: „Surfen verboten! Lebensgefahr!“

Der Grund – oder zumindest der Anlass – könnte trauriger nicht sein: Im April 2025 verunglückte eine 33 Jahre alte, geübte Surferin. Etwas an ihrem Sportgerät verhakte sich, sie wurde unter Wasser gedrückt. Die Rettung kam zu spät. Eine Woche danach starb sie. Die Welle war da schon gesperrt. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft kam zu dem Ergebnis, dass die Tote wahrscheinlich mit ihrem Surfbrett oder ihrer Leash, der Leine, die das Brett mit dem Knöchel der Surfer verbindet, an einem der 29 Störsteine hängen blieb, die dazu da sind, die Fließgeschwindigkeit zu verlangsamen. Laut Staatsanwaltschaft konnte „kein strafrechtlich relevantes Geschehen eruiert werden“. Es habe sich um „ein äußerst tragisches, nicht näher aufklärbares Unglück“ gehandelt.

München, Hauptstadt der Bewegung.
München, Hauptstadt der Bewegung.AFP

Von politischer Seite hat es nicht an Bekenntnissen zur Welle gefehlt. Ministerpräsident Söder sagte schon vor Bekanntgabe der Ermittlungsergebnisse: „Wir wollen, dass München Surferparadies bleibt.“ Ihm gefalle das immer „wahnsinnig, wenn man am Morgen in die Staatskanzlei fährt, und man sieht am Rand die Surfer stehen, diese Mischung, dass der eine oder andere vom Start-up zum Surfen geht, das ist einfach ein Lebensgefühl, das passt zu Bayern gut“.

Auch die aussichtsreichsten Kandidaten für die in dieser Woche stattfindende Oberbürgermeisterwahl, Dieter Reiter (SPD), Clemens Baumgärtner (CSU) und Dominik Krause (Grüne), haben sich, sozusagen, immer wieder hinter die Welle gestellt. Krause sagt der F.A.S.: „Ein Münchner Sommer ohne Eisbachsurfer ist für mich nicht vorstellbar.“ Reiter: „Die Eisbachwelle ist ein Aushängeschild Münchens.“ Ihre Wiederherstellung habe für ihn „höchste Priorität“. Baumgärtner: „Mir ist wichtig, dass die Welle so schnell als möglich wieder hergestellt wird.“ Und Jörg Hoffmann, OB-Kandidat der FDP, begab sich gar bei eisigen Temperaturen in den Eisbach, Motto: „Eisbachwelle retten“.

Die Staatsanwaltschaft hat den Politikern durchaus Argumente an die Hand gegeben. Sie schreibt zum Surfen an der Welle nach dem tödlichen Unglück: „Die Umstände des konkreten Einzelfalls geben vor dem Hintergrund der jahrzehntelangen Praxis ohne bekannt gewordene vergleichbare Unfälle keinen Anlass, die Duldung des Surfens an der Eisbachwelle als solches strafrechtlich als fahrlässiges Handeln zu bewerten.“

Warum also wird nach wie vor nicht gesurft? Was Söder betrifft: Der ist nicht zuständig. Vor gut 15 Jahren hat der Freistaat das Grundstück gegen ein anderes getauscht. Seither ist die Eisbachwelle Sache der Stadt. Die hat das Surfen, das bis 2010 verboten war, legalisiert, nicht jedoch die Einbauten – Eisenbahnschwellen, Bretter –, die von den Surfern vorgenommen wurden, um die Welle zu stabilisieren. Diese wurden von den Behörden geduldet. Auch nach 2010 wurde also in der Grauzone gesurft.

Die Welle erstarb

Ende Juni 2025, nach Abschluss der Ermittlungen, gab Oberbürgermeister Reiter die Welle wieder frei, allerdings unter strengen Auflagen. Nach 22 Uhr durfte nun nicht mehr gesurft werden, außerdem wurden selbstöffnende Leashes Pflicht. Die Surfer haben das nolens volens akzeptiert. Aber was heißt schon: die Surfer. Es gibt auch da verschiedene Fraktionen. Die Puristen, die eher im Surf Club organisiert sind. Und die angeblich pragmatischer Orientierten der „Interessengemeinschaft Surfen in München“ (IGSM), die im Münchner Süden eine Einsteigerwelle betreiben.

Ende Oktober wurde der Eisbach „ausgekehrt“. Das Bachbett wurde dabei von Unrat befreit. Das passiert regelmäßig. Aber diesmal wurde es so gründlich gemacht, dass die Welle erstarb. CSU-Mann Baumgärtner weist darauf hin, dass frühere Bachauskehren keinen negativen Einfluss auf die Welle gehabt hätten. „Bis heute wissen wir nicht, was da 2025 schiefgelaufen ist.“ Es gibt Leute, die von Vorsatz ausgehen. Martin Grün vom Surf Club will so weit nicht gehen. Er sagt aber, dass man sich vonseiten der Stadt mit der Welle, die für ihn ein komplexes, geheimnisvolles Wesen ist, nicht intensiv genug beschäftigt habe. „Die Bachauskehr hat die Balance zerstört.“

Wiederherstellung der Welle – vorübergehend

Über Weihnachten zeigten Unbekannte, dass es technisch gar nicht so schwierig ist, die Welle wieder herzustellen: In einer illegalen Nacht-und-Nebel-Aktion setzten sie eine Holzrampe ein, die von der Stadt freilich wieder entfernt wurde. Die Angst: Hätte man die Rampe geduldet, wäre man, im Fall eines Unfalls, in der Haftung gewesen, zumal jetzt, nach dem Tod der Surferin.

In den Wochen danach, mit der heranrückenden Kommunalwahl, verfestigte sich der Eindruck, dass das Thema verschleppt wird. Viel Geld und Aufwand wird momentan darauf verwandt, um mithilfe von Fachleuten legal zu erreichen, was vorher mit einem simplen Holzbalken ja schon gelungen ist: die Welle wieder herzustellen.

Eine der damit befassten Behörden ist das Referat für Klima- und Umweltschutz. Es ließ die F.A.S. wissen: Anfang Februar habe „ein erster Vorversuch zur Wiederherstellung der Eisbachwelle unter Leitung von Professor Robert Meier-Staude stattgefunden“. Dabei sei deutlich geworden, dass weitere Vorversuche notwendig seien. Sobald ausreichend Erkenntnisse aus den Vorversuchen vorlägen und weitere Haftungsfragen geklärt seien, könne der geplante Hauptversuch zur Wiederherstellung der Eisbachwelle beginnen.

Hermeneutik des Zutrauens

Mit dem Soziologen Niklas Luhmann könnte man dazu vielleicht sagen: Delegitimation durch Verfahren. Ist das etwas München-Spezifisches? Oder ein Signum unserer Zeit? Im bayerischen Landtag haben kürzlich die Fraktionen von CSU und Freien Wählern ein Gesetz zur Schaffung von Modellregionen vorgestellt, in denen Landesrecht probeweise ausgesetzt werden darf. Was auf der Pressekonferenz gesagt wurde, hörte sich an wie eine Blaupause für den Umgang mit der Welle. Die Fraktionschefs Klaus Holetschek und Florian Streibl appellierten an die Beamten in den Verwaltungen, mehr Mut zu haben und sich nicht von „Kaskaden von Haftungs- und Schuldfragen“ (Holetschek) verunsichern zu lassen.

Das Wording erinnerte an ein aktuelles Buch des Soziologen Hartmut Rosa: „Situation und Konstellation“. Er beklagt darin das „Verschwinden des Spielraums“, das die Menschen immer mehr von Handelnden zu Vollziehenden mache. Rosa vertritt die Auffassung, „dass die Welt nicht einfach und schon gar nicht vollständig durch Gesetze zu gestalten“ sei. Politisches Handeln erfordere „handelnde und zusammen handelnde Akteure, die sich wechselseitig moralische Verantwortung zurechnen und solche auch übernehmen, und deren Handeln kreativ und lebendig auf die wechselhaften Situationen des sozialen Lebens reagieren“. Die „Hermeneutik des Verdachts“ sei zu ersetzen durch eine „Hermeneutik des Zutrauens“.

Die Haftung will keiner übernehmen

Wurde das womöglich jahrzehntelang gemacht an der Eisbachwelle? Wenn ja, kann man dahin zurückkehren? Die Staatsanwaltschaft verglich das Eisbachsurfen mit anderen „als sozialadäquat betrachteten Sportarten wie Skifahren oder Klettern“. Es seien keine Anhaltspunkte ersichtlich, dass das Surfen demgegenüber „eine nicht hinzunehmend erhöhte (Eigen-)Gefährdung der Sportler bedingen würde“. So sieht das auch Surfclub-Präsident Grün.

Eine „Hermeneutik des Zutrauens“ müsste von der Politik vorgelebt und gefördert werden. Ist das der Fall? Söder, der sich in seiner Heimatstadt Nürnberg stark für die Eröffnung einer Welle eingesetzt hat, lässt auf Nachfrage auf seine Nichtzuständigkeit verweisen. FDP-Mann Hoffmann sieht in Sachen Eisbach den Bundesgesetzgeber in der Pflicht. Holetschek sagt, bei der Eisbachwelle gehe es um Fragen des Sicherheitsrechts, „und die muss jede Kommune selbst bewerten“.

Und was ist mit den Surfern? Auch sie wollen die Haftung nicht übernehmen. Grün sagt: „Wir als Verein wollen es nicht – und wir können es nicht.“ Denn das wäre mit einem Betreibermodell (wie etwa in Nürnberg) verbunden, das sie aufgrund der anderen örtlichen Situation nicht stemmen könnten und das aus ihrer Sicht dem Wesen des Surfens an der Eisbachwelle zuwiderliefe. Das gilt übrigens auch für Überlegungen, mit Drehkreuzen den Zugang zur Welle haftungsrechtlich einzuhegen, oder für den Vorschlag eines Unternehmers und FDP-Stadtratskandidaten, als Pächter der Welle die Haftung zu übernehmen.

Wie wird es weitergehen? Oberbürgermeister Reiter hat schon öfter gezeigt, dass er in der Lage ist, die eigene Partei, den Koalitionspartner oder die von ihm immer wieder kritisierte Verwaltung zu düpieren. Wird er kurz vor der Wahl eine Lösung präsentieren und die Welle wieder öffnen? Oder lässt man sie einen langsamen Tod sterben? Die letzte Szene in „Munich Machine“ gehört übrigens auch der Welle – und dem 2022 verstorbenen Schwabinger Regisseur Klaus Lemke, der sicher nicht schuld war an der verlorenen Tanzbarkeit der Stadt. Lemke sagt, etwas kryptisch, die Welle werde noch einmal auferstehen, mit ihm – „und dann bleibt sie für einen Augenblick Ewigkeit stehen, bevor sie wieder bricht“.