Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund liefern zum Bundesliga-Auftakt ein Spektakel – Sport

Eine halbe Stunde vor Mitternacht hatten sich Niko Kovac und Dino Toppmöller immer noch einiges zu sagen. Die Pressekonferenz nach dem Torspektakel zwischen Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund (3:3) war zwar längst vorüber, trotzdem wollte der BVB-Coach Kovac seinem Gegenüber Toppmöller noch etwas flüstern. Es ging in dem Austausch darum, sich nicht zu sehr von Erwartungen treiben zu lassen, die speziell in Frankfurt, aber auch in Dortmund mitunter in schwindelerregende Höhen schießen, wie Kovac, 54, später in vertrauter Runde anmerkte.

Die Eintracht sei etwa vor zehn Jahren noch ein Abstiegskandidat gewesen. Im März 2016 holte der damalige Vorstandsboss Heribert Bruchhagen bekanntlich den Fußballlehrer Kovac zu seiner ersten Station in die Bundesliga – damals brauchte es noch den Umweg der Relegation bis zur Rettung. Insofern geht es den Adlerträgern heute wirklich prächtig; mit ihrer Effizienz und Entschlossenheit trugen am Freitagabend zumindest einiges zum Unterhaltungswert beim Re-Start im deutschen Oberhaus bei.

„Beste Werbung für die Bundesliga“ hatte Dortmunds Geschäftsführer Lars Ricken gesehen. Er konnte mit dem Punktgewinn in letzter Minute auch deshalb gut leben, weil sich der BVB als Einheit präsentierte, die nach dem Trainingslager im sonnigen Marbella schwungvoll ins neue Jahr startete. Vor allem die Impulse von der Bank gefielen Ricken, da müsse man erst einmal „eine bessere finden“. Zudem erfüllten Spieler und Trainer sogleich die Forderung der Geschäftsleitung, den ästhetischen Anspruch zu steigern.

Guirassy verschuldet den Elfmeter, der zum 1:1 führt

Auch Kovac lobte die Offensivleistung seiner Auswahl, drei Gegentore seien allerdings „nicht unser Standard“. Die offenkundige Krise seines Torjägers Serhou Guirassy, der seit dem 31. Oktober mittlerweile auf einen Bundesligatreffer wartet, umschiffte der BVB-Trainer, zumindest öffentlich. Jeder Stürmer müsse eine solche Durststrecke überstehen: „Es ist ganz klar: Ich halte ihm weiterhin die Stange.“ Dass Guirassy den Elfmeter verschuldete, der zum 1:1 führte, passte allerdings zum unrunden Auftritt des Dortmunder Topstürmers.

Gleichwohl: Die Zuschauer, allen voran die 59 500 im Waldstadion, hatten „einen tollen Auftakt“ gesehen, befand Kovac und ergänzte: „Wir haben ein richtig gutes Spiel gemacht.“  Zweimal ging der BVB durch Maximilian Beier (10.) und den starken Felix Nmecha (68.) in Führung, zweimal antwortete die Eintracht durch Can Uzun (22./Foulelfmeter) und Zugang Younes Ebnoutalib (71.) umgehend, ehe sich die Nachspielzeit zum Drama ausweitete. Denn der Schlenzer durch den einstigen Dortmunder Mahmoud Dahoud (90.+2) sollte nicht das hessische Happy End sein. In Carney Chukwuemeka (90.+6) traf ein weiterer Einwechselspieler, diesmal auf der Gegenseite. Da hatten beide Trainer ein glückliches Händchen – und bei der Pressekonferenz später entsprechend wenig zu meckern.

„Fußballherz, was will du mehr?“, stellte Toppmöller seinem Statement voran. Der 45-Jährige hatte „ein gerechtes Ergebnis“ nach einem mutigen Auftritt gesehen hatte: „Man darf nicht vergessen: Wir haben gegen Dortmund gespielt. Eine Mannschaft, die nur einmal in den letzten 24 Bundesligaspielen verloren hat. Was Intensität und Zweikämpfe betrifft, da haben wir das Stadion mitgenommen.“ Behalte sein Team „Power und Energie“ bei, werde man sich beizeiten belohnen. Was in den Auswärtsspielen beim VfB Stuttgart am kommenden Dienstag und bei Werder Bremen am Freitag zu beweisen wäre.

Für den anspruchsvollen Monat Januar, in der die Eintracht überdies bei Qarabag Agdam und gegen Tottenham Hotspur um die letzte Chance zum Weiterkommen in der Champions League kämpft, scheinen die Frankfurter besser gerüstet zu sein, denn Sportvorstand Markus Krösche hat auf dem Wintertransfermarkt ganze Arbeit geleistet. Speziell die Verpflichtung des besten Zweitligatorjägers Ebnoutalib von der SV Elversberg könnte ein Glücksgriff sein. Allemal beeindruckend, wie sich der Draufgänger beim 2:2 für seine couragierte Darbietung belohnte.

Perfekter Einstand: Frankfurts Winterzugang Younes Ebnoutalib (rechts) entwischt Niklas Süle und erzielt den Treffer zum 2:2.
Perfekter Einstand: Frankfurts Winterzugang Younes Ebnoutalib (rechts) entwischt Niklas Süle und erzielt den Treffer zum 2:2. (Foto: Michael Probst/AP/dpa)

Dabei wäre es fast noch schiefgegangen, sich den Ball mit der Sohle vorzulegen. „Als ich alleine aufs Tor zugelaufen bin, war ich ein bisschen überfordert. Komplett neu, vor so einer Kulisse. Dann habe ich den Ball zu spät mitgenommen und dachte mir: ‚Neiiin!‘ Aber dann habe ich versucht, den einfach noch irgendwie zu schießen“, gestand der gebürtige Frankfurter am Mikrofon von Sat 1. Bei Sky verriet der 22-Jährige noch, warum er beim Torjubel mit den Händen verschlungen die Zahlen 4, 3 und 9 formte. Eine Hommage an die Nordweststadt, denn 60 439 ist die Postleitzahl eines nicht bestens beleumundeten Viertels der Mainmetropole.

Der Deutsch-Marokkaner ist stolz auf seine Herkunft – und seine Familie, die nach Schlusspfiff an der Tribüne wartete. Das Trikot ging an seinen bei Hannover 96 in der zweiten Mannschaft spielenden Bruder Ilias.  „Ich war ein richtiges Arbeitstier und habe stets versucht, Sachen, die ich falsch mache, von meinen Trainern anzunehmen“, erklärte Ebnoutalib, vor einem Jahr hatte er noch viertklassig beim FC Gießen gekickt. Artig bedankte er sich auch beim neuen Mitspieler Arnaud Kalimuendo, die Leihgabe von Nottingham Forest hatte ihm den Ball mustergültig in den Lauf gelegt: „Es war perfektes Timing: mein Laufweg, sein Pass.“

Toppmöller hat nach dem Ausfall von Nationalstürmer Jonathan Burkardt also wieder Angriffsoptionen.  Ebnoutalib habe sich „direkt freigeschwommen: Er hat ein gutes Gespür und guten Tiefgang“, sagte der Trainer. Kalimuendo wiederum habe eine „gute Aktivität und sehr gutes Spielverständnis“ gezeigt. Auch Kovac gab sich überzeugt, dass der 23 Jahre alte Franzose der Eintracht helfen werde. Er kenne den in Paris ausgebildeten Profi aus seiner Trainerzeit bei AS Monaco, habe ihn allerdings austrainierter in Erinnerung. Auf den Einwand, dass auch sein ewiges Sorgenkind Niklas Süle in der kurzen Winterpause augenscheinlich wieder an Gewicht zugelegt hat, setzte Dortmunds Trainer ein vielsagendes Lächeln entgegen uns sagte: Jetzt sei es wirklich Zeit, sich von alter Wirkungsstätte zu verabschieden. Nichts sollte diesen freudvollen Fußballabend trüben.