In unserer Kolumne „Grünfläche“ schreiben
abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und Christian
Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil
von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 11/2026.
In
irgendeiner Kiste, im Keller vielleicht, muss dieses alte Foto von mir
liegen. Juli 1990, mit achtzehn, der erste Urlaub ohne Eltern: Lloret de
Mar, Partyzone spanische Küste, altersgemäß peinlich. Es war nachts auf einer Straße, mein Fußballkumpel und ich halten eine deutsche Fahne hoch, die Backen rot vom Grölen und vom Vodka-Lemon.
Ich habe das Foto nie jemandem gezeigt. 1990 stand man als Deutschland-Fan auf dem Gymnasium unter Nationalismusverdacht, Fußball war zudem beinahe eine reine Jungssache. Cool wurden dieser Arbeitersport und Schwarz-Rot-Gold erst 2006 mit dem Sommermärchen.
Weggeschmissen habe ich das Foto nicht. Der
Sommer 1990 war meine beste Zeit als Fußballfan. Wir feuerten die
Nationalmannschaft an, und der 8. Juli war der Sonntag, an dem wir
Weltmeister wurden. Dass
mein Herz damals für die richtigen Helden schlug, darin bestätigt mich
Ein Sommer in Italien, ein neuer Dokumentarfilm, der nächste Woche in
deutschen Kinos anläuft. Er bringt das Kunststück fertig, zugleich lustig, traurig und zum Heulen schön zu sein.
In seinen 93 Minuten wird klar, wie gut sie sich verstanden, der Litti und der Icke, der Rudi und der Guido, selbst der Lothar und der Jürgen.
Wie wichtig es ihnen war, als Mannschaft aufzutreten. Welche Bedeutung
es für sie hatte, ihr Land würdig zu vertreten. Wie großartig sie es
fanden, auch für die Ostdeutschen zu gewinnen, von denen einige die neue
Freiheit nutzten, um über die Grenzen nach Italien zu reisen. Und welch
uneingeschränkte Autorität Franz Beckenbauer in der Mannschaft genoss.
Die Aufgabe, die deutsche Babyboomergeneration zum Titel zu führen, war beim Teamchef in den besten Händen. So beschreibt Klaus Augenthaler, bekannt für seinen harten Distanzschuss, eine Erinnerung, die sich bei ihm für immer eingefurcht
hat. Vor dem Elfmeterschießen im Halbfinale gegen England wollte er
sich freiwillig als Schütze melden. Beckenbauer, erzählt Augenthaler,
habe aber Augenthalers schlechte Bilanz vom Punkt gekannt und zu ihm
gesagt: „Auge, wir schießen aus elf Metern, nicht aus zwanzig.“
Augenthaler schlich sich, schoss nicht, Deutschland gewann.
Alle
Beteiligten und Augenzeugen haben auch noch lebhaft im Gedächtnis, wie
sich Beckenbauer über die Leistung seiner Mannschaft im Viertelfinale
gegen die Tschechoslowakei erzürnte, ihnen nach dem Sieg minutenlang eine Kabinenpredigt hielt und sich verletzte, als er vor Wut einen Eimer Eiswürfel umtrat. „Mach nicht den Pelé! Du
bist nicht Pelé, du bist Klinsmann!“, habe ihm Beckenbauer mitgeteilt,
sagt Jürgen Klinsmann. „Ich hatte zwei Hackentricks probiert, die
schiefgingen.“ Man merkt ihm heute an, dass er diese Lehre nie vergessen hat.
Beckenbauer kannte Klinsmanns Defizite am Ball; auf dessen Energie wollte er freilich nie verzichten. Im Achtelfinale gegen Holland lieferte Klinsmann eine der besten Leistungen, die je ein deutscher Fußballer vollbrachte. „Er war der
Hero“, sagt kein Geringerer als Lothar Matthäus. Beide kennt man als
Intimfeinde. Darauf angesprochen, leugnen sie nicht ihre Konflikte, die
sie Jahre nach der WM beim FC Bayern alias FC Hollywood miteinander
pflegten.
„Auf
dem Platz“, sagt Matthäus, „passte zwischen uns aber nie ein Blatt
Papier.“ Er selbst habe davon profitiert, wenn „der Jürgen sein Tor
macht“. Der Jürgen hat in Italien sein Tor gemacht, nicht nur eins, wie die Doku zeigt. Sein wichtigstes bei jenem hochemotionalen 2:1-Sieg gegen den westlichen Nachbarn.
Es
war der Abend, an dem Frank Rijkaard zweimal Rudi Völler in die Locken
spuckte, wonach beide vom Platz flogen. Dies war einer der Unterschiede
zur deutschen Mannschaft in anderen Turnieren, 1982 und 1986 mogelte
sie sich mehr oder weniger ins Endspiel. 1990 aber war es Völler, dem großes Unrecht getan wurde. Mir wurde Unrecht getan, fühlte ich damals vor dem Fernseher. Bei keinem anderen Fußballmatch stand für mich so viel auf
dem Spiel. Völler ertrug es mit größtem Sportsgeist, später machten
Völler und Rijkaard gemeinsam im Bademantel Werbung für Butter und
andere Molkereiprodukte.
Viele der Helden der 1990er-Jahre hatten kein Glück in ihren späteren Karrieren, sie wurden auch aus Dünkel abseits des Platzes belächelt. Auf der Grünfläche aber eroberten sie spielend
die Welt. Die Regisseurinnen Vanessa Goll und Nadja Kölling haben so
gut wie alle vor die Kamera bekommen. Guido Buchwald, Andy Köpke, Hansi Pflügler, Kalle Riedle (der Einzige, der heute
noch besser aussieht als damals), Andreas Möller, der damals laut seinem Frankfurter Mitspieler Uwe Bein kurz vor der Abreise stand, weil er
nicht spielte. Möller, im Gegenschnitt damit konfrontiert, bestreitet
das.
Weil Bodo Illgner kurz vor dem Turnier eine Kamera geschenkt bekommen hatte und sie Jahrzehnte später wiederfand, sieht man in der Doku Aufnahmen, die man bislang nicht kannte: deutsche Fußballer in knappen Speedo-Badehosen am Pool, mit viel Haar auf dem Kopf und im Gesicht, in Ballonseide beim Ausflug auf dem Comer
See. Oder Beckenbauer, dem im Training ein Ball zuspringt, und der sich
umgehend in ein Kind zurückverwandelt. Oder den nach dem Triumph Zigarre
paffenden Riedle und den selig in den Sonnenaufgang tanzenden Matthäus.
Sepiatöne aus glücklichsten Tagen der frisch vereinten Bundesrepublik.
Einer fehlt, neben dem 2024 verstorbenen Franz Beckenbauer, besonders: Andreas Brehme. Der Lothar mag der Kapitän gewesen sein, der Motor, der Weltfußballer. Aber der beste Kicker in der Mannschaft war der Andi. So war er der Einzige aus der Mannschaft, der in einem speziell von Beckenbauer kreierten Aufwärmspielchen, in dem es darum ging, gemeinsam den Ball hochzuhalten, dem Franz gewachsen war. 1989 wurde der Supertechniker Brehme zum
Spieler der Saison in der Serie A gewählt. Klingt nach einer
Kleinigkeit, für Kenner aber war das die höchste Auszeichnung, ähnlich dem
Siemens-Preis in der Musik.
Bei der WM 1990 bereitete „unser perfektester Spieler“ (Beckenbauer über Brehme) in der Vorrunde einige Tore mit Flanken vor, in den K.-o.-Spielen schoss der Verteidiger drei der fünf wichtigen Treffer gleich selbst. Welch
einmaliger Fußballer er war, zeigt ein Detail, an das Rudi Völler in
der Doku erinnert: 1986 traf Brehme einen Elfmeter mit links. Den im Finale 1990 schoss er mit rechts, neben den Innenpfosten und rein.
„Für mich war nur die Frage, wo ich mich am Strafraum positionieren
muss, damit ich der Erste zum Gratulieren bin“, erinnert sich Pierre
Littbarski an den Moment vor dem entscheidenden Schuss. Matthäus, der
seinem langjährigen Mitspieler und Zimmergenossen bei Inter Mailand den Strafstoß überlassen hatte, nennt es „die beste Entscheidung, die ich in meiner Karriere getroffen habe“.
Vor
zwei Jahren, wenige Wochen nach Beckenbauer, starb Andi Brehme mit 63.
„Er hat uns zum Weltmeister gemacht“, sagt Thomas Häßler, dessen Trauer
seine Worte fast verschluckt. Im intensivsten und intimsten Moment von Ein Sommer in Italien spricht Matthäus über Brehme. „Er war mein
Freund, er war mein Bruder.“ Er gerät ins Stocken, seine Lippen beginnen
zu zittern, die Augen gehen ihm über. Die Erinnerung an Andreas Brehme
bringt den Weltfußballer zum Weinen. Mich auch.
Ein Sommer in Italien – WM 1990. Ab 19. März in deutschen Kinos
Kicken kann er – Der Fußball-Podcast:
Andreas Brehme, der beidfüßigste Fußballer ever
