

Einer der spektakulärsten Einzelbefunde der Langlebigkeitsforschung, heute oft verhandelt unter dem Sammelbegriff Longevity, wurde vor sieben Jahren bekannt – und er wirkt bis heute nach. Damals rückte der Thymus ins Scheinwerferlicht. Das vergessene Organ.
Der Thymus liegt hinter dem Brustbein zwischen den Lungenflügeln. Dass er in der ärztlichen Praxis praktisch nie erwähnt wird und auch wissenschaftlich lange vergessen wurde, liegt daran, dass der Thymus schon bald nach der Reifung im Jugendalter zu schrumpfen beginnt und sich auch später im Leben nicht bemerkbar macht. Ein vermeintlich nutzloses, degeneriertes Gewebe, das lediglich für die frühe Reifung des Immunsystems wichtig, ja lebenswichtig, ist.
Aus dem Thymus stammen nämlich die T-Zellen, die in dieser frühen Lebensphase ein entscheidendes Arsenal jener Immunzellen ausbilden, die später aktiv gegen Viren, Bakterien und auch gegen Krebszellen aktiv vorgehen. Der Thymus ist freilich viel mehr als die Wiege der T-Zellen. Er ist quasi die Jugend-Bildungsakademie des Immunsystems: Während die T-Zellen reifen, lernen sie durch die Oberflächeneigenschaften anderer Zellen das eigene von fremdem Gewebe zu unterscheiden. Weil dieser Prozess der T-Zell-Rekrutierung bis zum Erwachsenenalter abgeschlossen ist und anschließend das Organ sukzessive schrumpft, verfettet und scheinbar nutzlos daliegt, glaubten Generationen von Medizinern, dass dieses Restorgan tatsächlich wenig zur Gesundheit beiträgt.
Erfolgversprechende Versuche der Thymus-Verjüngung
Diese offensichtlich voreilige Betrachtung wurde im September 2019 durch die von Greg Fahy geleitete Gruppe korrigiert. Die US-Wissenschaftler vornehmlich aus Stanford, der University of California und der Privatfirma Intervene Immune hatten an einigen wenigen Menschen eine Art Thymus-Regeneration erreicht: Ein Cocktail aus Wachstumshormon, dem Steroidhormon DHEA und Metformin sorgte dafür, dass der Thymus reaktiviert und das Altern an verschiedenen Stellen im Körper messbar zurückgedreht wurde.
Ein Beweis jedoch, dass der teilweise regenerierte Thymus die entscheidende Rolle dabei spielte, lieferte diese kleine Studie natürlich noch nicht. Tatsächlich laufen Fahys Thymus-Experimente, die TRIIM-X-Studie, noch immer. Die Hinweise allerdings, dass der Thymus im Erwachsenen medizinisch unterschätzt wird, sind nun durch zwei „Nature“-Studien von Simon Bernatz von der Harvard-Universität und einigen Bostoner Kollegen erhärtet worden.
Im Mittelpunkt ihrer Untersuchung stehen MRT-Aufnahmen des Thorax, die an 27.500 Menschen im Zuge des nationalen Lungenscreeeing-Programms und der Framingham Herzstudie vorgenommen worden waren. Ein KI-Programm wertete jeweils die Größe des verbliebenen Thymus bei den Probanden aus. Nach Abgleichung mit den jeweiligen Gesundheitsdaten berechneten die Forscher daraus einen „Thymus-Gesundheitsscore“. Die Restorgangröße wurde also als Maßstab herangezogen. Ein, wie die Forscher eingestehen, stark vereinfachendes Vorgehen, zumal man nicht weiß, wie der Thymus der Probanden jeweils beschaffen war – wie viel gesundes, möglicherweise T-Zell-produzierende Zellschichten tatsächlich noch vorhanden war. Und dennoch: die Korrelation aus Thymusgröße und Vitaldaten war sehr stark. Menschen, die biologisch schneller alterten, auch solche, die hohe Entzündungswerte aufwiesen, hatten einen niedrigeren Thymus-Score. Und auch bei der Betrachtung von Krebspatienten zeigte sich: Frauen und Männer mit Brust- oder Nierenkrebs, auch Hautkrebspatienten, sprachen bei einem „gesünderen“ Thymus offenbar klar besser auf die Immuntherapien gegen Tumore an als solche mit degeneriertem Thymus.
Damit muss zwar die Frage nach der Rolle des verschrumpelten Thymus wissenschaftlich gesehen als weiterhin ungeklärt gelten. Einiges aber spricht nun dafür, die vor Jahren aufgenommene und gelegentlich auch belächelte Fährte der Jungbrunnenforscher noch intensiver zu verfolgen als bislang. Medizinisch könnte es sich lohnen.
