Ein Landarzt spricht über leere Regale in Praxen und den Nutzen von Büchern

Einige von Ihnen, die vielleicht schon über längere Zeit meine Kolumne hier lesen und verfolgen, wissen, dass ich mich eigentlich wie 33 fühle, aber schon deutlich älter bin. Soll heißen: Ich versuche immer, am Puls der Zeit zu bleiben – flexibel und jung.

Ich habe in meiner Zeit als Arzt schon einige Moden und Veränderungen in der Medizin und im Gesundheitswesen miterleben dürfen. Zuletzt ist mir das wieder aufgefallen beim Einrichten meiner neuen Praxisräume. Wir eröffnen eine weitere Zweitpraxis auf dem Land, und die soll möglichst schön und modern werden. So wie man es eben heute macht. Das heißt heute vor allem: weiß und schlicht. Manche würden es vielleicht als „weiße Leere“ bezeichnen, ich würde es eher als Freiheit beschreiben. Mir gefällt es.

Früher, das heißt vor etwa zehn bis 20 Jahren, bekamen wir noch jede Menge sogenannte „Arzneimuster“ von Pharmareferenten, die uns in der Praxis besuchten. Diese Muster konnten wir dann kostenlos an die Patienten abgeben. Die Mengen der Medikamente waren beachtlich, sodass jedes Arztzimmer mindestens einen großen Medikamentenschrank brauchte – oft ein Prachtstück deutscher Schreinerkunst.

Ich bin ehrlich, ich vermisse die Bücher

Daneben mussten auch Fachbücher und Formulare abgelegt werden, natürlich auch die ganzen Patientenkarteikarten. Sprechzimmer waren also durchaus voller Regale. Das alles ist vorbei: Jetzt haben wir die Digitalisierung, mehr noch – das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz.

Durch die Digitalisierung sind die Massen an Patientenkarten auf die Größe einer Festplatte geschrumpft. Auch die Bücher, Zeitschriften und Nachschlagwerke sind inzwischen fast alle digital abrufbar. Also wird noch weniger Platz in Schränken gebraucht. Nur ein deutsches Lieblingskind – die Formulare – braucht noch einen gewissen Platz in der Praxis. Da ist dann die ein oder andere Ablage doch weiterhin noch nötig.

Ich bin eigentlich sehr froh, dass wir mehr Platz und damit auch mehr Gestaltungsfreiheit in den Räumen haben. Aber – und so ehrlich bin ich – die vielen Bücher im Regal vermisse ich schon.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Vor zwei Jahren war ich mal wieder in meiner Lieblingsbücherei, wenn man das so sagen darf; denn es ist keine „um die Ecke“, sondern die an der Universität in Harvard in den USA. Wenn ich dort in den vergangenen Jahrzehnten war, versank ich immer in den endlosen Regalen von medizinischen Werken. Stunden konnte ich dort verbringen – zum Leidwesen meiner Frau.

Aber ganz ehrlich: Ich finde es einfach unbeschreiblich, ein frisch gedrucktes Buch in den Händen zu haben. Der Geruch nach Druckerschwärze, der Einband, das Gewicht des Buches – das alles sind für mich sehr sinnliche Erlebnisse.

Umso größer der Schock bei meinem letzten Besuch in Harvard: keine Bücher mehr, nur noch schmale Skripte. Auf meine Frage, warum, bekam ich die Antwort, jedes Fach würde für die Prüfung ein eigenes Skript herausbringen; gelernt werde dann aus dem Internet. Wie mit einem Hammer wurde ich aus meinem „Gutenberg-Universum“ vertrieben – so muss sich wahrscheinlich auch Adam gefühlt haben, als er den Garten Eden verlassen musste.

Aber man kann sich diesem Trend nicht entziehen. Denn wie beschrieben, leeren sich auch bei mir die Schränke. Manchmal schaue ich mit Wehmut in die leeren Fächer. Ich werde sie aber schon füllen – auch in der neuen Praxis –, wahrscheinlich wieder mit Büchern. Eins davon wird sicher das mit dem Titel sein: „In 80 Büchern um die Welt“.

Ihnen noch eine schöne Woche, vielleicht mit einem kleinen Abstecher in die Gutenberg-Welt. Herzlich – Ihr Landarzt

Dr. Thomas Aßmann, 62 Jahre alt und Internist, hat eine Praxis im Bergischen Land. Er schreibt hier regelmäßig.