Viel größer als dieser Star wird’s in München derzeit nicht. Gut, die Taylor-Swift-Fans mögen da müde lächeln. Und Cristiano Ronaldo hat zwar noch mehr Follower auf Instagram – singt aber (zum Glück) nicht.
Dann kommt im Ranking wohl schon Drake. Der Rapper aus Toronto bricht mit seinem Mix aus Rap, R’n’B und Afrobeat seit Jahren sämtliche Streaming-Rekorde, heimst Preise en masse ein und füllt die Olympiahalle gleich an drei Abenden.
Was das Münchner Publikum dann in gut zwei Stunden sah, war eine minutiös durchgetaktete Show mit glasklarem Sound und einem Superstar, der erstaunlich nahbar wirkte. Vor allem wegen einer Bühnenkonstruktion, wie sie diese Stadt noch nicht gesehen hat.
Wie es sich für einen Superstar gehört, ließ er sein Publikum erst einmal warten. 45 Minuten später kam er in die Halle. Um diese nächtliche Uhrzeit sind viele Konzerte schon längst vorbei. Bevor „Drizzy“ aber die ersten Takte sang, herrschte an einem unscheinbaren Eingang zum Innenraum Aufregung.
Zum ersten Mal in München
Rund 20 Security-Mitarbeiter gerieten sichtbar unter Strom. Der Bereich wurde weiträumig abgesperrt, denn statt mit Pyro-Show von oben auf die Bühne zu schweben, schlenderte der Rapper ganz entspannt die Treppen herunter, als stünde er eben noch am Bierstand. Er klatschte Fans ab, grinste und hielt einem im Vorbeigehen seine protzige Armbanduhr hin: eine wortlose Entschuldigung für die Verspätung.

© Mark Blinch/The Canadian Press/AP/dpa
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Wie ein Boxer, flankiert von seiner Crew, tänzelte Drake Richtung Bühne. Nur war das hier kein Boxring aus Seilen und Matten, sondern ein Plexiglas-Steg, drei Meter hoch, rund um den Innenraum gespannt. Münchens größte Carrera-Bahn war bereit für das Highspeed-Konzert.
„Normalerweise entschuldige ich mich, wenn ich lange nicht in einer Stadt war. Aber hier bin ich wirklich zum ersten Mal“, rief der 38-Jährige gleich zu Beginn und legte Songs wie „Marvins Room“ oder „Passionfruit“ butterweich über die Menge.
Bei „Nonstop“ oder „Knife Talk“ hingegen rappte er mit voller Präzision. Immer wieder senkten sich 14 leuchtende Streben aus dem Hallendach: Wie futuristische Lichtskulpturen schwebten sie über den Köpfen und verwandelten die Arena für einen Moment in einen nächtlichen Club.
Viele Hits nur im Schnelldurchlauf
Musikalisch zeigte Drake, warum er als Chamäleon des Pop gilt: Mühelos wechselte er zwischen introspektivem R’n’B, druckvollem Trap und tanzbaren Afrobeats. Ab dem Song „What’s Next“ sammelte der Rapper sichtbar Schritte für seinen Fitness-Tracker: rennend, springend, hüpfend jagte er über den Steg.
Viele Hits spielte er nur im Schnelldurchlauf, wie ein Streifzug durch seine eigene TikTok-Timeline. Inhaltliche Tiefe wich viraler Energie. Die Kamera fing von unten sogar seine Schuhsohlen ein. Im Innenraum zog die Fanmasse wie eine Welle hinter ihm her, versank bei Songs wie „No Face“ und „Rich Flex“ im Moshpit oder bestaunte die meterhohen Feuerfontänen.

© picture alliance/dpa/Petersen
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Die Fans hatten sich für ihren Star ordentlich aufgebrezelt. Alles, was der Kleiderschrank und das Kosmetikregal hergaben, wurde verwendet. Am Einlass sah es nach einer Mischung aus Abiball und Cluburlaub aus. Einige besonders Hartnäckige standen am Vorabend sogar auf dem Besucherhügel am Flughafen, um die Landung von Drakes himmelblauem Boeing-Privatjet zu verfolgen. Der Grammy-Gewinner verließ das Flugzeug als Zweiter – zum Hotel eskortiert von schwarzer Wagenkolonne. Es fehlten nur noch ein roter Teppich und die Ehrenformation für den echten Staatsbesuch.
Ein fast perfekter Abend
Und so kritisch man mit dem ganzen Hype und der modernen Konzertproduktion aus Übersee sein muss: Dieser Show-Aufbau war genial. So waren ihm auch die Fans in den hinteren Reihen (die es ja irgendwie nicht gab) ganz nah. Die Kapazität erhöhte sich zudem pro Konzert auf 13.000 Zuschauer, weil die klassische Bühnenwand und der abtrennende Vorhang fehlten.

© picture alliance / Myles Wright/ZUMA Wire/dpa
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Doch nicht nur auf seiner Plexiglas-Rennbahn performte der Star. Beim DJ im Oberrang trank er einen Shot, sang den Mega-Hit „One Dance“ und bedankte sich artig bei allen Bühnenhelfern, Securitypersonal und Ticketkontrolleuren. Das klang gescriptet – aber irgendwie auch ehrlich.
Einziger kleiner Schatten auf einem fast perfekten Abend. Der Zwischenauftritt von Rapper-Kollege „Partynextdoor“. Der Kanadier setzte auf altbackenes Rap-Gehabe, sechs knapp bekleidete Tänzerinnen und jede Menge Autotune. Er benötigte einen Teleprompter für seinen Text, wirkte lustlos und aus der Zeit gefallen.
Nach 20 langen Minuten war Schluss und der Headliner übernahm wieder. Mit einem wilden Finale zu „Hotline Bling“ bei dem die Fans auf dem Boden saßen und „ruderten“, und einer Massenumarmung bei „Yebba’s Heartbreak“ ließ Drake den Abend ausklingen.
