Eigenbrauer-Syndrom: Wenn der Darm Alkohol produziert – Gesundheit

Das Phänomen bietet Stoff für Witzeleien und ist ein Klassiker in Arztserien: Der Patient – es scheinen häufiger Männer betroffen zu sein – torkelt durchs Behandlungszimmer und schwört bei allem, was ihm einfällt, keinen einzigen Tropfen Alkohol getrunken zu haben. Haben sich dann irgendwann genug Dramen entsponnen, tritt verlässlich einer der Mediziner mit der Lösung hervor: Der Patient leidet am Eigenbrauer-Syndrom. Das heißt, er hat tatsächlich nichts getrunken, sondern seine eigene Alkohol-Produktionsanlage im Darm. Sie wandelt Kohlenhydrate aus der Nahrung in Ethanol um, der dann ebenso wirkt wie das Pendant aus Bierflasche oder Weinglas. In der Arztserie ist an dieser Stelle alles gesagt und gelöst. Die Realität sieht freilich etwas anders aus.

Tatsächlich gibt es dieses Phänomen, wenngleich es extrem selten zu sein scheint. Doch gesagt ist dazu noch lange nicht alles. „Das Eigenbrauer-Syndrom ist eine missverstandene Störung, für die es kaum Tests und Therapien gibt“, erklärt die Infektionsmedizinerin Elizabeth Hohmann vom Massachusetts General Hospital in Boston in einer Pressemitteilung. Patienten bräuchten oft lange bis zur Diagnose. Und es ist noch nicht einmal klar, was genau in den Därmen der Betroffenen passiert.

In dieser Frage liefern nun Hohmann und weitere internationale Forscher immerhin einige Erkenntnisse. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben Stuhlproben von 22 Patienten und einigen Kontrollpersonen untersucht, womit sie nach ihren Worten die bisher größte Studie zum Syndrom auf die Beine gestellt haben.

Nicht Pilze, sondern Bakterien scheinen verantwortlich zu sein

Die Forscher fanden keine Häufung von Hefepilzen, die lange als Hauptverdächtige für die Darmvorgänge galten. Stattdessen identifizierten sie verschiedene Darmbakterien und Enzyme als wahrscheinlichste Verursacher. Mit deren Hilfe produzieren die Patienten episodisch Alkoholmengen, die zu einem manifesten Rausch reichen können.

Was in manchen Berichten gerne spaßig beschrieben wird – „Die verrückteste Happy Hour der Welt“ betitelte etwa eine US-Universität ein Video zum Syndrom –, ist für die Betroffenen nicht lustig. Denn mit dem unfreiwillig ins Blut gelangten Alkohol können eine Menge Probleme in Alltag und Gesundheit einhergehen, betonen die Forscher in ihrer im Fachblatt Natur Microbiology veröffentlichten Studie.

Die Wissenschaftler hoffen nun, dass mit ihren Erkenntnissen Stuhltests entwickelt werden können, die einfacher anzuwenden sind als die bisher gängigen Messungen. Einfachere Tests könnten womöglich auch die Frage klären helfen, wie viele Menschen überhaupt auf dieser Welt unterwegs sind, während ihr Bauch fortwährend relevante Mengen Alkohol produziert. Und ob es womöglich auch mildere und schwerer zu bemerkende Formen des Eigenbrauens gibt.

In der Fachliteratur findet sich die Vermutung, dass manche Menschen Alkohol in einer geringen Menge herstellen, die von der Leber vollständig abgebaut wird und keine Trunkenheit hervorruft – aber dennoch die Leber schädigt. Das ist erstmal nur eine Hypothese. Aber sie zeigt, dass es noch einiges über das seltene Syndrom zu sagen gäbe.