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az: Frau Stötzer, Sie bekommen im Herbst 2026 den Goslarer Kaiserring verliehen, einen der weltweit wichtigsten Kunstpreise. Wie hat Sie die Nachricht erreicht?
Gabriele Stötzer: Ich wurde von Marion Ackermann im Namen der Jury angerufen und gefragt, ob ich den Preis annehmen möchte. Ich kannte den Preis gar nicht. Als ich las, wer den schon alles bekommen hat – Henry Moore, Joseph Beuys, Rebecca Horn und Miriam Cahn –, alles Menschen, für die ich mal geschwärmt habe und sehr bewundere, lag ich erst mal im Bett wie eine Leiche. Ich dachte, die Jury hat mich verwechselt. Doch dann sagte ich mir: Gabi, du bist jetzt 72 Jahre, da kann auch so ein Preis kommen! Ich durfte es niemandem erzählen, konnte es verdauen und nun freue ich mich sehr! Alle, die ich kenne, freuen sich mit. Gerade die Frauen sagen: Eine von uns muss es schaffen!
Im Interview: Gabriele Stötzer
Gabriele Stötzer, geboren 1953 in Thüringen, ist Künstlerin und Schriftstellerin. In der DDR war sie aus politischen Gründen in Haft, leitete eine private Galerie in Erfurt, initiierte die Erfurter Künstlerinnengruppe „ExterraXX“ und war 1989 Mitgründerin von „Frauen für Veränderung“ in Erfurt. Sie gehörte zu den vier Frauen, die im Dezember 1989 die Stasi-Bezirksverwaltung in Erfurt besetzt haben, um Aktenvernichtung durch die Staatssicherheit zu stoppen. Für ihre Vorreiterrolle im Bereich des künstlerisch-aktivistischen Arbeitens erhält sie in diesem Jahr den Goslarer Kaiserring.
taz: Sie sind die erste ostdeutsche Künstlerin, die den Preis bekommt und auch die erste, die eine Einzelausstellung im Gropius Bau in Berlin hat, die im Juni 2026 eröffnet. 2013 erhielten Sie das Bundesverdienstkreuz für Ihr politisches und künstlerisches Engagement in der DDR, 2024 den renommierten Pauli-Preis. Wie blicken Sie auf diese späte Anerkennung?
Stötzer: Ob in der DDR oder später im Ausland, ich habe nie etwas anderes gemacht als Kunst. Ich war unentdeckt und das war für mich ganz normal. Kein Schwein hat sich für mich interessiert. Nach 1989 musste ich schauen, dass ich nicht untergehe. Die ersten, die mich richtig ausgegraben und in alle meine Kartons geschaut haben, waren Franciska Zólyom und Vera Lauf von der Galerie für Zeitgenössische Kunst, wo ich 2019 eine Einzelausstellung hatte. So wurden die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden auf mich aufmerksam. Die damalige Generaldirektorin Marion Ackermann hat gesagt: „Wenn Stötzer bleiben soll, muss jedes Museum was von Stötzer haben!“ Das leuchtete mir ein. Meine Kunstwerke sind meine Kinder und die müssen in die Welt. Dresden hat dann ein Modeobjekt von mir gekauft, und zwei von Verena Kyselka und Monika Andres, die für die Mode-Objekt-Shows unserer Künstlerinnengruppe Erfurt stehen.
taz: Was waren das für Kostüme?
Stötzer: Ein Antennenkostüm und ein Kleid aus Zeitung, eingenäht in durchsichtige Folie. Wir haben in der DDR ja vor allem versucht, zwischen den Zeilen zu lesen. Wir waren junge Frauen, haben unsere Träume und Sehnsüchte vernäht und sind damit aufgetreten. Wir wollten das menschliche Dasein spüren. Aber wir wurden immer auf ein menschliches Abseits gedrängt. Das war eine Macho-Gesellschaft. Da musste man sich als Frau schon durchsetzen, um wahrgenommen zu werden. Ich habe immer alles mitgemacht, weil ich wusste: Ich muss meinen Namen streuen, sonst gehe ich unter. Dabei war ich immer solidarisch mit anderen Künstlerinnen. Auch schon im Untergrund in der DDR habe ich die verrücktesten Dinge für unsere illegalen Zeitschriften, die Männer, teils IMs und Machos, leiteten, abgegeben, damit die sich ärgern. Heute denke ich: Ich bin doch zäh und streitbar!
taz: Als junge Frau haben Sie 1976 die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterschrieben. In der Nacht, bevor Sie die Liste nach Ostberlin bringen wollten, wurden Sie verhaftet. 12 Monate saßen Sie im Frauengefängnis Hoheneck. Sie haben darüber das Buch „Der lange Arm der Stasi“ geschrieben, das meiner Meinung nach Pflichtlektüre in deutschen Schulen werden sollte.
Stötzer: Das sehe ich auch so! Es wird gerade noch einmal aufgelegt.
taz: Wie blicken Sie heute auf die Aufarbeitung dieser Zeit?
Stötzer: Es gibt natürlich noch blinde Flecken. Jeder muss auf seine Art daran arbeiten. Ich mache, was ich kann. Ich habe bisher alle Anfragen angenommen, Filme, Zeitzeugenberichte, Interviews für Master- und Doktorarbeiten. Ich habe sofort nach dem Knast darüber geschrieben und geredet. Viele Frauen konnten das nicht. Viele sind aus dem Knast in den Westen und schweigen bis heute darüber.
Das war eine Macho-Gesellschaft. Da musste man sich als Frau schon durchsetzen, um wahrgenommen zu werden.
taz: Als politische Gefangene hätten auch Sie die Chance gehabt, in die BRD zu kommen. Sie haben sich bewusst dafür entschieden, in der DDR zu bleiben. Warum?
Stötzer: Hoheneck war tatsächlich das Tor zum Westen. Dort waren die Schwerverbrecherinnen. Die Bürgerinnen, die die DDR verlassen wollten, gehörten dazu. Viele wurden für 30.000 bis 100.000 West-Mark in den Westen verkauft. Ich wollte nicht, dass die Arschlöcher Geld für mich bekommen. Ich wollte auch nicht in den Westen. Ich war in der DDR geboren, hatte Familie und FreundInnen. Wir haben geglaubt, dass der Sozialismus reformierbar ist. Im Knast wusste ich: Das ist er nicht mehr! Ich habe gesehen, wie dieses Volk regiert wurde: mit Hass, mit Machtmissbrauch. Ich habe die Folterwerkzeuge gesehen.
taz: Sie waren damals erst 23 Jahre alt, sind in den Hungerstreik getreten, wurden zwangsoperiert. Wie schafft man das als junger Mensch?
Stötzer: In einem Land, das eingemauert war, kam ich hinter andere Mauern. Ich war jung genug, das interessant zu finden. Ich dachte auch, dass ich ein Stück deutsche Schuld mit absitze. Im Knast fiel mir wieder ein, dass ich als Kind Künstlerin werden wollte. Wir waren 20 Frauen in einer Zelle. Ich hatte nachts die Weltprobleme zu lösen und dann mussten wir im Dreischichtsystem arbeiten. Am schlimmsten war die Frühschicht. Ich habe Strumpfhosen für „Esda“ genäht und bin fast zusammengebrochen. Ich konnte nicht mehr. Da hatte ich Todesgedanken. Im Leiden bin ich Eins A.
taz: Sie sagten, im Knast haben Sie alles über Frauen gelernt, was Ihre Mutter Ihnen nicht erzählt hat.
Stötzer: Ich habe tätowierte Frauen gesehen. Ich habe Mörderinnen und Lesben kennengelernt. Das war im Knast fast normal, weil viele schon direkt aus dem Jugendwerkhof weiter ins Gefängnis kamen und also auch ihr sexuelles Erwachen mit anderen Frauen hatten.
„überleben und leben“
Ans Swart (Amsterdam) und Gabriele Stötzer (Erfurt)
Verein der Berliner Künstlerinnen 1867
Projektraum Eisenacher Straße 118
10777 Berlin
5. 3. – 12. 4. 2026
taz: Frauenfiguren sind bis heute zentral in Ihrem Werk.
Stötzer: Ich habe mich immer gefragt: Was kannst du in dieser Welt, die von Männern dominiert wird, machen? Ich habe schon früh archetypische Frauenbilder kreiert, mit denen sich Frauen identifizieren können. Ich habe Frauen mit ihren Haaren an die Wand genagelt. Ein Bild, das überall entstehen kann. Das kann man auch in Spanien machen oder in anderen Ländern. Das ist einfach und klar. Wahrscheinlich ist es doch große Kunst, die ich mache, weil ich so einfach bin und über Grenzen gehe.
taz: Woran arbeiten Sie aktuell?
Stötzer: Ich vermittle die Kraft der Frauen mit monumentalen Frauenbildern. Als der Krieg in der Ukraine begann, habe ich eine große Figur „Frauenkraft“ gemacht. Als es im Nahen Osten anfing, habe ich eine Figur gemacht, die heißt „Undine kommt“. Das bezieht sich auf das Buch von Ingeborg Bachmann, „Undine geht“ von 1961, das gab es auch in der DDR. Die Urfrau verlässt die Welt der kriegerischen Männer. Jetzt dachte ich, die weibliche Urkraft muss wieder kommen und hinsehen lernen. Wir müssen die Zerstörung aushalten. So wie die Leute aushalten müssen, dass ich im Gefängnis war und darüber rede. Für die Ausstellung in Berlin habe ich „Undine kommt und sieht“ gemacht, eine unendlich schöne Frau mit Brüsten, Händen und Füßen aus Keramik. Der Rest ist aus Wolle geknüpft, was mir wichtig ist. Eine Frau, die haarige Beine und ein haariges Gesicht hat, gerade jetzt, wo den Frauen alles abrasiert wird. Diese Figur ist 3,50 Meter hoch. Jetzt mache ich noch eine neue für Goslar. Eine Sphinx. Eine Figur, die ich aus Freude gemacht habe, nicht aus Protest.
taz: Haben Sie je mit Wolf Biermann über Ihre Haft gesprochen?
Stötzer: Wir haben nicht über meine Inhaftierung gesprochen, aber wir kennen uns. Im Herbst 1989 haben sich alle Frauengruppen in Erfurt zusammengeschlossen zu „Frauen für Veränderung“. Ich habe auf einer Demo gesprochen und habe gesagt: Wenn wir verhindern wollen, dass immer mehr Menschen gehen, dann muss Biermann wieder hier singen, bei uns in Erfurt auf dem Domplatz. Wenn ihr das wollt, dann ruft es laut! Und das haben die Menschen gemacht. Ich habe Biermann nach der Maueröffnung in Hamburg besucht und gebeten, dass er nach Erfurt kommt. Er war am 25. Januar 1990 da und hat auch Konzerte in Jena und Dresden gespielt. Ein Teil des Eintrittsgeldes hat er uns gespendet. Davon konnten wir das Kunsthaus Erfurt kaufen. Wir hatten 10.000 Mark von Biermann, 10.000 Mark von Christa Wolf und 10.000 Mark von eigenen Auftritten. Wir haben einen Kredit bekommen und das Haus ausgebaut. Es existiert noch und wird von Monique Förster geleitet. Wenn ich in Berlin im Gropius Bau ausstelle, wird sie parallel eine Ausstellung mit Werken unserer Gruppe „ExterraXX“ machen. Und am 29. August 2026 machen wir und das Weimarer „Ensemble für Intuitive Musik“ eine Performance auf dem Dach des Gropius Baus, denn unsere Super-8-Filme haben wir in den 80er Jahren auf den Dächern in Erfurt gedreht.
