Edith Tudor-Harts Fotografie in Berlin: Die Kamera als Waffe

Tief sitzen die Hüte und Schiebermützen in der Stirn, misstrauisch sind die Blicke, die sich in der Menschenmenge verlieren. Präzise und klar ist der Blick der Fotografin Edith Tudor-Hart, die diesen Moment auf Schwarzweißfilm festhält. Leicht von oben fängt sie das Geschehen ein: Arbeitslose demonstrieren im Wien der frühen 1930er Jahre.

Die atmosphärisch dichten Aufnahmen von Edith Tudor-Hart bilden eine Zeit ab, in der die sozialdemokratische Hochburg zu bröckeln beginnt und der aufsteigende Faschismus durch die Ritzen und Mauern bis in die Hinterhöfe der österreichischen Hauptstadt dringt. Frust und Unbehagen stehen den Menschen in die vom Krieg gezeichneten Gesichter geschrieben.

Wie sah der Alltag einer Generation aus, die während der Weltwirtschaftskrise politische Zuversicht und Arbeitsplätze en masse verlor? Ins Mahlwerk der ideologischen Umbrüche geraten, balanciert eine Frau an der Grenze zwischen Kunst und Aktivismus: Edith Tudor-Hart, geboren 1908 als Edith Suschitzky, ist eine glühende Kommunistin und sozial engagierte österreichisch-britische Fotografin. Als frühe Vertreterin des europäischen Fotojournalismus dokumentiert sie Zeitgeschehen und gesellschaftliche Missstände, veröffentlichte ihre Reportagen in politischen Kulturmagazinen wie Picture Post.

Die Ausstellung

„Edith Tudor-Hart. Crossing Lines“. f3 – Freiraum für Fotografie, Berlin, bis 17. Mai

Unter dem Titel „Crossing Lines“ zeigt der Freiraum für Fotografie in Berlin nun erstmals eine umfassende Retrospektive der bislang wenig beleuchteten Arbeit. Entlang gerahmter Schwarzweißfotografien im Magazinformat führt die Ausstellung chronologisch durch das vielschichtige Lebenswerk einer schillernden Persönlichkeit. Bewegt man sich von Bild zu Bild, ist es, als biege man um Straßenecken, erklimme Treppenstufen und begegne schließlich auch der Fotografin selbst.

Nebulöses Doppelleben

Gedankenverloren blickt Edith Tudor-Hart an der Kamera vorbei, in der Hand eine Zigarette, die gewellten Haare zu einem kurzen Bob geschnitten. So entrückt wie geradlinig wirkt die Fotografin auf einem Porträt aus ihrer frühen Zeit in England, wo sie aus politischen Gründen im Exil lebt. Bis zu ihrem Tod führte sie ein nebulöses Doppelleben: Während sie am Bauhaus in Dessau Fotografie studiert, beliefert sie den sowjetischen Nachrichtendienst als Agentin mit Informationen.

Edith Tudor-Harts Blick in Londoner Hinterhöfe: „Gee Street“, Finsbury, ca. 1936



Foto:
© Estate of W. Suschitzky; Courtesy Fotohof

Politisch sozialisiert in einer linksintellektuellen Familie, pflegt Tudor-Hart schon früh Beziehungen zu kommunistischen Netzwerken und soll zeitweise Mitglieder für den berühmt-berüchtigten Spionagering „Cambridge Five“ rekrutiert haben.

Das Bewusstsein für soziale Ungleichheit wird in ihren Fotografien sichtbar: Im quadratischen Mittelformat dokumentiert sie die Klassenverhältnisse im politisch erschütterten Europa. Aufmärsche der sozialdemokratischen Jugend, bröckelnde Fassaden in den Elendsquartieren am Stadtrand von Wien, wo 1933 etwa ein Viertel der Erwerbstätigen arbeitslos gemeldet ist.

In ihrer Bildsprache bleibt Tudor-Hart angenehm lakonisch: Trotz der lebendigen Szenen, die sie einfängt, entsteht ein Eindruck von Statik. Ihre ruhigen Bildkompositionen mit natürlichen Kontrasten verzichten auf Überzeichnung, heben einzelne Menschen bewusst hervor, zeigen das unmittelbare Leben. Man folgt ihrem Blick in die Küchen und Nachbarschaften der einfachen Leute, die häufig in die Kamera blicken.

Frauen und Kinder im Fokus

Immer wieder sind es Frauen und Kinder, die Tudor-Hart in den Fokus rückt. Mit langen Brennweiten fotografiert sie aus respektvoller Distanz und schafft gleichzeitig Nähe auf Augenhöhe. Es wirkt, als sei sie Teil der Situationen, die sie festhält. So gelingt es ihr, zu beobachten, ohne zur Voyeurin zu werden – Armut zu zeigen, ohne Würde zu verletzen.

Inmitten der harten Alltagsrealität findet Tudor-Hart auch Szenen der Unbeschwertheit: Weite Aufnahmen von Badenden an lichten Nachmittagen am Wasser, der Blick von unten auf kletternde Kinderbeine in Baumkronen. Eingefrorene Bewegungen, festgehalten im Moment. Viele ihrer Negative musste Edith Tudor-Hart vernichten – zu groß war die Angst vor den britischen Behörden, die sie als bekennende Kommunistin lebenslänglich unter Beobachtung hielten. Was Tudor-Hart hinterlässt, ist ein widerständiges Werk aus zeitgeschichtlichen Szenen: Bilder, die im Kopf bleiben.