
Wenn man eine Geschichte erzählen möchte, gibt es dafür unterschiedlichste Möglichkeiten. Wenn man eine Geschichte nicht erzählen möchte, gibt es eigentlich nur zwei: Schweigen oder Lügen. Wenn man mit kognitivem Verzerrungssyndrom im Endstadium ausgestattet ist, gelingt in seltenen Fällen sogar eine Symbiose. Nun ist mit Gil Ofarim ausgerechnet der Kandidat Dschungelkönig geworden, der im Vorfeld der bislang vornehmlich als Unterhaltungsshow wahrgenommenen D-Promi-Kasernierungsstudie „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ bereits für Proteste, Boykottaufrufe und Kopfschütteln gesorgt hatte.
Reste-Celebrity-Sender RTL war das egal. Man hat am Quotenpokertisch gezockt – und abgecasht. Denn wie so oft, wenn es heißt „Gut gegen Böse“, spielt es für den Reichweitenerfolg keine Rolle, ob das Gute am Ende gewinnt. Der Moment des Aufeinandertreffens allein mobilisiert die Massen. Und so ist das Dschungelcamp plötzlich nicht mehr ironische Abendunterhaltung, sondern gesellschaftspolitischer Sprengstoff. Und Gil Ofarim, Samira Yavuz und Hubert Fella im Finale.
Die Wette auf den charakterlich offenbar hochkomplizierten und in der Öffentlichkeit zurecht gebrandmarkten Gil Ofarim hat sich für RTL gelohnt. Beim Halbfinale am Vorabend wurden die meisten Anrufe in einem Dschungel-Halbfinale seit Start des regelmäßigen Krokodilpenis-Festivals im Jahr 2004 verzeichnet.
Abgründe der Empörungsdynamik
Schon vor seiner Krönung deutete dabei einiges darauf hin, dass Gil Ofarim entweder intellektuell nicht erfassen kann, was er in jenem Hotel dem fälschlich beschuldigten Angestellten tatsächlich angetan hat. Oder dass er sehr, sehr skrupellos ist. Aktuell kann allerdings auch eine Kombination aus beidem nicht ausgeschlossen werden.
Nun ist der Tinder-Schwindler der Antisemitismusvorwürfe also Dschungelkönig. Das kann man ihm nicht vorwerfen. Er hat niemanden gezwungen, ihn einzuladen, fürstlich zu bezahlen und zu beschützen. Und schon gar nicht, für ihn abzustimmen. Und da kommen wir zur entscheidenden Frage: Wer ruft so frenetisch für Gil an? Schlafen solche Leute auch in Xavier-Naidoo-Bettwäsche? Die plötzlich aufkeimende, manische Gil-Begeisterung zeichnet ein deprimierendes Bild paraphrenischer Bigotterie-Psychose. Sie dokumentiert Abgründe der Empörungsdynamik.
In Social-Media-Kommentarspalten schreiben sich pseudoobjektive Gil-Unterstützer die Finger wund und erklären, Gil hätte sich längst entschuldigt und es wäre ja auch nur eine Unterhaltungssendung. Neben Gils zweifelhafter Vergangenheit sekundieren sie damit wie besessen einem Mann, der vehement den Staat Israel supportet und Benjamin Netanjahu auf Instagram folgt. Dieselben Abstrahierungsexperten plädieren sonst zu jeder Gelegenheit dafür, Israel vom ESC und der Fußball-WM auszuschließen. Muss man das verstehen? Ich jedenfalls verstehe es nicht. Schrödingers Antisemitismus.
Die Autoprüfung fehlt unentschuldigt
Als es im Finale dann endlich losgeht, wirft Hubert noch mal den Sympathie-Katalysator an und verrät, Ehemann Matthias Mangiapane hätte ihn nur „im Mittelmaß“ gesehen. Mehr Support als von dem nach eigenen Angaben 42 Jahre alten Reality-Schlachtross Mangiapane kommt nur noch von Patrick Romer. Der hatte Ex-Freundin Antonia Hemmer im „Sommerhaus der Stars“ mitgeteilt: „Wenn dich Cellulite nervt, mach halt mal Sport!“ Wobei, andererseits: Wenn sich jemand perfekt mit Mittelmaß auskennt, dann Matthias Mangiapane. Anders, als viele Hobby-Italiener denken, heißt „Mangiapane“ auf Deutsch ja auch nicht „Brotfresser“, sondern sowas wie „Taugenichts“. So wie Brad Pitt nicht „Brotkasten“ heißt. Aber das ist eine andere Geschichte.
Der Abend startet mit reichlich Frust bei IBES-Fans. Dieses Jahr fehlt nämlich unentschuldigt: die Autoprüfung. Eine Kult-Challenge, an der drei Promis teilnehmen. Einer kann nichts sehen. Einer kann nichts hören. Einer darf nichts sagen. Im Prinzip so wie das Kabinett Merz.

Stattdessen muss Gil in einen übergroßen Taucherhelm, in den „diverse Dinge“ geschüttet werden, wie Sonja Zietlow erläutert. Kurz keimt Hoffnung auf, darunter wäre vielleicht auch Ariel. Am Ende sind es aber nur Mehlwürmer, Kakerlaken, Heuschrecken, Skorpione und ein paar Schlangen.
„Ihr habt die echte Samira gesehen“
Um beim abendlichen Geschmacksexplosionsdinner nach 17 Tagen Reis, Bohnen und Kamelanus so gut wie möglich auszusehen, legt Samira ihren beiden Mitfinalisten eine erfrischende und hautregulierende Schönheitsmaske auf. Beide sehen damit ein bisschen aus wie Michael Myers aus der Horrorfilmreihe „Halloween“. Gil trägt damit für eine Weile sogar zwei Masken gleichzeitig.

Als letztes Plädoyer, für sie anzurufen, appelliert Samira an die Nation: „Ihr habt die echte Samira gesehen, nicht nur die in Hülle!“ Ein dreister Hinweis darauf, dass sie aktuell im „Playboy“ ist. Anschließend startet die Verkündungsorgie. In der Arena der Ekelprüfungsgladiatoren holt sich Final-Methusalem Hubert den dritten Platz. Als er geht, liegen sich Samira und Gil minutenlang in den Armen. Für einen kurzen Augenblick rekrutieren sich Emotionen nicht aus Missgunst, Hass oder Verachtung, sondern aus purer Überwältigung.
Als RTL anschließend in den ungefähr 53. Werbeblock schaltet, zeigt ein kurzer Blick in die Kommentarspalten: Das war es dann aber auch schon wieder mit Harmonie. Die Krawallschlacht zwischen Gil-Hassern und Gil-Ultras eskaliert. Die einen wünschen Samira den Sieg – würden aber auch eine Dose vergammelter Leberwurst zum Dschungelkönig küren, wenn sie damit Gil verhindern könnten. Die anderen fiebern für Gil, aber keiner weiß, warum.

Sonja Zietlow versucht, die Hypernervosität mit lockeren Fragen zu überspielen. Etwa, ob die beiden Finalisten nicht bis zur nächsten Staffel im Dschungel sitzen bleiben wollen. Ein verlockendes Angebot, doch Samira lehnt unmissverständlich ab: „Ich würde gerne zu meinen Kindern!“ Da schließt sich dann auch Gil unmittelbar an: „Same!“ Klingt erstmal sehr familiär. Aber bahnt sich da eventuell der nächste Skandal an? Denn: Was will Gil bei den Kindern von Samira?
Bleibt der Quotenobmann der einzige Sieger?
Als Samira letztendlich zur Vize-Königin gekrönt wird, bedankt sie sich bei ihren Liebsten, ihren Fans, bei Zietlow und Jan Köppen und beim gesamten RTL-Team. Hätte sie 20 Sekunden länger Zeit gehabt, hätte sie auch noch die Ranger, die Kängurus, die Rezeptionisten im Versace Hotel und die Stewardessen vom Hinflug verbal umarmt. Auf dem Dschungelthron sitzt dann am Ende aber der Mann, der von Ariels Diffamierungs-Tourette in eine Art Mitleids-Momentum gepöbelt wurde. Oder wie Legendenkandidat und native english speaker Cosimo Citiolo (2021 Fünfter im Dschungel) einst an gleicher Stelle sagte: „I don’t glaub this!“ An der Stelle freue ich mich schon auf erste Bilder aus dem Teamhotel. Auch von dort gibt es eine brandheiße Frage zu klären: Hat Ariel nach der Verkündung des Dschungelkönigs die Lobby zerlegt?
Mal wieder ist also jemand Dschungelkönig geworden, den niemand auf der Rechnung hatte. Wie auch immer Gil Ofarim es geschafft hat: Er hat das Publikum überzeugt und die meisten Anrufe für sich generieren können. Damit ist er ein verdienter Sieger. Nun möchte man ihm wünschen, dass er in Ruhe reflektiert, warum die Nation bei seiner Person gespaltener ist als bei der Frage nach einem AfD-Verbot. Und darüber nachdenkt, ob er nicht vielleicht doch das eine oder andere anders machen würde, wenn er die Chance dafür hätte – oder sogar überraschend erstmals echte Reue zeigen. Sonst bleibt der einzige Sieger der 19. Staffel der Quotenobmann bei RTL. Und das wäre schade.
