Dry January: So mixt man perfekte Cocktails ohne Alkohol

Der Zeitgeist ist alkoholfrei – und der „Dry January“ ist längst mehr als eine Modeerscheinung der großstädtischen Hipster-Kultur. Der Trend zu „Low Alkohol“ und „No Alkohol“ ist inzwischen die mit Abstand wichtigste und machtvollste Entwicklung in der Trinkkultur. Und so geht das Zielpublikum für promillefreien Genuss weit über Schwangere, Autofahrer, trockene Alkoholiker und Menschen, die aus religiösen Gründen nicht trinken, hinaus. Der Abschied vom Alkohol gehört für viele Menschen heute zum Lifestyle. Die Auswahl an alkoholfreien Getränken ist mittlerweile riesig und wird praktisch täglich größer: In jedem Supermarkt gibt es etliche Biere, Sekte und Weine ohne Promille, ebenso Likör- und Aperitif-Getränke, und sogar „Spirituosen“ ohne Umdrehungen werden immer beliebter.

Simon Schlachters Cocktail-Buch „Drinks and Food we love“
Simon Schlachters Cocktail-Buch „Drinks and Food we love“Vivi D’Angelo/ Südwest Verlag

Der Trend ist auch in der anspruchsvollen Gastronomie angekommen – und die Kulinarik-Abteilungen der einschlägigen Buchverlage schlafen natürlich ebenfalls nicht. So ist bei Callwey schon vor knapp einem Jahr das als „Mocktail-Bibel“ angepriesene Buch „Like a Virgin“ der Barkeeperin Linh Nguyen vom Marburger Hotel Vila Vita Rosenpark erschienen, und der Südwest-Verlag hat erst vor ein paar Tagen „Drinks and Food we love“ von Simon Schlachter und seinem Barkeeper Martin Masch vom Hotel Blaue Burg Falkenstein im Allgäu veröffentlicht.

Linh Nguyens „Mocktail-Bibel“ mit dem Titel „Like A Virgins“
Linh Nguyens „Mocktail-Bibel“ mit dem Titel „Like A Virgins“Sophie Boyer

Beide Bücher drehen sich ausschließlich um Drinks und Cocktails ohne Alkohol. Beide sind sehr hochwertig ausgestattet und mit viel Aufwand produziert, beide haben eine individuelle Bildersprache, und man merkt beiden an, wie viel Engagement und Arbeit in ihnen steckt. Allerdings unterscheiden sie sich am Ende doch grundlegend. Und das nicht nur, weil Schlachter eindeutig aus der Küche zur Bar und so zur Kreation alkoholfreier Getränke gekommen ist, während Linh Nguyen als Bartenderin einen ganz anderen Zugang zum Thema hat.

Dieser Unterschied zeigt sich schon beim Aufbau der beiden Werke: Während Schlachter nur ein paar Seiten braucht, um zu seinen Kreationen und Rezepten zu kommen und sich auf ein Vorwort beschränkt, um von sich, seinem Weg in die Spitzengastronomie und seiner Philosophie zu berichten, breitet Nguyen auf den ersten fast 90 Seiten ihrer „Mocktail-Bibel“ erst einmal jede Menge Wissen zu Grundlagen, Verfahren und Techniken der Bar- und Cocktail-Welt aus.

Noch deutlicher wird der Kontrast, wenn es dann ans Eingemachte, sprich die Drinks geht: Während Schlachter zusammen mit Masch durchgehend ziemlich aufwendige Eigenkreationen präsentieren und dabei einen Großteil der Zutaten und Elemente selbst herstellt, greift Nguyen bei den meisten der von ihr zusammengetragenen Cocktails auf Fertigprodukte zurück, sprich alkoholfreien Gin, Whisky, Rum, Wermut und Bitter-Aperitif sowie entalkoholisierten Wein und Schaumwein.

Alkoholfreier Cocktail "Aprikose - Rucola" aus Cover des Buches "Drinks and Food we love" von Simon Schlachter, Südwest-Verlag 2025
Perfekte Drinks ohne Prozente

Das klingt schlimmer, als es tatsächlich ist, denn zum einen beschreibt auch sie, wie man selbst unterschiedliche Sirup und Schäume herstellt und Dekorationen einsetzt. Vor allem aber sind ihre Rezepte durch Verwendung von im Handel verfügbarer Zutaten deutlich einfacher nachzuvollziehen und selbst zu mixen. Bei Schlachter erfordert das in den meisten Fällen erheblich mehr Aufwand und wohl auch Übung – dafür sind seine Kreationen wesentlich individueller und zum Teil auch als ausgefallene Speisebegleiter gedacht. So zeigen beide Bücher jeweils auf ihre Weise, wie groß die alkoholfreie Vielfalt ist – und dass „Dry“ nicht nur im trockenen Januar ein echter Genuss sein kann.