Wer auch immer noch eine Chance auf den Milliardenauftrag haben will, der muss sich beeilen. Schon sehr bald will die Bundesregierung entscheiden, bei welchem Hersteller sie große Kampfdrohnen bestellen will. Das Rüstungsunternehmen Rheinmetall hat sich nun einen prominenten Partner gesucht: Boeing.
Die beiden Unternehmen gaben am Dienstag bekannt, dass Rheinmetall als „Systemmanager“ für die MQ-28 in Deutschland agieren werde. Rheinmetall werde die Systemintegration in „bestehende und zukünftige Führungs- und Waffensysteme der Bundeswehr sowie die Anpassung an nationale Anforderungen überwachen“. Ziel sei es, die MQ-28 Ghost Bat als „ausgereifte Lösung“ für die geplante Beschaffung eines sogenannten „Collaborative Combat Aircraft (CCA)“ anzubieten.
Bei CCAs handelt es sich um große Drohnen, die bemannte Kampfflugzeuge im Einsatz begleiten, schützen, aber auch selbst mit Bewaffnung ausgestattet werden können. An dem deutschen Projekt sind mehrere Anbieter interessiert: Airbus arbeitet an einem Produkt zusammen mit dem Drohnenhersteller Kratos Defense & Security Solutions, auch Helsing und Hensoldt kooperieren seit dem vergangenen Jahr. Die CA-1 Europa soll im kommenden Jahr ihren Erstflug absolvieren. Wer auch immer den Zuschlag bekommt: Schon 2029 soll die Bundeswehr die ersten CCAs bekommen.
Kooperationen wie die zwischen Rheinmetall und Boeing sind in der Verteidigungsindustrie international üblich. Wer Marktzugang haben will, muss sich in der Regel einen lokalen Partner suchen, der für die jeweilige Regierung der primäre Ansprechpartner ist und einen zu verhandelnden Teil der Wertschöpfung auch ins Land selbst bringt. Airbus hatte sich etwa in den 2000er-Jahren mit dem amerikanischen Konzern Northrop Grumman zusammengetan, um Tankflugzeuge an die amerikanische Luftwaffe zu verkaufen. Die Maschinen wären in Alabama montiert worden, aus dem Projekt wurde aber nichts.
Allerdings ist der Versuch Boeings, als amerikanischer Konzern aktuell bei einem der Schlüsselprojekte der deutschen Verteidigungspolitik zum Zug zu kommen, aus Sicht des Konzerns politisch extrem anspruchsvoll – und aus deutscher Sicht mit sehr großen Fragezeichen versehen. Denn da sich die USA unter Präsident Donald Trump als das Gegenteil eines zuverlässigen Partners erwiesen haben, zielt die Verteidigungsstrategie der Europäer stark darauf ab, sich viel unabhängiger von amerikanischen Produkten zu machen als früher. Und die europäische Industrie wird nicht müde zu betonen, wie wichtig es ist, eigene Kompetenzen zu erhalten oder über neue Projekte gerade im Bereich der Drohnen aufzubauen.
Verteidigungsminister Boris Pistorius hat bei seiner Australien-Reise Ende der vergangenen Woche die lokale Konzerntochter Boeing Australia besucht, die die MQ-28 im Wesentlichen für die australische Luftwaffe entwickelt. Die amerikanische Luftwaffe hingegen hat das Flugzeug noch nicht bestellt. Pistorius sagte anschließend, Deutschland werde die Ghost Bat in Erwägung ziehen. Details nannte er allerdings nicht.
Boeing hat die Maschine in den vergangenen acht Jahren in Australien entwickeln lassen, bis 2029 soll sie fertig sein. Laut Rheinmetall hat ein Testexemplar der Ghost Bat zuletzt bei einer Demonstration ein Luftziel autonom angegriffen und zerstört. Insgesamt hat die Drohne mehr als 150 Flüge absolviert und ist damit in ihrer Entwicklung deutlich weiter als die Konkurrenten.
Rheinmetall-Chef Armin Papperger sagte, er sehe für sein Unternehmen in dem Projekt „ein Umsatzpotenzial im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich.“ Als Systemintegrator stärke das Unternehmen „die Wertschöpfung in Form eines industriellen Hubs in Deutschland in Europa“. So will Rheinmetall sicherstellen, dass Ingenieure in Deutschland und Australien gemeinsam neue Software oder Hardware für das Flugzeug entwickeln und testen können.
Allerdings erregte Papperger gerade weltweit Befremden: Im US-Magazin The Atlantic ließ er sich mit Lästereien über ukrainische Drohnen zitieren. Diese würden von „ukrainischen Hausfrauen“ mit „3-D-Druckern in der Küche“ hergestellt. Das sei „keine Innovation“. Und: So spiele man „mit Lego“.
Prompt konterte Präsident Selenskij ukrainischen Medien zufolge: „Wenn jede Hausfrau der Ukraine wirklich Drohnen herstellen kann, dann kann jede Hausfrau der Ukraine CEO von Rheinmetall sein.“
