Drohende Stilllegung in Leuna ist vom Tisch

Es ist nach 14 bangen Wochen eine gute Nachricht für den Chemiestandort Leuna. Und es ist ein wichtiges Lebenszeichen aus dem mitteldeutschen Chemiedreieck: Die Schließung der Anlagen des belgischen Konzerns Domo Chemicals in einem der größten deutschen Chemieparks ist vom Tisch. Das Chemieunternehmen Leuna-Harze und der Chemieparkbetreiber Infraleuna übernehmen die Anlagen der deutschen Tochtergesellschaft Domo Caproleuna. Die hatte über die Weihnachtsfeiertage mit zwei weiteren Gesellschaften von Domo Chemicals in Deutschland überraschend Insolvenz angemeldet.

Die von Leuna-Harze und Infraleuna gegründete Auffanggesellschaft Leuna-Polyamid übernimmt neben den Anlagen auch 436 der bisher knapp 500 Beschäftigten von Domo Caproleuna. Parallel dazu hat das zuständige Gericht am Mittwoch das Insolvenzverfahren über die drei deutschen Tochtergesellschaften von Domo Chemicals eröffnet. „Das war eine Rettung in letzter Minute in einem in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Verfahren“, sagte Insolvenzverwalter Lucas Flöther, der den Geschäftsbetrieb seit Ende Dezember fortführt.

Zum Kaufpreis wurde zwischen den Parteien Stillschweigen vereinbart. Klaus Paur, der Inhaber und Geschäftsführer von Leuna-Harze, bezifferte den Finanzierungsbedarf für den Hochlauf der Anlagen von Domo Caproleuna auf rund 50 Millionen Euro. „Wir wollen das Unternehmen zurück zur Wirtschaftlichkeit bringen und weiterentwickeln“, sagte Christof Günther, der Geschäftsführer von Infraleuna, im Rahmen einer Pressekonferenz in Leuna. An einen Verkauf nach einer erfolgreichen Sanierung des Unternehmens werde nicht gedacht, sagte er. Die operative Verantwortung für Leuna-Polyamid übernehme Martin Naundorf, der bisher das Standortmarketing von Infraleuna verantwortete.

Teurer Notbetrieb zur Gefahrenabwehr

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) sprach am Mittwoch von einem „guten Tag für Sachsen-Anhalt“. Er hatte sich in den vergangenen Wochen besonders um eine Zukunftsperspektive für die Anlagen von Domo Caproleuna bemüht. Die Landesregierung hatte mit der Verfügung einer sogenannten Ersatzvornahme zur Gefahrenabwehr im Januar die Voraussetzung für einen geordneten Investorenprozess geschaffen. Auf dieser Grundlage konnte der Notbetrieb der Anlagen durch das Land vorfinanziert werden. Rund 80 Millionen Euro hat Sachsen-Anhalt in den vergangenen Wochen dafür aufgewendet.

Die Lösung unmittelbar vor Ablauf der Ersatzvornahme Ende März ist ein politischer Erfolg für Schulze, der mit der CDU fünf Monate vor der Landtagswahl in Umfragen einen großen Rückstand auf die AfD hat. Die Rettung von Domo kurz vor Ultimo ist für Leuna ein Glücksfall und doch ein Zeichen für die schwerwiegenden Probleme am Chemiestandort. Denn Leuna-Harze und Infraleuna hatten ihr Angebot für die Aktivitäten von Domo in Leuna Anfang März nur als „Plan B“ für den Fall ins Spiel gebracht, dass der Insolvenzverwalter keinen Investor für die Anlagen findet.

Das Kaufinteresse hielt sich wegen der schwachen Konjunkturaussichten in Europa bei gleichzeitig wachsender Konkurrenz für Produkte der Grundstoffchemie wie das von Domo Caproleuna hergestellte Caprolactam in Grenzen. Leuna-Harze und Infraleuna setzen ihren Plan B jetzt auch deshalb um, weil die Abschaltung der Anlagen von Domo Caproleuna als einzig verbliebene Alternative noch größere Risiken für die beiden Unternehmen und den Standort birgt.

Enger Stoffverbund im Chemiepark

Leuna-Harze, die 1995 im Rahmen der Privatisierung der Geschäftsfelder Epoxidharze und Leumal der ehemals volkseigenen Leuna-Werke entstanden ist, benötigt Vorprodukte von Domo Caproleuna für die Produktion von Epoxidharzen, die zum Beispiel in der Herstellung von Rotoren für Windräder zum Einsatz kommen. Der Standortbetreiber Infraleuna, auf den vor 30 Jahren im Zuge der Privatisierung die Infrastruktur im Chemiepark übertragen wurde, ist ebenfalls auf die Anlagen für die Caprolactam-Produktion angewiesen. Denn ohne Domo Caproleuna als einen der größten Kunden von Infraleuna wäre die Infrastruktur im Chemiepark nicht ausgelastet.

Hinzu kämen die Folgen für andere Unternehmen am Standort wie den Industriegasespezialisten Linde oder die Raffinerie von Total Energies, die ebenfalls mit den Anlagen von Domo Caproleuna verbunden sind. Insgesamt arbeiten am größten Industriestandort in Sachsen-Anhalt nach Angaben von Infraleuna rund 15.000 Beschäftigte in mehr als 100 Unternehmen der Chemieindustrie sowie bei Zulieferern und Servicegesellschaften.

Die Übernahme der Anlagen von Domo Caproleuna durch Leuna-Harze und Infraleuna birgt eigene Risiken. Denn die Marktposition der Anlagen dürfte sich mit den neuen Eigentümern zumindest kurzfristig nicht verbessern. Die Aktivitäten der ebenfalls insolventen Tochtergesellschaft Domo Engineering Plastics mit rund 70 Beschäftigten im brandenburgischen Premnitz werden nicht übernommen. Der Investorenprozess laufe weiter, sagte Insolvenzverwalter Lucas Flöther. Ein Angebot von Leuna-Polyamid werde es nicht geben, sagte Infraleuna-Chef Christof Günther.

Wichtige Lieferbeziehung nach Brandenburg

Leuna-Harze und Infraleuna produzieren mit Leuna-Polyamid künftig einen Grundstoff, der schon heute preiswert aus Asien importiert werden kann, ohne die Aktivitäten von Domo Chemicals zur Veredelung des Vorprodukts in Deutschland zu übernehmen. Die Zurückhaltung dürfte auch der Einschätzung der beiden Partner geschuldet sein, mit der Finanzierung des Betriebs und mit dem Management der Anlagen von Domo Caproleuna voll ausgelastet zu sein. Er gehe davon aus, dass Leuna-Polyamid einen Teil ihrer Produkte weiterhin nach Premnitz liefern werde, sagte Günther.

Die neuen Eigentümer der Anlagen von Domo Caproleuna hatten zuletzt selbst mit der Krise zu kämpfen. Die von Geschäftsführer und Inhaber Klaus Paur kontrollierte Leuna-Harze erzielte im Geschäftsjahr 2024 mit rund 170 Beschäftigten einen Umsatz von gut 130 Millionen Euro, fast zehn Prozent weniger als im Vorjahr. Unter dem Strich stand ein Verlust von knapp fünf Millionen Euro nach einer Million Gewinn im Jahr zuvor. Die Eigenkapitalquote stieg um einen Prozentpunkt auf 87,3 Prozent.

Der Umsatz von Infraleuna mit etwas mehr als 800 Beschäftigten sank 2024 auch wegen rückläufiger Energiepreise von knapp 800 Millionen Euro auf rund 500 Millionen Euro. Unter dem Strich standen knapp zwei Millionen Euro Gewinn nach sechs Millionen Plus im Jahr zuvor. Die Eigenkapitalquote kletterte um fünf Prozentpunkte auf 52 Prozent. Der Gesellschafterkreis von Infraleuna wird von Unternehmen im Chemiepark dominiert. Leuna-Harze zählt zu den größten Anteilseignern. Klaus Paur, der Inhaber von Leuna-Harze, ist der Aufsichtsratsvorsitzende von Infraleuna.

Lange Geschichte am Chemiestandort

Die Bedeutung der Anlagen von Domo Caproleuna für den Chemiestandort ist groß und reicht tief in die Geschichte des Chemieparks zurück. Wenige Jahre nach der Wende übernahm die von der belgischen Unternehmerfamilie De Clerck kontrollierte Domo Chemicals im Rahmen der Privatisierung der ehemaligen Leuna-Werke die Anlagen für die seit 1942 bestehende Caprolactam-Produktion.

Domo Chemicals stellt in Deutschland Polymere, technische Kunststoffe und Hochleistungsfasern für Kunden in der Autobranche, für Konsum- und Industriegüter sowie Elektrotechnik und Elektronik her. Domo Caproleuna, die größte deutsche Tochtergesellschaft des Konzerns, erzielte im Geschäftsjahr 2023 mit rund 500 Beschäftigten knapp 550 Millionen Euro Umsatz und führte knapp 30 Millionen Euro Gewinn an die Muttergesellschaft ab.

Seither haben sich die Rahmenbedingungen für die Chemieindustrie deutschlandweit noch einmal deutlich verschlechtert. Die über die Weihnachtsfeiertage offenbarte Schieflage von Domo Caproleuna hat allerdings auch mit den erodierten Finanzierungsbedingungen für die Unternehmensgruppe zu tun. Das legt der jüngste veröffentlichte Konzernabschluss der Domo-Gruppe mit insgesamt 5200 Beschäftigten und rund 1,8 Milliarden Euro Umsatz nahe.

Kurz vor Weihnachten scheiterten Gespräche über eine Refinanzierung auf der Gruppenebene. Neben der deutschen Holding Domo Chemicals GmbH und der Domo Caproleuna GmbH stellte auch die Domo Engineering Plastics GmbH einen Insolvenzantrag. Mit der Übernahme durch die Leuna-Polyamid haben zumindest die Beschäftigten von Domo Caproleuna wieder eine Perspektive.