Vor einer Woche wirkte die Biathlonwelt von Rebecca Passler noch rein und fein. Die Italienerin war soeben im tschechischen Nove Mesto zugange und teilte den Menschen daheim per Social Media die Schönheit der untergehenden Sonne über der Böhmisch-Mährischen Höhe mit. Ehe sich an diesem Montag die Tiefen des Sports auftaten. Vier Tage vor Beginn der Olympischen Winterspiele im Heimatland der 24-Jährigen geht es nun um die hässliche Seite des Sports – und die Frage, ob Passlers Biathlongeschichte womöglich ein unschönes Kapitel in sich trägt.
Die Biathletinnen und Biathleten treten erstmals in der Historie der olympischen Wettkämpfe in Antholz an. Für Rebecca Passler ist das noch mehr als für viele andere ein besonderer Ort: Sie stammt aus Antholz. Wenn man so will, ist die dortige Südtirol-Arena ihr Skijägerinnen-Wohnzimmer. Doch am Montag platzte eine Meldung hinein in die sportliche Romantik: Passler soll einen positiven Dopingtest abgegeben haben. Bei einer Kontrolle außerhalb des Wettkampfs bei ihr Zuhause wurde demzufolge der Wirkstoff Letrozol nachgewiesen, der seit 2008 als Dopingmittel eingestuft und im Leistungssport verboten ist.

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Am späteren Montagnachmittag teilte der Biathlon-Weltverband auf SZ-Anfrage mit, dass die entsprechenden Meldungen korrekt seien. Italiens nationale Anti-Doping-Behörde habe auf Antrag der zuständigen Anti-Doping-Staatsanwaltschaft Passler „wegen Verstoßes gegen die Artikel 2.1 und 2.2 vorläufig suspendiert“. Der Test wurde von der italienischen Anti-Doping-Agentur vorgenommen. Der italienische Biathlonverband beantwortete eine Anfrage bisher nicht.
Bei der nachgewiesenen Substanz Letrozol handelt es sich um einen Stoff, der zur Brustkrebsbehandlung bei Frauen nach der Menopause eingesetzt wird, um den Östrogenspiegel zu senken. Im Sport ist der Wirkstoff an sich nicht leistungssteigernd, verändert Hormone aber so, dass Kraft, Regeneration oder Muskeldefinition gesteigert werden können. Der vielleicht prominenteste Letrozol-Dopingfall ereignete sich im Februar 2017, als die italienische Tennisspielerin Sara Errani positiv getestet und gesperrt wurde. Der Fall Passler ist nun das erste bekannte Dopingvergehen im Zusammenhang mit den bevorstehenden Winterspielen. Errani hatte damals beteuert, sie habe die Substanz nicht bewusst eingenommen, und vermutete eine Nahrungsmittelverunreinigung. Nun muss im Fall von Passler geklärt werden, wie es dazu kam, dass das verbotene Mittel in ihrem Körper auftauchte.
Für die olympische Sportwelt kommt dieses Ereignis zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Auch, weil in solchen Fällen stets die Frage im Raum steht, wie sauber eine Disziplin generell ist. Der Schwede Sebastian Samuelsson hatte am Rande der Wettkämpfe von Nove Mesto die These aufgestellt, wonach im Biathlonweltcup einige seiner Konkurrenten betrügen würden. „Ich war immer davon überzeugt, dass ich gegen gedopte Athleten antrete“, hatte der 28-Jährige dem schwedischen Sender SVT Sport mitgeteilt. Hintergrund seiner Aussage ist eine breit angelegte anonyme Umfrage der Fernsehsender SVT, NRK (Norwegen), Yle (Finnland) und DR (Dänemark), wonach die Hälfte der teilnehmenden Athleten angab, im Laufe eines Jahres außerhalb von Wettkämpfen nie getestet worden zu sein. Anders als nun im Fall Passler.
Der Befund verdirbt jetzt auch den Gastgebern die Olympia-Stimmung. Passlers Auftritt in ihrer Heimat war mit Spannung und Vorfreude erwartet worden, zumal die junge Südtirolerin den erfolgreichsten Winter ihrer Profikarriere durchlief. Zuletzt gelangen ihr zwei elfte Plätze im Sprint von Oberhof und im Massenstart von Annecy, die besten Resultate ihrer Laufbahn. Bei den Juniorenweltmeisterschaften hatte sie zwischen 2020 und 2022 sieben Medaillen gewonnen, darunter einmal Gold.
