Donald Trump: Ausladung von Amber Ruffin – Armutszeugnis für freie Medien – Medien

In Donald Trumps zunehmend unerbittlichem Kampf gegen die liberalen Kulturinstitutionen seines Landes war die Ausladung von Amber Ruffin als Comedy-Gast des diesjährigen White House Correspondents‘ Dinner sicher die erstaunlichste Neuigkeit. Er musste es nämlich nicht einmal dekretieren. Es hätte ausnahmsweise auch gar nicht in seiner Macht gestanden. Der Ausrichter des ehrwürdigen Abends, an dem als Ehrengast traditionell der US-Präsident nebst Gattin teilnimmt, ist schließlich die unabhängige White House Correspondents‘ Association (WHCA), der Verein der Journalisten, die aus dem Weißen Haus über den Präsidenten berichten.

Noch Anfang Februar hatte eben diese WHCA stolz verkündet, Ruffin sei die ideale Wahl im „aktuellen politischen und kulturellen Klima“. Präsident und MSNBC-Journalist Eugene Daniels pries ihre Fähigkeit mit „scharfen Kommentaren und Humor“ ihr Publikum dazu zu bringen, über die wichtigen Themen des Tages nachzudenken: „Ich bin begeistert und fühle mich geehrt, dass sie zugesagt hat.“ Nun der Rückzug. In einem Mitgliederbrief schrieb Daniels, dass der Vorstand einstimmig entschieden habe, dass es in diesem Jahr beim Dinner doch keinen Comedy-Auftritt geben werde:  „Da sich der Journalismus gerade in einer schwierigen Situation befindet, will ich sichergehen, dass sich die Veranstaltung nicht auf die gesellschaftliche Spaltung fokussiert, sondern ganz auf die Ehrung von herausragenden Kollegen und die finanzielle und ideelle Förderung der nächsten Journalistengeneration.“

„Das könnt ihr so was von vergessen, Leute“

Gespenstisch kleinlaute Worte für einen großen Traditionsbruch: Zum ersten Mal gab es das Dinner 1921, als erster Comedy-Solo-Gast trat 1968 das Stand-up-Genie Richard Pryor auf, zwei Jahre später der nicht weniger begnadete George Carlin. Spätestens seit den frühen Achtzigern ist alljährlich ein Comedian obligatorisch, der sich vor allem den anwesenden Präsidenten satirisch vorknöpft. Auf der Liste der Comedy-Stargäste findet sich ein großer Teil der bedeutendsten amerikanischen Comedians der vergangenen Jahrzehnte, neben Carlin und Pryor etwa Mort Sahl, Conan O’Brien, Jon Stewart und Stephen Colbert bis Michelle Wolf, Trevor Noah und Seth Meyers.

Für dessen Show „Late Night with Seth Meyers“ arbeitet die 1979 geborene Ruffin als Autorin und gelegentlicher Sidekick. Als sie dort 2014 begann, war sie die erste schwarze Autorin einer Late Night Show eines großen amerikanischen Fernsehsenders. Die Tatsache, dass Ruffin Mitarbeiterin und Schützling von Seth Meyers ist, machte ihre Berufung von Anfang an eigentlich zu einer guten Pointe. Als Meyers 2011 die Comedy-Rede hielt, machte er sich nämlich nicht nur über den damaligen Präsidenten Barack Obama lustig, sondern auch über einen strauchelnden New Yorker Immobilien-Unternehmer und Reality-TV-Star im Publikum namens Donald J. Trump.

In dem – noch heute auf Youtube auffindbaren – schwer gequälten Lächeln, dass sich Trump über Meyers‘ (und Obamas) Gags auf seine Kosten damals abrang, sehen nicht wenige Beobachter den Urgrund für Trumps Weg zur Präsidentschaft. In diesem Moment, so die Legende, habe er sich so erniedrigt gefühlt, dass er beschlossen habe, selbst Präsident zu werden. Bei den ersten drei White House Correspondents Dinners seiner ersten Amtszeit ließ er sich dann natürlich entgegen der jahrzehntealten Gepflogenheit nicht blicken, obwohl ihm 2019 beim dritten die WHCA sogar einen Comedian ersparte, dafür sprach der Historiker und Autor Ron Chernow über Meinungs- und Pressefreiheit. Das vierte Dinner fiel wegen der Corona-Pandemie ganz aus.

Ein Triumph

Kurz vor ihrer Ausladung hatte Ruffin in einem Video-Interview mit der Nachrichten-Website The Daily Beast kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie den expliziten Wunsch der WHCA, dass sie doch bitte gegen beide großen politischen Lager gleichermaßen austeile, keinesfalls entsprechen werde: „Als sie damit ankamen, sagte ich bloß: Das könnt ihr so was von vergessen, Leute. Das mache ich auf gar keinen Fall.“ Wenn eine Seite ein „Haufen Mörder“ sei, sei Ausgewogenheit einfach nicht möglich.

Nicht ganz unwesentlich für die Entscheidung dürfte allerdings auch gewesen sein, dass sich die WHCA seit Monaten im Clinch mit der neuen Regierung befindet. Vorläufiger Höhepunkt des Konflikts war, dass Trump dem Verein im Februar nicht mehr gestattete, darüber zu bestimmen, welche Journalisten Zugang zum Präsidenten haben. Eben dies war jedoch eigentlich seit jeher sein zentraler Zweck: Die WHCA wurde 1914 gegründet, um sicherzustellen, dass der Präsident auf seinen Pressekonferenzen auch kritischen Journalisten begegnet. Die Absage an Ruffin erscheint vor diesem Hintergrund aber nur umso zahnloser und ängstlicher. Was für ein Armutszeugnis für die freien Medien. Und was für ein Triumph für Trump.

Eine Ahnung davon, was beiden nun erspart bleibt, gab Ruffin natürlich umgehend in der Late Night Show von Meyers. In einem bestens gelaunten, aber maximal sarkastisch-ironischen Dialog mit Meyers zur fatalen Feigheit und Widersprüchlichkeit der Presse über die Bande einer aktuellen Meldung von einem Einbruch in einen Supermarkt in Brooklyn. Kurz bevor sich Meyers über den Einbrecher lustig machen will, unterbricht ihn Ruffin und sagt: „Das ist spaltend.“  Dieser Fall, widerspricht Meyers, sei doch ganz klar, es gebe einen unschuldigen Ladenbesitzer und einen Einbrecher. Ja, oder, so Ruffin: „Gute Leute auf beiden Seiten.“ Wenn sich Menschen objektiv schrecklich verhalten, so Meyers, dann müsse man das aber doch deutlich sagen dürfen im Fernsehen? Das, so Ruffin, habe die Freitags-Amber auch noch gedacht, die Montags-Amber wisse es jedoch besser: „Wenn schlechte Menschen schlechte Dinge tun, muss man sie fair und respektvoll behandeln.“ Die freie Presse gäbe es schließlich bloß, damit sie bei vornehmen Abendessen nett zu Republikanern sein kann.

Wenn es nicht so bitter wäre, wäre die Nummer bloß eine weiter nette Comedy-Fingerübung. Einen tiefen Blick in den Abgrund der Gegenwart gewährte in der Folge allerdings auch die Tatsache, dass Ruffin in deutschen Medien als „regierungskritische Comedian“ bezeichnet wurde. Seit wann reicht sogar hierzulande schon die simple Tatsache, dass man auf simpelste Tatsachen besteht, dafür, als „regierungskritisch“ zu gelten? Der Trumpismus ist eine Pandemie, vor dessen Symptomen auch seine Gegner längst nicht mehr sicher sind.

Abgesehen davon ist die Angelegenheit allerdings auch ein trauriger Hinweis auf die Grenzen von Comedy in stark polarisierten politischen Situationen. In den (innen-)politisch noch nicht so aufgespaltenen Nullerjahren war es Comedians wie John Stewart gelungen, durch ihre heiter-joviale Art und effektvoll-pointierte Präsentation von offensichtlich hanebüchenen politischen und medialen Fehlern und Widersprüchen aller Art mehr zu werden als bloß unterhaltsame Clowns im Nachtprogramm. Für nicht wenige Enttäuschte und Genervte galten ihre Sendungen bald als vertrauenswürdigere News-Quellen als die eigentlichen Nachrichtenmedien. Von investigativer Comedy oder comedic journalism war in diesen Medien bald Rede, in neidvoller Anerkennung. Für einen Moment schien immerhin der Code geknackt, wie man in Zeiten blitzschnell diffundierender Aufmerksamkeit die nervösen Zuschauer, Leser und Nutzer doch für ernste Themen gewinnen kann. Indem man sie     Diesen Credit, wenn er denn je wirklich existierte, gibt es nicht mehr.