Dominique Hurths künstlerische Forschung: Die Gardine der Täterin

Sie haben es sich gemütlich gemacht. Das gute Porzellan steht ordentlich sortiert in der schweren Holzanrichte. Auf der Sitzecke haben Puppen Platz genommen, davor ist schon der Tisch fürs Essen gedeckt. Den Kissen auf der Couch hat jemand einen Kniff verpasst. Reinlich wirkt alles, kein Fleck ist auf dem Tischtuch.

Kleine schwarz-weiße Abzüge zeigen dieses Interieur. Darunter liegen Farbfotografien, auf denen Sonnenlicht durch karierte Vorhänge scheint. Aufgenommen sind sie allesamt in den ehemaligen Wohnungen von KZ-Aufseherinnen aus Ravensbrück. Eine piefige Behaglichkeit springt einen aus den Bildern an, die im Kontrast zu dem Ort steht, von dem sie stammen. Ergänzt hat sie die Künstlerin Dominique Hurth, die diese zusammengetragen hat, mit Vorhängen, in die sie – gemeinsam mit Textilgestalterin Christina Klessmann – den Makel gleich hineingewebt hat.

Zu sehen ist die Installation, die schon von 2020 stammt, in der aktuellen Einzelausstellung Hurths im Württembergischen Kunstverein. Als deren Titel hat die Künstlerin ein Zitat ausgewählt: „Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden“. Entnommen ist es dem Dienstvorschriftenkatalog von Obersturmbannführer und KZ-Lagerkommandant Max Koegel von 1942. Speziell an das weibliche KZ-Personal richtet er sich, Koegel hielt das offensichtlich für nötig.

Die Ausstellung

Dominique Hurth: „Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden“. Württembergischer Kunstverein, Stuttgart, bis 22. März.

Noch weitere Anweisungen aus Koegels Katalog fand Hurth so bemerkenswert, dass sie diese abgeschrieben hat. Sie untersagen das „Blumen- oder Beerenpflücken während der Dienstzeit“, weisen darauf hin, dass Hunde streng gehalten, aber nicht misshandelt werden dürften und dass im Dienst Pistole und Mütze stets zu tragen seien.

Die gemusterten Regenschirme der Angeklagten

Dominique Hurth betreibt in ihrer Kunst eine Art Spurensuche, in deren Fokus die Geschichte von NS-Täterinnen und -Mittäterinnen steht, vorwiegend in Bezug auf das KZ Ravensbrück. Sie geht dabei von Objekten und Materialien aus, und diese sind fast immer textil. Da sind die Uniformen der KZ-Aufseherinnen und deren Entstehungsgeschichte. Oder die Vorhänge in den KZ-Personalwohnungen. Oder die gemusterten Regenschirme, unter denen sich die Angeklagten des dritten Majdanek-Prozesses (1975–1981) verbargen.

„Vorbereitungen für die Prozesse gegen die Belsen-Verbrecher*innen. B.U. 10359. Hinweisschilder zeigen die Lage aller Räume“



Foto:
Dominique Hurth, 2022

3.340 meist junge Frauen arbeiteten zwischen 1939 und 1945 als Aufseherinnen in Ravensbrück. Inhaftiert waren dort rund 120.000 Frauen aus 30 Nationen. 1940 wurde das SS-eigene Unternehmen Texled (Gesellschaft für Textil- und Lederverwertung) dorthin verlegt, wo primär Kleidungsstücke für die Häftlinge von Konzentrationslagern, Uniformen für die SS und die Wehrmacht an der Front sowie für das weibliche Wachpersonal des KZs produziert wurden.

Hurths Forschungen gehen darüber hinaus. Eine der ältesten ausgestellten Arbeiten, „Entfaltungen“ (2013) visualisiert die „Arisierung“ des jüdischen Leinenunternehmens Grünfeld mit dem Zusammenfalten eines Taschentuchs. Brisant, gerade in Stuttgart, waren doch schwäbische Unternehmen wie Hugo Boss oder Mercedes Benz auch in NS-Verbrechen verstrickt, worauf Hurth in Exponaten hinweist.

Sie habe niemals Stock oder Peitsche besessen

In der Mitte der Ausstellungsräume hat die Künstlerin eine kleine Arena für Auszüge aus der Dokumentation von NS-Kriegs­ver­bre­che­r:in­nen­pro­zes­sen, in denen ehemalige KZ-Aufseherinnen aus Ravensbrück verhört wurden, aufgebaut. Hurth zoomt Details heraus, hat Ausschnitte aus den Fotografien aquarelliert, Aussagen der Angeklagten auf Papierbögen gedruckt. Sie habe niemals eine Waffe oder Pistole, Stock oder Peitsche besessen, behauptet da etwa eine. Stimmen kann das nicht, es stünde im Widerspruch zu Koegels Anweisung.

Eine 96-minütige neue Videoarbeit zieht die Stränge zusammen, sortiert ein, fasst zusammen. Komplex bleibt es dennoch, kaum ganz zu erfassen bei einem Besuch. Wie auch? Hurth recherchiert schon seit Jahren zu ihrem Thema. Viel Zeit kann man in der Ausstellung verbringen, sich festlesen auch in einer von der Künstlerin zusammengestellten Bibliothek.