Dokufilm „Pompeji: Unter den Wolken“: Immer wieder kleinere Ausbrüche

Wäre der Titel „Die Erde bebt“ nicht schon vergeben, er hätte zu Gianfranco Rosis neuem dokumentarischen Essayfilm gepasst, der nach seiner Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Venedig nun beim Streamingportal Mubi zu sehen ist. Der wortwörtlichen Übersetzung des Originaltitels „Sotto le nuvole“ – „Unter den Wolken“ – wurde in Deutschland noch ein Pompeji vorangesetzt, eine nicht ganz falsche, aber doch etwas zu spezifische Ortsbestimmung.

Zwar spielen Szenen des Films auch in den Resten der Stadt am Fuße des Vesuvs, die im Jahre 79 von Asche und Lava zu einer der berühmtesten Ruinenstätten der Welt verwandelt wurde, doch Rosi geht es um mehr als einen touristischen Blick oder offensichtliche Allegorien. Sein Interesse gilt der gesamten Region am Golf von Neapel, den langjährigen Bewohnern der Millionenstadt, aber auch den neuen, den Migranten, die in Europa auf eine bessere Zukunft hoffen, oder denen, die auf Lastschiffen nur für kurze Zeit anlegen.

Sie alle leben für eine mal längere, mal kürzere Zeit im Schatten des Vesuvs, der der Landschaft zwar ihre unverwechselbare Note gibt, sie aber auch seit Tausenden Jahren immer wieder erschüttert und in ihrer Existenz bedroht.

Auch in den letzten Jahren gab es immer wieder kleinere Ausbrüche, erst diesen März ein Beben, das mit einer Stärke von 5,9 auf der Richterskala gemessen wurde. Als „Europas Supervulkan“ wird der Vesuv bisweilen bezeichnet, die größte Gefahr geht indes weniger von ihm selbst aus als von den einige Kilometer westlich des Zentrums von Neapel gelegenen Phlegräischen Feldern. Hier hatte vor gut 70 Jahren Roberto Rossellini Szenen seines legendären Dramas „Viaggio in Italia“ gedreht, die nun wiederum ihren Weg in Rosis Film finden.

Der Film

„Pompeji: Unter den Wolken“. Regie: Gianfranco Rosi. Italien 2025, 115 Min. Läuft bei Mubi

Eine fragile Region

In einem verfallenen Kino flimmern die Bilder mit Ingrid Bergman über die Leinwand, die damals selbst in dokumentarischer Manier durch Pompeji geführt wurde und jene markanten Gipsabgüsse sah, mit denen aus den Hohlräumen in der Lava Abbildungen der Verstorbenen geformt wurden. Ein Memento mori, das die Fragilität der Region in ein eindringliches Bild fasst, ein Motiv, das sich bei Rosi als roter Faden durch seinen Film zieht – und letztlich auf sein gesamtes Werk verweist.

Vor einigen Jahren war Rosi für seinen auf und um Lampedusa gedrehten Film „Seefeuer“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden, für einen Film, der die Flüchtlingsströme, die von Nordafrika auf einem der südlichsten Punkte Europas ankamen, in eindringlichen Bildern einfing. Fast meint man nun, Menschen von damals auf den Straßen Neapels zu entdecken: Flüchtlinge, die aus Afrika nach Europa kamen und versuchen, in Italien ein Zuhause zu finden; die sich mit Einheimischen auseinandersetzen, die ihnen oft mit Skepsis, um nicht zu sagen mit unverhohlener Abneigung begegnen.

Eine andere Linie des mäandernden, zu vielen Seiten offenen Films führt diesmal zum Krieg in der Ukraine, an sich weit weg von Süditalien, aber durch Containerschiffe, mit denen tonnenweise Getreide nach Italien gebracht wird, auch ganz nah.

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Und im Bauch der Schiffe, in der Totale ganz winzig: syrische Arbeiter, die auf den Bergen von Weizen – die in der Nahaufnahme erst recht durch Rosis markantes Schwarz-Weiß wirken wie die rutschigen Abhänge des Vesuvs – herumrutschen, das Schiff bis auf das letzte Korn reinigen und auf ihre Weise für die Ernährung Europas sorgen, auch wenn es weiten Teilen Europas mehr als recht ist, wenn sie im Schiff verborgen bleiben und nicht gesehen werden.

Auf dem Papier hört sich das gleich viel zugespitzter an, als es in Rosis ruhigen, betont zurückgenommenen Bildern angelegt erscheint. Kein didaktischer Dokumentarfilmregisseur ist der inzwischen 62-jährige Italiener, sondern ein dezenter Beobachter, ein genauer Sammler von Momenten und Impressionen, die er mit seiner zwar nicht neutralen, aber auch nicht agitatorischen Montage zu einem großen Ganzen formt.