

Wenn der Schlüssel verschwunden ist oder die Fernbedienung nicht auffindbar, dann ist das Problem nicht der Verlust. Das Problem ist die Kränkung darüber, dass sich die Welt nicht verhält wie angenommen oder erwartet. Es ist eine Wut, die entsteht, wenn man sicher ist, im Recht zu sein. Die einzige mögliche Erklärung lautet: Die Welt irrt. Aus dieser Wut ist mein Spiel entstanden.
Das Spiel begann vor einigen Jahren, als mein ältester Sohn, etwa vier, die Fernbedienung meines damaligen Schwiegervaters verschleppt hatte. Sie steckte, das fanden wir nach zwei Tagen heraus, im gleichfarbigen Beifahrersitz eines Barbie-Cabrios. Deswegen konnte mein Schwiegervater kein Sky gucken an einem Samstagnachmittag. Und ich fragte mich: Warum reagieren Menschen aggressiv, wenn sie etwas verloren haben, von dem – ob beobachtet oder nicht – angenommen wird, dass es sich an vertrauter Stelle befinden sollte?
In den ersten Monaten tastete ich mich langsam heran, um eine gut funktionierende Spielmechanik zu erfinden. Ich versteckte Zigaretten, steckte Bücher über Kopf in Bücherregale ein, legte fremde Autoschlüssel beiseite und bisweilen an unmöglichen Stellen ab.
Viele hielten sich selbst für den Schuldigen
Denn erstens kamen viele gar nicht auf die Idee, dass fremde Mächte für die zahlreichen Verluste verantwortlich zeichnen könnten. Sie gingen davon aus, gerade die Älteren, den Schlüssel beispielsweise selbst in den Obstkorb unter die Bananen gelegt zu haben. Das fand ich bizarr.
Sie waren auch der Meinung, zwar könnte jemand anderes den Schlüssel möglicherweise falsch deponiert haben, gingen aber nicht weiter auf diese Frage ein, wer zum Beispiel. Manche, die sich offensichtlich ertappt fühlten, steckten ihn verschämt ein, damit niemand es sah, und behaupteten später, sie hätten ihn dann doch noch in der Jackentasche gefunden!
Die fremden Mächte, so schien es mir, mussten also deutlicher und offensichtlicher zutage treten, insbesondere bei älteren Männern. Diesen brachte das Spiel mitunter Kommentare ihrer Frauen ein, ob nun auch schon das Alter erreicht sei, wo man sie nicht mehr alleine in den Flur lassen könne.
Ich musste skurrilere Auffindorte wählen
Deswegen beschloss ich, skurrilere Auffindeorte zu schaffen, die sich nicht mehr auf eigenes Versagen umdeuten ließen. Ich wollte niemanden unabsichtlich in das Unglück seiner späten Jahre stoßen.
Wenn man sich ernsthaft mit etwas auseinandersetzt, neigt man zu Übermut und Hyperfokus. Bei mir jedenfalls ist das so. Man muss sich mich in dieser Zeit als viel beschäftigten Mann vorstellen. Glücklich, aber beschäftigt. Voll ausgelastet. Mein Spiel bereitete mir eine diebische Freude, die ich seit Kindertagen glaubte, verloren zu haben. Und apropos Kindertage: Irgendwann fand ich dann meinen Meister darin. Besser gesagt: meine Meisterin. Ich wurde auf frischer Tat ertappt.
Es war die kleine Z., die mein Spiel unterbrach. Die Tochter meiner besten Freundin. Kinder täuschst du ja nicht.
„Wo ist mein Nugget?“
Sie hatte sich nur kurz auf die Toilette begeben, als ich ihr einen Chicken Nugget vom Teller mopste. Da sich kein gutes Versteck fand, schluckte ich ihn hastig hinunter. Ein Fehler. Als wäre mein schlechtes Gewissen nicht Strafe genug, betrachtete Z. den Teller, als sie vom Klo wiederkam, dann mich. Dann kniff sie die Augen zusammen: „Wo ist mein Nugget?“, zischte sie.
Ich wollte sagen: „Ich weiß es nicht“, aber auf keinen Fall ihre Wahrnehmung beschädigen. Sie ist ja noch ein Kind. Also sagte ich nach einem Seufzen wahrheitsgemäß: „Ich meinem Bauch.“ „Wie kommt’s?“, sagte Z. sinngemäß.
Ich erklärte also Z. das Spiel, was ein weiterer Fehler war. Denn ich hatte die Rechnung nicht mit ihrer Mutter gemacht.
Einige Wochen später hatte ich zu einem Abend geladen und meine Freundin gebeten, alle rauszukärchern, wenn der Abend endete. Es gebe nach 24 Uhr ohnehin nichts mehr zu sehen und zu erleben, an das man sich anschließend erinnern könnte. Dann ging ich ins Bett.
„Du bist gut, wie du bist!“
Am Morgen fand ich neben mir im Bett ein Kuscheltier und einen Zettel: „Du bist süß, wenn du schläfst.“ Das riss mich praktisch in die Senkrechte. Wer hatte hier gestanden, im Halbkreis, einen schlafenden, wehrlosen Mann inspizierend wie eine Grand Jury?
Auf dem Sofa lag ein Zettel: „Wir haben dich lieb.“ Hinter dem Klodeckel fiel einer hervor, darauf stand: „Du bist gut, wie du bist!“
Absolut verwirrt und auch ein bisschen angeekelt von diesem verdammten Therapeutensprech, der mir die Hand aufs Knie gelegt hatte, ging ich in die Küche. Dort ein Zettel neben der Kaffeemaschine: „Guten Morgen!“
Ich war einigermaßen bedient.
Nun also hatte sich das Spiel gegen seinen einstigen Richtschützen gewendet. Wie seltsam, dachte ich.
„Wer macht denn solchen Unsinn?“
Einerseits war es belustigend, diese Zettel vorzufinden. Andererseits war es das Gefühl, dabei geschlafen zu haben, während seelenruhig meine Wohnung umdekoriert wurde. Zwar standen die Möbel noch an ihrem Platz, aber das vertraute Gefühl dazu war beschädigt worden. Ich öffnete die Wohnungstür, und im Hausflur hingen sämtliche Bilder über Kopf.
„Was soll das denn?“, fragte mein älterer Nachbar und machte sich am größten von ihnen zu schaffen, es wieder in die richtige Position zu bringen. „Das ist doch richtig schwer. Wer macht denn solchen Unsinn?“
„Ich“, sagte ich schnell.
„Sie?“, fragte er und zog die Augenbrauen hoch. „Warum?“
„Ja, das ist eine gute Frage“, sagte ich und wollte das Spiel erklären, ließ den Satz aber stecken. „Vielleicht ist es Zeit, damit aufzuhören“, sagte ich noch.
„Das wäre gut“, sagte mein Nachbar. „Aber es ist auch eine positive Überraschung.“
„Wie meinen Sie das?“, fragte ich.
„Na ja“, sagte mein Nachbar. „Die meisten Dinge sind doch jeden Tag gleich und immer, wie sie sind. Es ist doch überraschend, wenn man die Tür öffnet, und da sind mal Dinge anders als bisher.“
Das Problem ist nicht der Verlust oder die Veränderung, sondern die Kränkung darüber, dass sich die Welt nicht verhält wie erwartet.
Das sagt die eine Hälfte der Menschen. Die andere sieht es wie mein Nachbar: „Man könnte es auch so hängen lassen. Falsch herum. Bemerkt doch keiner. Oder meinst du, der Vermieter kriegt das mit?“
Jetzt hängt es da so. Und mein Nachbar und ich haben ein kleines Geheimnis, über das wir uns jeden Tag freuen können. Vielleicht ist Veränderung auch etwas Gutes.
