Die Gemeinde Büttelborn aus dem Landkreis Groß-Gerau ist bundesweit in den Schlagzeilen. Täglich erreichen Bürgermeister Marcus Merkel (SPD) Anfragen von Zeitungen und Fernsehsendern und Kollegen. Denn Merkel ist der wohl einzige Bürgermeister Deutschlands, der einen digitalen Doppelgänger hat. Das könnte sich aber bald ändern.
„Ich bin das Versuchskaninchen“, sagt Merkel im Gespräch mit der F.A.Z. und kann noch immer nicht fassen, welche Wellen sein digitaler Zwilling in den vergangenen Wochen verursacht hat. Neben vielen Medien rufen auch Bürgermeister und Behörden aus ganz Deutschland im Büttelborner Rathaus an und interessieren sich ebenfalls für einen digitalen Doppelgänger, einen sogenannten Avatar.
Avatar imitiert die Stimme und die Mimik des Bürgermeisters
Stefan Klink, ein guter Bekannter Merkels und Geschäftsführer eines unter anderem auf Künstliche Intelligenz spezialisierten Unternehmens mit Sitz in Büttelborn, hatte die Idee, dem realen Bürgermeister ein künstliches Pendant zur Seite zu stellen. Aus praktischen Gründen. Denn der Avatar nimmt der Verwaltung viel Arbeit ab.
Klink beschreibt sich als „Pionier der digitalen Bewegtbildkommunikation“. In Merkel fand er einen aufgeschlossenen Interessenten für das digitale Experiment. Der digitale Zwilling des Bürgermeisters war schnell erschaffen. Rund 45 Minuten habe er vor Kamera und Mikrofon gesessen und geredet, erzählt Marcus Merkel. So lernte der Avatar die Lippenbewegungen, die Stimme und die Mimik Merkels kennen. Wenig später ging der digitale Zwilling online und kurz danach viral.
Merkel bezeichnet seinen Doppelgänger als ein gelungenes Experiment. Nicht nur für Büttelborn, sondern künftig für viele Rathäuser quer durch die Republik. Die bisherigen Erfahrungen sprechen für sich. Nerviges Festhängen in endlosen Warteschleifen gehört der Vergangenheit an, denn der Avatar entlastet die Telefonzentrale und die Verwaltungsmitarbeiter, weil er einfache Frage nach Öffnungszeiten der Verwaltung, nach einer Gewerbeanmeldung oder nach den Abfuhrzeiten der Müllabfuhr im Nu beantwortet. Per Videochat und nicht nur während der Öffnungszeiten der Rathäuser, sondern rund um die Uhr. Für Menschen mit Migrationshintergrund ist der Avatar ein Segen, denn der Büttelborner Doppelgänger des Bürgermeisters beherrscht inzwischen 28 Sprachen.
Rund um die Uhr erreichbar
Der Avatar nutzt für seine Auskünfte eine Wissensdatenbank, die auf öffentlich verfügbaren Informationen der Website der Gemeinde und häufigen Bürgerfragen basiert. Um eine korrekte Antwort zu bekommen, müssen Anrufer die Fragen deutlich und so präzise wie möglich stellen. Persönliche Daten würden nicht abgefragt oder gespeichert, weshalb der Avatar keine Auskünfte zu persönlichen Anliegen oder Einzelfällen geben könne, berichtet der Bürgermeister.
Merkel sieht den Avatar nicht als Jobkiller der Verwaltung oder gar als Ersatz für die Arbeit der Fachabteilungen. Aber er mache die Verwaltung bürgerfreundlicher und einfacher, weil er rund um die Uhr erreichbar sei. Das Personal könne sich deshalb intensiver der Bearbeitung individueller Anliegen widmen und diese schneller bewältigen. Die Bestimmungen des Datenschutzes seien bei der Nutzung des Avatars stets gewährleistet.
In den vergangenen Tagen hatte der Avatar schon viel zu tun. Mehr als 3000 Mal wurde er bislang aufgerufen. Steuergeld aus der Gemeindekasse wurde für die Erschaffung des digitalen Zwillings laut Merkel bisher nicht ausgegeben. Das Land Hessen fördert derartige Projekte. Dass Avatare irgendwann die realen Bürgermeister ersetzen, ist angesichts der beschränkten Kompetenzen der elektronischen Zwillinge wohl auch nicht zu befürchten.
