Die-Sterne-Sänger Frank Spilker: „Ich erforsche Missverständnisse“

taz: Frank Spilker, Totgesagte leben länger. Gilt das auch für Ihre Band Die Sterne?

Frank Spilker: Das kann ich schwer einschätzen, weil das eine Frage der Außenperspektive ist. Ich kann allerdings nachvollziehen, wenn es nach knapp 35 Jahren Bandkarriere heißt: Okay, noch ein Sterne-Album? Eigentlich auch schon egal! Bandintern fühlt sich das natürlich ganz anders an.

taz: Inwiefern?

Spilker: Wir haben seit der Gründung 1991 in Hamburg schon viele Aufs und Abs durchlebt. Mit Alben, die sind direkt gezündet. Und es gab andere, wie etwa „24/7“, das bei unserem Stammpublikum erst mal überhaupt nicht ankam, langfristig aber mit dazu führte, dass sich unser Publikum verjüngt hat.

taz: Viele, auch junge Hö­re­r:In­nen sind überrascht davon, wie lebendig Die Sterne inzwischen klingen, obwohl 2018 die beiden Gründungsmitglieder Thomas Wenzel und Christoph Leich ausgestiegen sind. Wie haben Sie das hinbekommen?

Im Interview: Frank Spilker

Frank Spilker, geboren 1966 in Herford, machte seine ersten musikalischen Schritte im Umfeld des Indie-Labels Fast Weltweit. Mit Kol­le­g:In­nen wie Bernadette La Hengst und Jochen Distelmeyer ging er Ende der 1980er nach Hamburg, wo er mit seiner Band Die Sterne und Songs wie „Fick das System“ und „Universal Tellerwäscher“ zu einem der prägenden Stars der Hamburger Schule wurde. In den 2000ern veröffentlichte er ein Soloalbum, 2013 sein Romandebüt. Seit 2018 führt Spilker die Band mit der Keyboarderin Dyan Valdez, dem Bassisten Jan Philipp Janzen und dem Drummer Philipp Thielsch (beide auch bei Von Spar) weiter.

Das neue Die Sterne-Album „Wenn es Liebe ist“ (PIAS/Integral) erscheint am Freitag. Die Tour beginnt am 20. März 2026 in Hannover.

Spilker: Ein neuer Pfad fühlt sich immer erst mal frisch an. Aber das ist letztlich eine subjektive Wahrnehmung. Dass sich diese auch im Außen einstellt, ist nicht selbstverständlich. Deshalb bin ich sehr froh über Ihren Eindruck.

taz: Wie und wann haben Sie gemerkt: Der Umbruch ist Ihnen geglückt?

Spilker: Gleich mit dem ersten Album in neuer Besetzung („Die Sterne“, veröffentlicht 2020). Darauf enthalten war der Song „Du musst gar nix“, der sich bedingt durch den gleichzeitigen Beginn der Corona-Pandemie eher unfreiwillig zum Hit entwickelte. Das hat uns einen Push gegeben. Das neue Album haben wir im Grunde genommen innerhalb von zwei Proben fertiggestellt. Wir müssen uns eigentlich nur zusammen in den Raum stellen, dann kommt die Musik von allein.

taz: Das lief nicht immer so?

Spilker: In der alten Besetzung haben wir uns im Proberaum zuletzt eher angeschwiegen, weil keiner mehr eine kreative Idee einbrachte. Das war dann auch der Grund dafür, dass es zu Ende ging.

taz: Nervt es Sie, dass die Gegenwart der Band immer wieder von ihrer Vergangenheit in der sogenannten Hamburger Schule in den 1990ern überlagert wird?

Spilker: Es nervt mich zwar, aber zugleich profitiere ich davon. Ich glaube, wenn wir jene Geschichte nicht hätten, gäbe es dieses Maß an Sichtbarkeit gar nicht. Ich kenne unzählige junge Musiker:Innen, die machen tolle Musik, promoten und produzieren sich selbst, werden aber gar nicht oder nur kaum wahrgenommen. Wenn ich das vergleiche mit unseren Anfängen, muss ich sagen: Wir haben wahnsinnig viel Glück gehabt.

taz: Inwiefern?

Spilker: Einerseits hat uns in den frühen Neunzigern der Konkurrenzkampf der Musikfernsehsender MTV gegen Viva geholfen. Andererseits haben wir auch enorm von der Wiedervereinigung profitiert, weil es plötzlich den politischen Impuls gab, den deutschsprachigen Musikmarkt zu fördern.

taz: Das klingt ganz schön profan …

Spilker: Ja, aber so ist es gelaufen. In Deutschland wird Erfolg und Bekanntheit am liebsten auf Genietum zurückgeführt. Vielleicht nicht bei der taz, aber im Allgemeinen kann man sagen: Je oberflächlicher und reaktionärer das Medium, desto wahrscheinlicher ist das der Fall.

taz: Und – spielen Sie gern das Genie?

Spilker: Das kann ich leider nicht so gut, auch wenn ich es manchmal gern können würde. Meine Quintessenz nach 30 Jahren Medienarbeit lautet: Es hilft sowieso nichts. Wenn die Leute ein Genie sehen wollen, sehen sie es auch.

taz: Die Anmutung Ihres neuen Albums „Wenn es Liebe ist“ scheint geprägt von der Spannung zwischen heiteren Melodien und ernsten Texten. Die Songs greifen das trübe Gegenwartsgeschehen pointiert auf. Dabei wäre doch eigentlich jetzt ein idealer Zeitpunkt gewesen, um Musik in Moll aufzunehmen.

Spilker: Ich war neulich in einer Ausstellung des Berliner Künstlers Wolfgang Müller, in der auch seine Zeit mit der Band Die Tödliche Doris beleuchtet wird. Deren konzeptuellen Ansatz hat er rückblickend als Missverständnisforschung bezeichnet …

taz: Das scheint mir bei Ihnen ähnlich gelagert zu sein …

Spilker: Richtig, denn mir geht es ebenfalls darum, Widersprüche aufzudecken, Lebenslügen zu benennen und diese erst mal so stehen zu lassen – in der Hoffnung, dass damit eine Resonanz erzeugt wird beim Publikum. Das ist das Wesen der Songkunst, nur deshalb interessiert sie mich. Ich glaube, dass Sterne-Evergreens wie „Universal Tellerwäscher“ und „Was hat dich bloß so ruiniert“ auch deshalb so gut funktionieren, weil sie genau diesen Anspruch einlösen.

taz: Beide Songs sind tanzbar und uplifting, obwohl die Texte alles andere als euphorisch sind.

Spilker: Tanzbarkeit und Euphorie sind aber zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Unsere erste Tournee hieß „Aspirin und Drogenbeat“. Und tatsächlich geht es beim Tanzen ja nicht nur um Entspannung. Im besten Falle führt die Körperlichkeit am Ende dazu, dass du wieder besser denken kannst. Geist und Körper zu trennen, ist ein typisch europäisches Phänomen. In Wahrheit hängen beide eng zusammen.

taz: Ein schöner Song auf dem neuen Album heißt „Es war nur ein Traum“. Darin besingen Sie die Schwerelosigkeit scheinbarer Belanglosigkeiten im Alltag: „Wir saßen in der Küche / Freunde kamen zu Besuch / Blumen auf dem Tisch“, heißt es darin. Ist das kleine Glück inmitten der Polykrise noch ein Rest Utopie, der uns noch geblieben ist?

Spilker: Das war eher die Funktion, die der Schlager der Wirtschaftswunderjahre in Westdeutschland hatte: Alles um uns herum ist kaputt, und wir besingen die private Idylle. Darum ging’s mir bei dem Song aber nicht. Ich wollte eher danach fragen: Wovon träumen wir eigentlich? Ist es die Emotion oder das Ereignis selbst? Wenn es zum Beispiel mein Lebenstraum ist, Schriftsteller zu werden – träume ich dann wirklich von der konkreten Arbeit oder nicht vielmehr davon, in einem Zimmer zu sitzen, meine Zeit selbst bestimmen zu können, während die Sonne hereinscheint? Letztlich sind es doch die profanen Dinge, die man sich wünscht.

taz: Der Song „Ganz reizend“ dreht sich um die Verlogenheit von Männern, die sich woke gerieren und zugleich übergriffig vorgehen: „Sie sind sicher die schönste Person im Raum / Welches Pronomen verwenden Sie denn jetzt?“, singen Sie an einer Stelle. Ist kritische Männlichkeit ein Widerspruch in sich?

Spilker: Man kann eine Menge in den Songtext hineinlesen. Grundsätzlich finde ich, dass auch eine sehr positive Nachricht drinsteckt. Und zwar die Frage: Warum fällt Person X, die eine bestimmte Transformation durchwandert hat, plötzlich auf? Da könnte man einerseits sagen: weil sie gängigen Klischees nicht mehr entspricht und deshalb einen Anti-woke-Reflex auslöst …

taz: Das war meine Deutung …

Spilker: Genau. Aber man könnte es andererseits auch so interpretieren, dass die Person deshalb auffällt, weil sie zu sich selbst gefunden hat, und ganz anders strahlt als vorher. Dabei wollte ich aber nicht in die Rolle geraten, Reputationsmanagement betreiben zu müssen. So nach dem Motto: Ich bin so woke, bitte applaudiert mir. Das hätte ich peinlich gefunden. Deshalb habe ich die Person bewusst zwiespältig gezeichnet und die Unsicherheit des Erzählers in den Vordergrund gerückt. Und am Ende trifft er ja eine gute Entscheidung, indem er sagt: Bye bye, ich bin dann mal weg.

taz: Sie werden im März 60 Jahre alt. Freuen Sie immer noch auf eine Tournee mit knapp 20 Konzerten innerhalb von vier Wochen, wie sie bei Ihnen demnächst ansteht?

Spilker: Ja, ich freue mich total. Ich habe Schrift­stel­le­r:in­nen in meinem Freundeskreis, die mir oft gestehen, dass sie neidisch sind auf meinen direkten Kontakt zum Publikum. Das motiviert ungemein. In den 1980er Jahren hätte ich noch als Berufsjugendlicher gegolten, wenn ich mit 60 auf die Bühne gestiegen wäre. Heute ist das zum Glück nicht mehr so.