Die Opioid-Krise und die Reiners: An Drogen scheitert die Liebe

Als die Hubschrauber am frühen Abend des 14. Dezember nicht aufhörten über Brentwood zu kreisen, war den Anwohnern des beschaulichen Stadtteils von Los Angeles klar, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Zwei Stunden später konnte man es im Internet lesen. Der Hollywoodregisseur Rob Reiner und seine Frau Michele waren auf besonders brutale Weise ermordet worden. Noch am selben Abend wurde ihr 32 Jahre alter, drogenabhängiger Sohn Nick verhaftet.

Mit dem Messer soll er seinen Eltern die Kehlen durchgeschnitten haben, was die Staatsanwaltschaft als besondere Schwere der Tat wertet. Gestern hätte die Anklage gegen Nick Reiner verlesen werden sollen. Der Termin wurde jedoch vertagt, da sein Anwalt Alan Jackson, der schon Harvey Weinstein und Kevin Spacey vertrat, überraschend sein Mandat niederlegte. Gut möglich, dass Nicks Geschwister die Anwaltskosten ihres Bruders nicht länger übernehmen wollen.

Familientragödie von beispiellosem Ausmaß

Der Mord an den Reiners ist der Tiefpunkt einer Familientragödie und jahrzehntelangen Leidensgeschichte, nicht nur des Sohns, der mindestens achtzehn Drogentherapien absolvierte und zeitweise auf der Straße lebte, sondern auch der Eltern und Geschwister.

Die Reiners müssen besonders freundliche und einnehmende Menschen gewesen sein, glaubt man den vielen Kondolenznachrichten in den sozialen Medien, in denen sich Freunde und Kollegen an das Paar erinnern. Was Rob und Michele Reiner jedoch bis zu ihrem schrecklichen Ende all die Jahre durchgemacht haben müssen, kann man nur erahnen. Dabei war das Ehepaar mit dem Schicksal eines drogenabhängigen Kindes nicht allein. Vierzehn Prozent aller Amerikaner, das sind knapp fünfzig Millionen Menschen, kämpfen mit der Sucht. Nirgendwo gibt es mehr Drogentote als dort. Seit 1999 sind eine Million Amerikaner der Epidemie zum Opfer gefallen, mehr als US-Soldaten in allen Konflikten des 20. und 21. Jahrhunderts zusammen ums Leben kamen.

Szene aus dem Film „Being Charlie“ (Nick Robinson) nach dem Skript und der Lebensgeschichte von Nick Reiner
Szene aus dem Film „Being Charlie“ (Nick Robinson) nach dem Skript und der Lebensgeschichte von Nick Reinerddp

Auch deshalb erschüttert der Doppelmord von Brentwood weit über Hollywood hinaus ganz Amerika. Jeder dort kennt jemanden, der abhängig ist oder schon gestorben ist. Oft sind es Familienmitglieder oder enge Freunde. Vor allem Junge und Mittelalte sind betroffen. Drogen sind die häufigste Todesursache bei Amerikanern unter fünfundvierzig. Der Flächenbrand der Opioide geht dabei einher mit einer weiteren, verdrängten Krise. Während sich die öffentliche Debatte auf Zahlen, Substanzen und Grenzpolitik konzentriert, wird eine zweite, nicht minder betroffene Gruppe weitgehend ignoriert: die Angehörigen. Sie ringen oft jahrzehntelang mit dem Schicksal ihres drogenabhängigen Familienmitglieds, und ihr eigenes Leben nimmt durch die Sucht und den verzweifelten Wunsch zu helfen dramatisch Schaden.

Was diesen Eltern am meisten zusetzt, ist die internalisierte Schuld. Sie peinigen sich mit Selbstvorwürfen und fühlen sich verantwortlich dafür, das Leid ihres Kindes nicht verhindert zu haben. Das macht sie oftmals selbst krank. Studien zufolge entwickeln sie mehr chronische Krankheiten und weisen eine höhere Sterblichkeit auf als der Durchschnitt der Amerikaner. Verstärkt wird das Martyrium noch dadurch, dass ihre Umwelt häufig auf Distanz geht. Freunde ziehen sich zurück, Nachfragen bleiben aus, und das Thema wird gemieden, und sei es aus falsch verstandener Rücksichtnahme.

Rob Reiner misstraute den Ärzten mit dem „Diplom an der Wand“

Darüber zerbrechen Partnerschaften. Weil die Trauer asynchron verläuft, Eheleute einander die Schuld geben oder sich gegenseitig missverstehen. Häufig reduzieren sie ihre Arbeitszeit oder verlieren sogar ihren Job wegen zu vieler Fehlzeiten, da sie all ihre Zeit und Energie in die Fürsorge des Kinds investieren. Dabei werden keine Kosten gescheut für teure Therapien, Medikamente und andere Unterstützungsangebote. Denn anders als bei uns gibt es in Amerika kaum staatliche Einrichtungen für Drogenentzug. Hilfsangebote für Eltern erst recht nicht.

Viele überschätzen dabei sich und ihre Möglichkeiten, wenn sie glauben, ihre an Drogen verlorenen Kinder mit Liebe und Zuwendung erreichen oder gar heilen zu können. Auch Rob Reiner scheint dieser fatalen Fehleinschätzung erlegen zu sein, der irgendwann öffentlich erklärte, es sei ein Fehler gewesen, nicht auf seinen Sohn, sondern auf Leute „mit einem Diplom an der Wand“ gehört zu haben. Er misstraute Ärzten und wollte es selbst schaffen. Dabei ist selbst die stärkste aller Liebesarten, die der Eltern, in den allermeisten Fällen nicht in der Lage, gegen Substanzen wie Fentanyl anzukommen.

Sie waren 36 Jahre lang verheiratet: Regisseur Rob und Ehefrau Michelle Reiner
Sie waren 36 Jahre lang verheiratet: Regisseur Rob und Ehefrau Michelle ReinerPicture Alliance

Die billige, im Labor hergestellte und daher in Amerika allgegenwärtige Droge vermag den freien Willen derart zu kappen, dass der Mensch dem Ausmaß der Sucht nichts mehr entgegenzusetzen vermag. Das gesamte Verhalten wird der Sucht untergeordnet, erklären Drogenexperten. Weshalb der Süchtige Dinge tut, die nicht nachvollziehbar sind und die ihm oder anderen – meist im nahen Umfeld – schaden. Dass Drogenabhängige zu Gewalt neigen, ihre Eltern belügen und ausrauben, um sich den nächsten Schuss setzen zu können, ist vielfach dokumentiert.

Der Regisseur brachte selbst Hollywood in Stellung

Rob Reiner, der mit heiteren Filmen wie „Harry and Sally“ das Genre der modernen Romcom begründete, hat sogar Hollywood in Stellung gebracht, um seinen Sohn aus dem Teufelskreis der Drogen zu retten – in der irrigen Annahme, dass, wenn er dem Kind nur ein Erfolgserlebnis verschaffte, dies zu einer Heilung führen könnte. So lautet die vorsichtig optimistische Botschaft von „Being Charlie“, jenem Kinofilm, den Rob Reiner 2015 nach der Lebensgeschichte seines Sohnes drehte. Ihn heute, nach der Tat, anzuschauen, ist kaum auszuhalten.

Nicht nur im Wissen darum, dass Charlies Vorbild in der Realität jene ermordete, die ihn liebten, sondern auch, weil der Film vor der Grausamkeit der Sucht einknickt und sich hilflos in eine Heilsgeschichte rettet. Die mag es im Kino ja geben, im echten Leben hingegen kaum je. Und weil der Film floppte, bescherte der Vater seinem Sohn unabsichtlich auch noch einen Misserfolg, der den erhofften Weg ins Filmgeschäft abschnitt.

Die Drogenkrise wütet in allen Schichten

Der Film und die vielen Interviews von Vater und Sohn anlässlich seiner Premiere zeigen die ganze Fallhöhe dieses Dramas. Sie sind der Beleg für den verzweifelten Versuch eines Vaters, alles aufzubieten, um sein Kind zu retten. Alle anderen Wege hatten die Reiners längst beschritten, jede nur denkbare Therapie finanziert, was ihnen anders als anderen Familien möglich war. Dass Opioide niemanden schonen, sondern in allen Schichten der amerikanischen Gesellschaft wüten, auch das belegt dieser Fall.

In der Skid Row in Downtown Los Angeles sind die Spuren von Drogenhandel und -konsum überall zu sehen. Da wird Heroin gespritzt, Meth­amphetamin geschnupft, und an den Straßenkreuzungen verharren die wie eingefroren wirkenden Fentanylopfer. Doch auch in Brentwood mit seinem idyllischen Bauernmarkt und dem Strand in Laufnähe existiert das Drogenleid. Man sieht es nur nicht.

Eltern würden alles tun, um ihre Kinder zu retten, selbst den Mond vom Himmel holen. Doch reine Liebe allein reicht nicht im Kampf gegen harte Drogen. Gerade deshalb darf man die Angehörigen nicht im Stich lassen. Wer Sucht für den Beleg elterlichen Versagens hält und deren Perspektive ausblendet, liegt auf fatale Weise falsch. Die Situation in Amerika ist dramatischer denn je. Für das Ehepaar Reiner kam jede Hilfe zu spät.