Fast elf Jahre nach dem Attentat, das die französische Satirezeitung Charlie Hebdo in der ganzen Welt bekannt machte, sorgt eine aktuelle Karikatur für Empörung im noch neuen, aber schon dramatisch bewegten Jahr. Die Zeichnung nimmt auf die Katastrophe im Club Le Constellation in Crans-Montana Bezug, diesen wahr gewordenen Albtraum mit so vielen toten und schwer verletzten jungen Leuten.
Der Zeichner Eric Salch, der nach einer Karriere in der Modebranche erst vor einigen Jahren zum Comicstrip und Cartoon gefunden hat, nahm sich des Themas in typischer Charlie-Manier an. Er zitiert einen peinlichen, aber sehr beliebten französischen Kultfilm aus den Siebzigerjahren, „Les bronzés font du ski“ – in dem ging es um die Eskapaden einer Clique sonnenbankgebräunter, unfreiwillig komischer Menschen. Salch macht daraus skifahrende Brandopfer – les brûlés font du ski, steht darüber. Illustriert wird der Titel mit einem schnellen, wie unfertigen Strich, der an Jean-Marc Reiser erinnert, den Klassiker der krassen Karikatur. Man sieht zwei Männchen auf Skiern, deren Verband im Abfahrtswind flattert und die sich trotz Verbrennungen, ihre Haut ist ungesund dunkel schraffiert, glänzend amüsieren. Darunter steht der Slogan: Die Komödie des Jahres!

:Frankreichs offene Wunde
Zehn Jahre nach dem Attentat auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“: Warum von der Einigkeit, die das Land damals demonstrierte, kaum noch etwas übrig geblieben ist.
Das Blatt erschien am Tag der großen Gedenkveranstaltung, zu der sich auch der französische Staatspräsident eingefunden hatte und sorgte für große Aufregung und Debatten. Ein Ehepaar stellte Strafanzeige, und schweizerische Politiker forderten ein Verbot von Charlie oder empfahlen den Boykott.
Das sind Tage, an denen es gar nicht mehr so leicht ist, sich zu dem Slogan „Je suis Charlie“ zu bekennen, mit dem gleich nach dem Attentat von 2015 so viele, teilweise ohne gute Kenntnis des Blattes, ihre Solidarität ausdrücken wollten. Charlie Hebdo hat das damals auf eine ganz eigene Weise honoriert und ebenso gnadenlos weitergemacht: Auf dem Cover der ersten Ausgabe nach dem Massaker in der Redaktion durch islamistische Terroristen war wieder der Prophet Mohamed zu sehen, auch er mit einem „Je suis Charlie“-Schild und der Unterzeile: Alles ist vergeben. In einer späteren Ausgabe vom September 2015 sorgte eine andere aktuelle Zeichnung für Sorgenfalten bei der geneigten Leserschaft. Da nahm sich der Zeichner Riss das berühmte Foto vom ertrunkenen syrischen Jungen Alan Kurdi vor und stellte noch ein McDonalds Werbeplakat in dessen Nähe, Unterzeile: So kurz vor dem Ziel.
Der ermordete Zeichner Wolinski wollte seine Asche daheim ins Klo gespült haben, um im Tod seiner Frau nahe zu sein
„Darüber macht man keine Witze“ – wo auch immer dieser Satz gesagt oder auch nur gedacht wird, erscheint ein Charlie und kritzelt los, als habe jeder noch so arme Mensch, der unter würdelosen Umständen leben muss oder zu Tode kommt, das Recht auf einen bescheuerten und gnadenlosen Abschied, die letzte Verarschung. Übrigens ist die posthume Pietätlosigkeit unter den großen Namen des Blattes auch persönliches Programm: Der am 7. Januar 2015 ebenfalls ermordete Georges Wolinski verfügte in seinem Testament, dass seine Asche zu Hause in die Toilette gespült wird, auf dass er seiner Witwe auch im Tod noch nahe sein kann.
Charlie steht damit in der Tradition der Flugblätter zur Zeit der Aufklärung, als im vorrevolutionären Paris die Könige, Kirchenmänner und andere Prominente auf jede nur erdenkliche Art und Weise diffamiert und karikiert wurden. Je länger die Titel, je höher und ehrwürdiger der Rang, desto obszöner fiel die Spottzeichnung aus. Es handelt sich um eine Übung, die ihren Zweck selbst erfüllt: Indem man große Männer klein und feine Damen lächerlich malt, beweist man seine Freiheit. Und die immer wieder auszudrücken, ist eine zentrale Ressource der französischen Öffentlichkeit: keine Religion, kein Staatsmann und kein Promi darf ungeschoren davonkommen. Eine der wichtigsten französischen Zeitungen ist das satirische Blatt Le Canard enchaîné, in dem neben brisanten Enthüllungen und hochpolitischen Artikeln nicht etwa Fotos stehen, sondern mitunter recht krasse, immer respektlose Cartoons. Charlie setzt eine alte Tradition fort und vielen ist es wichtig zu wissen, dass sich jemand die Aufgabe stellt, nichts witzlos zu finden oder zu lassen. Die Auflage der Satirezeitschrift ist nach wie vor sehr überschaubar, einige zehntausend Exemplare werden wöchentlich verkauft. Es ist auch wichtig, auf den kulturellen Kontext und das Nischenbiotop der Charlie-Zeichnungen hinzuweisen – in der freien Wildbahn der digitalen Plattformen hat es der herbe Charme dieser Werke schwer.
Die heftige Empörung in der Schweiz über das Bild mit den skifahrenden Opfern hat die Charlie-Redaktion dann zu einer raschen Reaktion bewogen, Salch griff wieder zum Stift. Eine Art gezeichnetes Sorry kommt für Charlie nicht in Frage, stattdessen widmet er sein Antwortbild dem Thema, das für die Redaktion von Charlie Hebdo das aller empfindlichste, denkwürdigste ist – das Attentat auf seine Kollegen vom 7. Januar 2015. Das Massaker, nach dem alle Charlie sein wollten. Und Salch macht genau darüber einen Witz: In seiner Version sind es nicht zwei fanatische Islamisten, die die Redaktion während der Sitzung ermorden, sondern zwei empörte Schweizer, die mit der Wilhelm-Tell-Armbrust schießen, bis die gesamte Redaktion erledigt ist, rote Pfützen überall. Über ein Attentat macht man keine Witze, aber eine Karikatur geht bei Charlie immer.
