Trump hin, Grönland her – diese Nachricht war für die Bild am Dienstagmorgen die allerwichtigste: Die Kaulitz-Brüder sollen „Wetten, dass..?“ übernehmen. Ja, richtig gelesen, die ungleichen Zwillinge, die mit Tokio Hotel berühmt wurden und sich mit ihrem Podcast und einer Netflix-Reality-Serie einen festen Platz in der Welt des deutschen Entertainments erarbeitet haben; und ja, richtig: Es geht um „Wetten, dass..?“. Wie mehrere Medien berichten, aber das ZDF am Dienstag nur andeuten, nicht bestätigen will, sollen Bill und Tom die erste Ausgabe der Sendung am 5. Dezember, kurz nach ihrer Europatour mit Tokio Hotel, moderieren.
Aus Sicht des ZDF wäre die Liaison ihres Show-Untoten mit den Kaulitz-Brüdern auf jeden Fall nachvollziehbar: Es ist lange her, dass das halbe Land am Sonntagmorgen über eine Fernsehsendung sprach. In Zeiten, in denen Followerzahlen wichtiger sind als ein Schulabschluss, den die beiden nicht haben, dürfte sich der Mainzer Sender deshalb einiges an Anziehungskraft auch für ein junges Publikum erhoffen. Ihre Reality-Show „Kaulitz & Kaulitz“, für die sie mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurden, läuft auf Netflix in der zweiten Staffel, eine dritte ist bereits in Arbeit. Der Podcast „Kaulitz Hills – Senf aus Hollywood“ rangiert weit oben in den deutschen Podcast-Charts.
Dem eingeschlafenen Show-Fernsehen täten zwei frische Gesichter gut. Doch warum ausgerechnet „Wetten, dass..?“?
Das Erfolgsrezept der Brüder: Sie nehmen sich selbst augenscheinlich nicht zu ernst, geben ausreichend Persönliches von sich preis und wirken dadurch auf viele Menschen authentisch. Auf Netflix zeigen sie eine Mischung aus Hollywood-Glamour und langweiligem Alltag. Gut gelaunter, flauschiger Eskapismus in Reinform. Ein breites Publikum hört und schaut ihnen gern zu, vor allem Bill, der am liebsten über alles Glitzer streut und den sein Bruder immer wieder zur Vernunft ruft. Und ja, man kann sich schon vorstellen, wie die beiden in womöglich ähnlich oder noch exaltierteren Anzügen wie einst Thomas Gottschalk auf der großen Bühne stehen. Show können sie.
Außerdem täten dem eingeschlafenen öffentlich-rechtlichen Show-Fernsehen zwei frische Gesichter gut. Doch warum soll es ausgerechnet „Wetten, dass..?“ sein, die Legende unter den Samstagabendshows, über die man sich jahrzehntelang freuen, aufregen, wundern oder alles gleichzeitig konnte? Von 1981 bis 2014 lief die Sendung quasi ununterbrochen, bis sie mit Markus Lanz nur scheinbar ein friedliches Ende fand. Gottschalk sollte sie von 2021 bis 2023 wiederaufleben – und dann erneut enden lassen.

:Der unprätentiöse Abschied einer Legende
Mit einem letzten Auftritt auf der heiligen Samstagabend-Bühne verabschiedet sich Thomas Gottschalk aus dem deutschen Fernsehen. Es ist ein gelungenes Adieu – auch weil sich der Entertainer und die anderen Studiogäste zu viel Melancholie verkneifen.
Man hätte es dabei belassen, ein langes Kapitel deutscher Fernsehgeschichte abschließen können. Und mit den Kaulitz-Brüdern ein neues Format für ein neues Zeitalter entwickeln, wenn man mit ihnen schon die jungen Zuschauer erreichen möchte. Aber weil gerade eine kraftvolle Nostalgiewelle durch die Medien- und Kulturlandschaft rollt und man sich nicht nur im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gern auf alte Tugenden und Erfolge beruft, lag die Entscheidung offenbar nur eine Ecke weiter. Es ist ja auch aus Zuschauersicht verlockend: sich zumindest kurzzeitig in die guten alten Zeiten zurückzuversetzen, als die Frage, was abends angeschaut wird, keine Frage des Streaming-Abos war, sondern des linearen Fernsehprogramms. Aber ob diese Nostalgie auch jene Kaulitz-Fans anspricht, die selbst nie auf dem Sofa vor der Außenwette einschlummerten – weil sie schlicht zu jung sind?
Beim ZDF fällt die Werbung bislang kryptisch aus
Bemerkenswert und etwas bemüht jung ist auch die Werbekampagne des ZDF in dieser Angelegenheit. Bis Dienstagnachmittag vertröstete der Sender auf Anfrage immer wieder, man werde sich möglichst bald äußern. Dabei hatte er am Montag bereits auf Instagram ein Foto der Kaulitz-Brüder in Hochglanzoptik geteilt, mit dem kryptischen Text: „Die Katze hat uns ein paar Mäuse vor die Tür gelegt! Wir überlegen gerade, wo uns die beiden unterstützen können! Werden sie die neuen Experten bei Bares für Rares? Übernehmen sie den Gruberhof beim Bergdoktor? Ermitteln sie bei Aktenzeichen XY … ungelöst? Oder gehen sie als Chefstewards auf dem Traumschiff an Bord? Habt ihr noch einen Vorschlag?“ Zu den prominentesten ZDF-Followern, die das Bild geteilt haben, gehört auch Heidi Klum, Ehefrau von Tom Kaulitz.
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Ebenfalls am Montag lief am Hamburger Hauptbahnhof eine riesige Videowerbung, in der die Zwillinge in derselben Optik wie aus dem ZDF-Instagram-Post durchs Bild laufen. Um einen Scherz dürfte es sich dabei jedenfalls nicht handeln. Nur das teilt der Sender bislang mit: „Das ZDF und Bill und Tom Kaulitz haben große Pläne.“ Topp, die Wette gilt.
