

Der offene Brief von achtzig internationalen Filmkünstlern, die sich „entsetzt über das institutionelle Schweigen der Berlinale zum Völkermord an den Palästinensern“ zeigen, hat den falschen Adressaten. Die Berlinale ist ein Festival, kuratiert, streitbar, manchmal nervig, aber sie ist weder das Außenministerium noch die Pressestelle des Kanzleramts und auch kein diplomatischer Krisenstab. Wer politische Entscheidungen, Einladungen, Absagen oder Staatsräson verhandeln will, möge das tun, aber auf Augenhöhe und mit dem richtigen Gegenüber. Hier wird ein Kulturevent zum Prügelknaben gemacht, weil es so einfach ist, einen Festivalapparat zu rügen. Publizität gibt es frei Haus.
Das ist unfair und wohlfeil. Die Berlinale kann Räume öffnen, Debatten ermöglichen und Reibung aushalten. Aber sie kann keine geopolitische Lage lösen und keine moralische Eindeutigkeit herstellen. Vor Symbolpolitik sollte sie sich fernhalten. Das aber ist die Erwartung des offenen Briefs. Die Berlinale soll Plattform, Tribunal und Lautsprecher sein. Die Filme sind dann nur noch Vorprogramm. In dieses Drehbuch geriet Wim Wenders als Jurypräsident. Als Erste sagte die indische Autorin Arundhati Roy ihren Auftritt mit Verweis auf Wenders ab, der auf die Frage, warum sich die Jury nicht zu Gaza positioniere, erwidert hatte, dass eine Filmjury sich aus der Politik heraushalten solle. Mit Werken begebe man sich zwar auf das Feld der Politik, aber als „Gegengewicht“ zur Politik, so Wenders: „Wir müssen die Arbeit der Menschen machen und nicht die Arbeit der Politiker.“
Was vernünftig klingt, wird von den Protestlobbys scharf kritisiert. Doch von einem Juror zu verlangen, eine politische Sprecherrolle zu übernehmen, ist ein Kategorienfehler. Und von der Berlinale staatspolitische Haltung zu verlangen, macht aus einem Kunstereignis eine Gesinnungsschleuse. Das verengt den Diskursraum der Kultur. Nicht, weil Kultur unpolitisch wäre, sondern weil sie politische Verantwortlichkeit nicht ersetzen kann. Wer das verwechselt, fordert nicht mehr Moral, sondern weniger Kunst.
