Die acht Tops und Flops bei der Paris Fashion Week

Celine

Immer wieder steige er ins Archiv hinab, sagt Michael Rider nach der Schau: „Ich mag Kontinuität.“ Fast zehn Jahre lang hat der amerikanische Designer unter Phoebe Philo für Celine gearbeitet (damals noch: Céline). Danach verantwortete er sechs Jahre lang das Design bei Ralph Lauren. Da erahnt man, woher die polierte Ästhetik stammt. Begehrenswert macht er seine zweite Prêt-à-porter-Kollektion durch eine rebellische Siebzigerjahre-Attitüde mit Vintage-Elementen, die sich auch dem Rückblick auf seinen Vorgänger Hedi Slimane verdankt.

Die Chefin der italienischen „Vogue“ hält drauf: Francesca Ragazzi fotografiert einen Celine-Entwurf.
Die Chefin der italienischen „Vogue“ hält drauf: Francesca Ragazzi fotografiert einen Celine-Entwurf.Alfons Kaiser

Kleine Highlights: klimpernde Paillettenkleider, verspielte Taschen, Haarschmuck für Männer. Sidney Toledano, der Chef der LVMH-Modemarken, scheint rundum zufrieden damit zu sein: Er gratuliert Rider backstage und formt mit Unterarm und ausgestreckter Hand eine Linie, die nach oben geht. Womöglich ist der Erfolg programmiert.

Balenciaga

So schlimm war es nun auch nicht. Es gab Jacken, die waren am Rücken so schön gerundet wie ein Couture-Kleid von Cristóbal Balenciaga aus den Fünfzigerjahren. Es gab Mäntel, in denen man sich vergraben kann. Und es gab auch ein paar Abendkleider, damit Balenciaga nicht aussieht wie eine Marke, die im nächsten Herbst und Winter ganz dringend ganz viele Jacken und Mäntel verkaufen muss. Leider ist es aber genauso. Der Kering-Konzern macht Druck. Der neue CEO Luca de Meo weiß als ehemaliger Automanager, wie man Kosten reduziert und Umsätze hochtreibt.

Lebensfreude sieht anders aus: Die Marke Balenciaga nimmt sich sehr zurück.
Lebensfreude sieht anders aus: Die Marke Balenciaga nimmt sich sehr zurück.PR

Das Ergebnis: Diese Kollektion sieht phantasielos aus. Ausgerechnet, denn Designer Pierpaolo Piccioli hat doch bei Valentino gezeigt, wie romantisch er sein kann, ohne in Kitsch abzugleiten. Im Herbst startete er so hoffnungsvoll bei Balenciaga, jetzt bleibt er unter seinen Möglichkeiten. Wie schade!

Jean Paul Gaultier

Diese Saison wird als durchschnittlich in die Modegeschichte eingehen. Aber mindestens einen „fashion moment“ gibt es doch: Duran Lantink, seit vergangenem Jahr Chefdesigner der Marke Jean Paul Gaultier, lässt seiner Phantasie auf dem Laufsteg freien Lauf; und Jean Paul Gaultier selbst, der in der ersten Reihe sitzt, ist begeistert. Angeregt wurde Lantink durch Marlene Dietrich, die auch gleich mit ihrem Lied „Peter, Peter, komm zu mir zurück“ eingespielt wird: „Wie konnte mich ein Mann nur so berauschen?“ Lantink findet die Aura der Sängerin „süß und dominant, sexy und anmutig“. So hält er es auch mit seiner Mode: mal lieblich, mal stark, auf links gedreht und ausgebeult an den unmöglichsten Stellen, das Unten nach oben gezogen und umgekehrt. Und weil Dietrich so schön rauchte, raucht es doch wirklich hinten aus einem Kleid.

DSGVO Platzhalter

Verrückte Mode! Wo gibt es die schon noch in der Welt der Zahlen? Der niederländische Designer hat schon immer mit Vintage-Stücken gearbeitet, so intensiv, wie er sagt, dass er manchmal selbst keine Kleidung mehr zum Anziehen hatte. Im Gaultier-Archiv fand Lantink genug Material, um es nach dem Motto „alles erlaubt“ auszuschlachten. Gaultier war am Ende richtig gerührt. Dieser junge Kollege hat verstanden, dass die abseitigen Ideen so gut sind, weil sie absolute Freiheit symbolisieren. In diesen Zeiten ist das ein Mehrwert, den nicht jede Mode mit sich bringt.

Hermès

Diese Marke ist schon lange da, wo alle hinwollen. Bei Hermès kommt es nicht auf Dekonstruktion an, sondern auf Tragbarkeit. Andere Designer sind nach vielen Experimenten jetzt endlich auch auf dem Boden der Tatsachen angelangt und kümmern sich um die Basics (siehe zum Beispiel Balenciaga, Celine, Gucci). Hermès hat sich noch nie um akademische oder avantgardistische Experimente geschert.

Leder in allen Varianten: Hermès hat sich noch nie lange mit avantgardistischen Experimenten aufgehalten.
Leder in allen Varianten: Hermès hat sich noch nie lange mit avantgardistischen Experimenten aufgehalten.PR

Designerin Nadège Vanhée, die nach Stationen bei Martin Margiela und Céline schon seit fast zwölf Jahren die Damenentwürfe bei Hermès verantwortet, zeigt, dass gut verkäufliche Kleidung nicht unterkomplex aussehen muss: mit herbstlichen Farben, gut gestylten Kombinationen und einer unglaublich großen Vielfalt an Lederteilen vom Minikleid über enge Hosen bis zu weiten Jacken. Da wirken nicht einmal Overknee-Stiefel fehl am Platz. Und das heißt etwas!

Vivienne Westwood

Einem Model einen riesigen Napoleon-Hut auf den Kopf zu setzen: Reicht das, um der Kollektion ein Krönchen historischer Ironie aufzudrücken? Sehen Kostüme mit langen Röcken, die an der freien Bewegung hindern, nach Emanzipation aus? Und sind die Mäntel mit Karomuster wirklich mehr als eine nette Reminiszenz an die Markengründerin Vivienne Westwood?

Theater oder Zirkus? Designer Andreas Kronthaler küsst nach der Westwood-Schau die „Braut“, das letzte Model.
Theater oder Zirkus? Designer Andreas Kronthaler küsst nach der Westwood-Schau die „Braut“, das letzte Model.dpa

Nein, nein und nein. Natürlich, es stimmt schon, die Minikleider mit den Bodystockings sind natürlich sexy und die Sanduhr-Silhouetten formvollendet. Keine Zweifel daran, dass Andreas Kronthaler das Erbe seiner Frau bewahrt, mit allen Mitteln und mit aller Energie sowieso. Aber irgendwie weiß man nicht, wie das weitergehen soll. Nicht wegen der banausischen Frage, wer das tragen soll. Sondern wegen der banalen Frage, wer das kaufen soll.

Tom Ford

Wie kalt und blutleer kann eine Kollektion sein? Ziemlich! Haider Ackermann, der für die Marke Tom Ford die Mode entwirft, sagt: „Meine Sprache ist die der Verführung. Hart und weich. Scharf und einhüllend.“ Aber wen will der Designer, den man vor Jahren schon auf dem Chefposten bei Chanel sah, mit seiner Mode verführen? Einen Eisberg? Damit ist nichts gegen seine Anzüge, Smokings und Mäntel gesagt; bei den Preisen darf man Perfektion erwarten.

Durchsichtig: Haider Ackermann interpretiert Tom Ford äußerst unterkühlt.
Durchsichtig: Haider Ackermann interpretiert Tom Ford äußerst unterkühlt.PR

Es geht um die „allure“, die Aussage, die Stimmung, wenn’s sein muss: die Haltung. Manche Models tragen Sonnenbrillen, nicht weil es so toll aussieht, sondern weil die Lizenzen viel Geld einbringen. Manche Models tragen Jeans, um ganz locker zu wirken – aber eben Jeans, die am Ende im Laden an die 1000 Euro kosten. Und dann noch diese seltsamen Plastiküberzüge! „Komm näher und sieh“, schreibt Ackermann in den „show notes“. Wir formulieren das jetzt mal schnell um: Bleib fort und schau weg!

Akris

„Mir haben die Farben gut gefallen“, sagt Toni Garrn nach der Akris-Schau. Dann schaut das deutsche Topmodel an sich hinab: alles schwarz! Der Laufsteg führt eben nicht immer direkt ins wirkliche Leben. Sie meint es aber ernst mit dem starken Grün, dem Blau, dem Gold, dem Clash von Rosa und Orange. Designer Albert Kriemler hat sich anregen lassen von der kolumbianischen Textilkünstlerin Olga de Amaral. Zum ersten Mal bemerkte er sie 2010, als er seine erste Rosshaartasche auf den Markt brachte und auch sie mit Rosshaar arbeitete, sagt er nach der Schau. Dann sah er die Ausstellung in der Fondation Cartier, und im September 2025 besuchte er die Vierundneunzigjährige in Bogotá.

Mut zu Farben im Herbst: Albert Kriemler hat sich für Akris wieder von einer Künstlerin anregen lassen.
Mut zu Farben im Herbst: Albert Kriemler hat sich für Akris wieder von einer Künstlerin anregen lassen.AFP

Nun kommen Schweizer Präzision und südamerikanische Farben zusammen. Für das viele Gold, das Markenzeichen der Künstlerin, das jetzt auch seines ist, muss die Akris-Kundin Mut mit in den Laden bringen. Aber die farbstarken Kleider sind nur der „eye opener“ für die ganze Kollektion. Eine Einkäuferin meint beim Hinausgehen, dass sie die Jacken und Mäntel gleich ordern wird. Die optische Aufmunterung scheint zu wirken.

Zimmermann

Man nennt sie auch „das Chloé von Down Under“. Nicky und Simone  Zimmermann aus Sydney, die ihren Nachnamen ihrem Vater verdanken, einem gebürtigen Hamburger, feiern mit ihren romantischen Kleidern nun auch in Europa Erfolge – unter anderem mit Läden in München und Hamburg. Ihr Stil ist so leicht wie das Leben am Strand. Mit diesem Rüschenreichtum und diesen Volantkaskaden fühlt man sich in St. Tropez wie zu Hause.

Auch für unsere Breitengrade: Schauspielerin Saffron Hocking trägt Zimmermann-Jeans.
Auch für unsere Breitengrade: Schauspielerin Saffron Hocking trägt Zimmermann-Jeans.Alfons Kaiser

Da es in ihren Wachstumsmärkten aber auch kälter werden kann, erweitern die Designerin Nicky und ihre fürs Geschäft zuständige Schwester Simone den unnachahmlichen Boho-Chic um robustere Kleider, Lederhosen, Zopfstrickpullover, Jacken. Und welche von den Besucherinnen sieht am besten aus? Beim Hinausgehen entdeckt man die britische Schauspielerin Saffron Hocking, von oben bis unten in Jeans gekleidet. Das können die Zimmermann-Schwestern also auch!