Für das DFB-Team stehen die letzten beiden Testspiele vor der vorläufigen WM-Kadernominierung im Mai an. Trainer Julian Nagelsmann will die „Inhalte gut rüberbringen“ und das Teamgefühl stärken. Einige Spieler haben ihren WM-Platz so gut wie sicher, die Zeit der Experimente ist allerdings noch nicht ganz vorbei.
Beim Blick auf den DFB-Fahrplan bis zur Weltmeisterschaft 2026 in Kanada, Mexiko und den USA wird klar: So langsam wird es ernst. Die beiden Testspiele gegen die Schweiz in Basel (Freitag, 20.45 Uhr, live im Sportschau-Audiostream) und in Stuttgart gegen Ghana (Montag, 20.45 Uhr, im Sportschau-Livestream) sind die letzten Spiele Deutschlands vor der vorläufigen Kadernominierung Mitte Mai.
Entsprechend konkret werden die Fragen, mit denen sich Bundestrainer Julian Nagelsmann intensiv beschäftigen muss: Welches System soll es für das Turnier sein? Mit welchen Spielern werden die Positionen besetzt? Kann man so kurz vor der WM noch experimentieren?
Verkompliziert werden diese Fragen vor allem dadurch, dass sich die Voraussetzungen im Vergleich zur Nominierung in der Vorwoche bereits massiv verändert haben: In Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha sagten zwei Spieler aus dem Mittelfeldzentrum verletzungsbedingt ab. Sie hätten vermutlich viele Einsatzminuten bekommen, gelten sie doch auch mit Blick auf die WM als mögliches Duo für Nagelsmanns Startelf.
Stiller und Führich nachnominiert
Mittlerweile hat Nagelsmann zwei Spieler nachnominiert: Angelo Stiller und Chris Führich vom VfB Stuttgart rücken nach. Zu Stiller hatte Nagelsmann bei der Nominierungs-Pressekonferenz noch eine längere Erklärung abgegeben, weshalb der im Verein seit längerer Zeit stabil und überzeugend auftretende Linksfuß denn nicht dabei sei – nun die Rolle rückwärts: Stiller stößt zum DFB-Quartier in Herzogenaurach dazu und hat plötzlich gute Chancen auf Einsatzminuten.
Neben der Vorbereitung auf die Spiele steht dort für den Bundestrainer das Zusammenwachsen als Mannschaft im Vordergrund. „Wir haben einen großen Pool von Spielern als Stamm dabei, die schon längere Zeit dabei sind, die sich festigen können, sich weiter aneinander gewöhnen können“, so Nagelsmann. „Der März-Kader wird viele Parallelen zu dem haben, wie er im Mai aussieht.“
Lennart Karl vor DFB-Debüt
Gleichzeitig spricht Nagelsmann auch deshalb von einer „guten Mischung“, weil die Kader-Experimente so kurz vor dem Turnier doch auch nicht ganz abgeschlossen sind. „Es sind Spieler dabei, die wir noch nicht kennen – zumindest nicht im Detail, unter meiner Leitung. Sie haben jetzt die Chance, sich zu zeigen.“ Angesprochen fühlen dürfen sich insbesondere Anton Stach, Josha Vagnoman und Lennart Karl, die unter Nagelsmann noch nicht nominiert wurden. Für den 18-jährigen Karl ist es überhaupt die erste Nominierung für die A-Nationalmannschaft. Sie sollen zeigen, was sie „der Gruppe geben“ können.
Auf einmal mit guten WM-Hoffnungen: Anton Stach von Leeds United
Das Teamgefüge ist Nagelsmann explizit wichtig. Die Nominierung von Pascal Groß, nach mäßig erfolgreicher Zeit bei Borussia Dortmund zurück als Stammspieler bei Brighton & Hove, wurde viel diskutiert. An ihm schätzt Nagelsmann „die große Gabe, Menschen zu verbinden“, die Fähigkeit, die Stimmung im Team durch seine Selbstlosigkeit zu verbessern.
Wohlfühlfaktor am Beispiel Schade: Kennenlernen im Fokus
Der Wohlfühlfaktor kommt auch bei der Personalie Kevin Schade zum Tragen. Nicht wenige hatten sich gefragt, wieso der Offensivmann von Brentford nominiert wurde, Dortmunds Maximilian Beier oder Karim Adeyemi aber nicht. „Er war einfach noch nicht so häufig dabei“, begründet Nagelsmann Schades Nominierung. „Wir wollen ihm die Chance geben, sich etwas mehr an die Mannschaft zu gewöhnen. Sein erster Lehrgang war in Ordnung, der zweite war deutlich besser, weil er sich wohler gefühlt hat. Jetzt wollen wir ihm mit dem dritten die Chance geben, auf dasselbe Niveau der Akzeptanz zu kommen wie die anderen beiden.“
Noch nicht richtig im DFB-Team angekommen? Offensivmann Kevin Schade
Sich gemeinsam wohlfühlen, sich einspielen, sich kennenlernen – darauf kommt es beim DFB nun an. Gegen die Schweiz und gegen Ghana stehen zwei richtungsweisende Testspiele an. Gerade die Schweiz um Inters Manuel Akanji, Granit Xhaka (Sunderland) oder Freiburgs Top-Talent Johan Manzambi ist ein ernstzunehmender Gegner. Mit Ghana trifft Deutschland auf einen großen Namen des afrikanischen Fußballs, auch wenn die besten Jahre der „Black Stars“ mit dem WM-Viertelfinaleinzug 2010 schon länger zurückliegen.
Der Ex-Dortmunder Manuel Akanji im Schweizer Nationaltrikot
Inhalte vor Ergebnis: Nagelsmann wirbt um Nachsicht
„Ich bereite euch schon einmal drauf vor“, dämpfte Nagelsmann vor der versammelten Journalistenrunde die Ergebnis-Erwartungen präventiv. „Sollte mal ein Unentschieden rausspringen, müsst ihr nicht alles in Grund und Boden schreiben. Idealerweise haben wir zwei Erfolgserlebnisse, sollte das aber nicht so sein, bricht die Welt auch nicht zusammen – wenn wir den Inhalt gut rüberbringen und uns gut entwickeln. Wir wollen uns als Gruppe weiter finden und die neuen Spieler gut integrieren.“
Klar ist trotzdem: Sollten die Experimente misslingen, sollten Nagelsmanns Personalentscheidungen zu schwachen Ergebnissen führen, wird es Diskussionen geben. Auch Nagelsmanns warnende Worte werden daran nicht viel ändern.

