
DFB-Pokalhalbfinale
Arminia Bielefeld – Bayer Leverkusen 2:1 (2:1)
Tore: 0:1 Jonathan Tah (17. Minute), 1:1 Marius Wörl (20.), 2:1 Maximilian Großer (45.+3)
Was ist denn da passiert?
Eines dieser Fußballwunder. Schon während des Spiels kämpften etliche Bielefeld-Fans mit den Tränen, nach dem Abpfiff liefen einige wie von Sinnen auf den Platz (und wurden irgendwann wieder runter eskortiert). Nicht ausgeschlossen, dass eine ganze Stadt am Mittwochmorgen keine Stimme mehr hat.
Weil: Arminia Bielefeld, derzeit auf Platz vier der dritten Liga, hat Bayer Leverkusen aus dem Pokal geworfen. Arminia Bielefeld, das am Samstag noch gerade so ein 2:2 gegen die zweite Mannschaft von Hannover 96 holte, hat nun drei Tage später den amtierenden Meister und Titelverteidiger besiegt, eine der besten Fußballmannschaften des Landes. Gibts doch gar nicht und ist schon jetzt historisch: Bielefeld ist erst der vierte Drittligist der Geschichte, der es ins Pokalfinale geschafft hat. Und der erste, der auf dem Weg dahin gleich vier Erstligateams (Union Berlin, SC Freiburg, Werder Bremen, Leverkusen) rausgeworfen hat.
Doch genug der schnöden Statistik: „Heute schläft keiner in der Stadt“, sagte Bielefelds Trainer Mitch Kniat nach dem Spiel in der ARD. Wird schon stimmen.
Wie lief das Spiel?
Fast noch außergewöhnlicher als das Ergebnis: Der Sieg war kein bisschen glücklich, es war keiner dieser duselig ermauerten Außenseitererfolge, sondern völlig verdient, was hinterher auch die Leverkusener Spieler zugeben mussten. Dabei begann das Spiel so, wie es die meisten erwarteten. Leverkusen versuchte, die Partie zu kontrollieren, was ein paar Ecken zu Beginn einbrachte. Und eine davon brachte Jonathan Tah in der 17. Minute im Tor unter.
Doch wer nun dachte, die Dinge würden ihren gewöhnlichen Verlauf nehmen, irrte. Nicht einmal drei Minuten später schlenzte Bielefelds Marius Wörl zum 1:1 ins rechte untere Eck. Und fortan war nicht mehr zu unterscheiden, wer denn nun der Drittligist und wer der Bundesligist war.
Aber wie kann das denn sein?
Bielefeld lieferte die Blaupause für erfolgreichen Underdog-Fußball: mit Passion verteidigen, Räume zulaufen, sich überall hineinwerfen und für den Weg nach vorne auf lange Bälle setzen beziehungsweise darauf, die abgewehrten Bälle, die sogenannten zweiten Bälle, aufzusammeln. Das erfordert viel Courage und gut trainierte Lungen. Fähigkeiten, die ein durchschnittlicher Drittligaspieler aber durchaus besitzt. Doch es waren nicht nur die Sekundärtugenden, mit denen Bielefeld überzeugte. Hin und wieder kombinierten sich die Arminen auch klug und kühl hinten raus und ließen die Leverkusener laufen – und staunen.
Wie und wann fiel das entscheidende Tor?
In der Nachspielzeit der ersten Hälfte. Nach einem Freistoß von links war Maximilian Großer der einzige Spieler, der wirklich zum Ball wollte und stakste ihn zum 2:1 ins Netz. Der Leverkusener Psyche tat das Tor und die daraufhin eigentlich konstant bebende Bielefelder Alm nicht besonders gut. „Ich hab zum lieben Gott gebetet, dass er uns durchbringt“, sagte Bielefelds Trainer Mitch Kniat nach dem Spiel. Aber das wäre gar nicht nötig gewesen. Außer zwei Kopfbällen von Nordi Mukiele (gehalten von Jonas Kersken) und Patrick Schick (Außenpfosten, der daraufhin von Kersken geküsst wurde) hatte Bielefeld kaum enge Situationen zu überstehen.
Was war mit Leverkusen los?
Tja. Es liegt natürlich immer auch am Gegner. Aber dass eine der, vielleicht sogar die spielstärkste deutsche Fußballmannschaft so ideenlos auftritt, wird eines der größten Rätsel dieser Saison bleiben. Natürlich fehlte Florian Wirtz, aber auch ohne ihn sollte seine Mannschaft in der Lage sein, mehr als zwei oder drei konstruktive Angriffe in 97 Minuten Fußball zustande zu bringen. Leverkusen fand nie in sein Pass- und Positionsspiel, sondern ließ sich von Bielefeld fortwährend in Zweikämpfe und Kopfballduelle verwickeln. Genau die Elemente eines Fußballspiels, in denen Drittligisten gerne mal im Vorteil sind. Je länger das Spiel dauerte, desto mehr versuchte es Leverkusen auch mit langen Bällen und Wucht. Aber das Original ist immer erfolgreicher als die Kopie.
Dazu war etwa Mukiele als Rechtsverteidiger mal wieder völlig überfordert. Ihn hatten sich die Bielefelder schon vor dem Spiel ausgeguckt und spielten viele lange Bälle in seinen Rücken. Über Mukieles Seite fielen auch beide Bielefelder Tore. Und Granit Xhaka, der vermeintliche aggressive leader seiner Mannschaft und als solcher eigentlich für solche Spiele konstruiert, hatte seine angriffslustigste Szene, als er nach Abpfiff mit den eigenen Fans stritt.
Und jetzt?
In den Interviews nach dem Spiel fiel oft der Name des Café Europa, einer Disco, die sie in Bielefeld nur „Café“ nennen. Dort werden die Mannschaft und die halbe Stadt wahrscheinlich auch noch feiern, wenn Sie, liebe Leserinnen, diesen Text hier lesen.
Wenn sie wieder nüchtern sind, werden die Bielefelder realisieren, dass sie bald nach Berlin fahren. Sie könnten dann entweder gegen den VfB Stuttgart oder gegen RB Leipzig als erstes Drittligateam überhaupt den Pokal gewinnen. Nebenher wollen sie noch den Aufstieg in die zweite Liga klarmachen, fünf Punkte Rückstand sind es auf einen direkten Aufstiegsplatz.
Leverkusen wird die Saison möglicherweise ohne Titel beenden.