Mitten im dänischen Jubel waren die deutschen Spieler untröstlich. Die Arme in den Hüften, die Köpfe gesenkt, die Blicke leer. Wieder ein Finale verloren, wieder gegen Dänemark, wieder die Silbermedaille. Doch obwohl die deutsche Handball-Nationalmannschaft den dritten Europameistertitel nach 2004 und 2016 verpasst hat, beendete sie das kontinentale Turnier am Sonntag mit einer ordentlichen Leistung und in allen Ehren.
Sie musste bei der 27:34-Finalniederlage aber – wie vor eineinhalb Jahren im olympischen Endspiel von Lille – anerkennen, dass die Skandinavier als Weltmacht auf der Platte kaum zu stürzen sind. Ganz gut ist nicht gut genug, wenn die Rückraumachse um Juri Knorr, Julian Köster und Renars Uscins nicht so rollt wie in den meisten EM-Spielen zuvor in Herning.
Die 15.000 Zuschauer erwarten Dänemarks Sieg
Zwar können Konkurrenten gelegentlich an der Dominanz rütteln – wie Portugal bei seinem Vorrundensieg oder die Deutschen am Sonntag. Doch dass die Dänen in einem Turnier mehrmals schwächeln und fallen, ist angesichts der individuellen Klasse wenig wahrscheinlich. Die DHB-Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) ging gegen Dänemark zum achten Mal nacheinander leer aus, zuletzt gewann sie im Erfolgsjahr 2016, als sie bei der EM den Titel sowie die olympische Bronzemedaille holten.
„Wir sind heute enttäuscht, aber morgen wird der Hunger noch größer sein, die Dänen zu schlagen. Wir haben ein hervorragendes Turnier gespielt. Ich bin überzeugt, dass es ein weiterer Schritt in der Entwicklung sein wird“, sagte Teammanager Benjamin Chatton: „Wir werden beim nächsten Mal hoffentlich wieder im Finale stehen gegen die Dänen.“
Die meisten der 15.000 Zuschauer in der Halle von Herning, die von ihrem Team nichts anderes erwarteten als den Titel, waren aus dem Häuschen. Dagegen musste Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) inmitten der in Landesfarben gekleideten Dänen anerkennen, dass „die Roten“ im Handball mächtiger auftreten als daheim in der Regierungskoalition.
Den Dänen gelang nicht nur das in der EHF-Geschichte recht seltene Kunststück, als Heimmannschaft zu triumphieren. Sie sind nach Frankreich 2010 das zweite Team überhaupt, das gleichzeitig die drei großen Titel trägt: Olympiasieger, Weltmeister, Europameister.
Auch bei den individuellen Auszeichnungen räumten die Dänen ab: Welthandballer Mathias Gidsel von den Füchsen Berlin wurde zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt, Simon Pytlick zum besten im Rückraum links. Gemeinsam erzielten sie im Turnier 132 Treffer (Gidsel 68, Pytlick 64) und waren damit annähernd für jeden zweiten Treffer des neuen Europameisters verantwortlich.
Justus Fischer fällt wegen eines Infekts aus
Die DHB-Abwehr konnte nicht mit voller Kraft dagegenhalten. Zwar kehrte Tom Kiesler nach überstandenem Magen-Darm-Infekt ins Team zurück, doch lange konnte der Gummersbacher seinen Kollegen nicht helfen. Nachdem er Gidsel im Gesicht getroffen hatte, nahm ihn das Schiedsrichtergespann mit einer Roten Karte aus der Partie (14. Minute). Weil Justus Fischer, der beim Halbfinalerfolg gegen Kroatien als menschliches Blockkraftwerk überzeugte, wegen eines Infekts nicht einspringen konnte, reckte stattdessen Matthes Langhoff die Arme in die Höhe.
Der Erfolg hielt sich in Grenzen, weil der EM-Gastgeber doch über allzu viele wendige, wuchtige und wurfgewaltige Rückraumschützen verfügt. Vielspieler Gidsel erwischte nicht den besten Tag, dem Welthandballer schien es gelegentlich am letzten Fünkchen Energie zu fehlen. Doch vor allem Johan Hansen sowie Pytlick auf halblinks sprangen in die Bresche und fanden oft eine Lücke.

Sechs seiner acht Treffer erzielte der Flensburger Bundesligaprofi in der ersten Hälfte, unter anderem zur ersten Dreitoreführung Dänemarks nach einer Viertelstunde (10:7). Dass die Dänen am Kreis noch mehr ausgedünnt waren als die Deutschen und nach drei Ausfällen nur noch auf Magnus Saugstrup zurückgreifen konnten, fiel kaum auf.
Im Angriff taten sich die Deutschen oft schwer mit der offensiven dänischen Abwehr. Vor allem Juri Knorr wurde stets früh angelaufen, besonders Renars Uscins konnte sich selten aus der ständigen Begleitung befreien. Tat er es doch, verfehlte er allzu oft das Ziel. Nur zwei seiner sieben Würfe landeten im Netz.
Scheitern, wieder versuchen, besser scheitern
Knorr und Julian Köster kamen mit der griffigen Dänen-Deckung besser zurecht. Zwar fiel es ihnen schwerer, den Ball an Torhüter Kevin Möller vorbeizubekommen als bis zur 21. Minute an Emil Nielsen. Doch trugen vor allem die beiden mit ihren Treffern dazu bei, dass der deutsche 16:18-Rückstand zur Halbzeit Raum für Phantasie für die zweiten dreißig Minuten ließ. Zumal sich auch Andreas Wolff, wie Kapitän Johannes Golla ins EM-Allstar-Team gewählt, nicht auf seinem Lorbeer ausruhte und gegen Gidsel, Pytlick und Co. mehrmals prächtig parierte.
Scheitern, wieder versuchen, besser scheitern: Im Sinne dieser Devise des irischen Schriftstellers Samuel Beckett versuchte die DHB-Auswahl, die Herausforderung weiter anzunehmen. Viel war ihr nicht gelungen seit 2008. Zwei der drei zurückliegenden Spiele gerieten zu Demütigungen.
Vor einem Jahr an selber Stelle das 30:40 in der WM-Hauptrunde, vor allem aber die 26:39-Schmach im olympischen Finale steckte in den Köpfen. In Lille sei man vom überraschenden Gewinn der Silbermedaille „euphorisiert“ gewesen, sagte Kapitän Johannes Golla und kündigte vor dem EM-Finale an: „Wir werden den gleichen Fehler nicht noch mal machen und das Spiel verschlafen.“
Dass Gislasons Teams in der Lage ist, immer besser zu scheitern, hatte es beim ersten Aufeinandertreffen in der Hauptrunde bewiesen, als es bei der 26:31-Niederlage in der ersten Halbzeit das dänische Tempospiel unterband. Am Sonntag gelang es in der zweiten Halbzeit nicht mehr so gut, den Gegner in ein Positionsspiel zu zwingen. Hieß es kurz nach dem Seitenwechsel noch 19:19, zogen die Dänen auf vier Tore davon (26:22/45.), obwohl sie auch einige 1a-Chancen liegenließen.
Deutschland hat 2027 eine Heim-Weltmeisterschaft
Das deutsche Team ließ im neunten Spiel binnen 18 Turniertagen allmählich nach. Als Nielsen fünf Minuten vor Schluss einen Siebenmeter von Nils Lichtlein parierte und Niclas Kirkeløkke im Gegenzug auf 31:27 erhöhte, war das Rennen um den EM-Titel gelaufen. Umso mehr, als auch noch Jannik Kohlbacher nach einer Roten Karte vom Parkett musste (57.).
„Ich bin stolz auf die Leistung, auf das ganze Turnier. Wir haben uns auch heute nicht aufgegeben“, sagte Golla: „Das Ergebnis fällt deutlicher aus, als es das Spiel hergegeben hat. Im Vergleich zum Finale bei Olympia können wir heute erhobenen Hauptes hier raus gehen.“
Die DHB-Auswahl hatte sich diesmal weitaus weniger vorzuwerfen als im August 2024 in Lille, als sie sich auf großer Bühne vorführen ließ. In den vergangenen drei Großturnieren gewann sie zweimal Silber. Entwickeln sich die deutschen Twens weiter wie bisher, könnte ihre Stunde bei der Heim-WM 2027 schlagen, dem Höhepunkt des ausgerufenen „Jahrzehnts des Handballs“ in Deutschland.
