
Hat da gerade jemand Schlafanzug gesagt? Ein bisschen origineller darf’s schon sein, wenn man das neue Auswärtstrikot abwatschen will. Ein nachtblaues Leibchen macht noch keinen Pyjama. Was sollen die Franzosen sonst erst sagen.
Das Problem dürfte vielmehr sein: Es gibt einfach nicht viel zu meckern bei diesem Entwurf. Außer eben vielleicht, dass es arg an Frankreich oder Auswärts-Argentinien erinnert. Schönes Tiefblau, durchgehendes Zickzack-Muster, das die diagonalen Adidas-Zackenstreifen aufgreifen soll, bisschen Türkis und dicke Bündchen für 90er-Jahre-Retro-Touch – fast sieht es mehr nach Streetstyle-Shirt als nach klassischem Fußballtrikot aus. Die Spieler Elias Nehrlich, Nick Woltemade und Nene Brown trugen in einem Promovideo entsprechend Baggy-Jeans dazu.
So ruhig war es im Trikotmonat-März tatsächlich lange nicht mehr. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass in den letzten Jahren beim Away-Kit farblich wild durchgewechselt wurde. Aggro-Rot, Military-Schwarz-gestreift, vor zwei Jahren war die Hölle los, als die Mannschaft bei der Heim-EM in Barbie-Pink mit lila Farbverlauf spielen sollte. Im Nachhinein wurde „Semi Lucid Fuchsia und Team Colleg Purple“ dann bekanntlich zum meistverkauften Auswärtstrikot, das Adidas und der DFB je hatten. Bis jetzt.

Wahrscheinlich lautete die Ansage an die Designer, dass das für die WM 2026 bitte erst recht ein todsicheres Ding werden muss. Schließlich sind es die letzten Trikots von Adidas für den DFB, der sich ab 2027 für etwa 100 Millionen Euro pro Jahr vom Konkurrenten Nike ausstatten lässt. Am Saum findet sich nun ein „subtiler“ Schriftzug mit der Aufschrift „seit 1954“, wie es in der Pressemitteilung heißt. „Er verweist auf die jahrzehntelange Partnerschaft zwischen adidas und dem Deutschen Fußball-Bund und unterstreicht die gemeinsame Geschichte.“ Frei übersetzt: Sag zum Abschied leise servus – und tritt mit einem Hammerdesign nach, auf dass es den Fans das Herz in drei Streifen zerreißt.
Blau, die Farbe von „Ordnung und Disziplin“
Blau also. Dazu sagt Florian Wirtz, oder ein Chatbot, den die Marketingabteilung für ihn angelegt hat: „Ein Deutschland Trikot in dieser Farbe finde ich ungewöhnlich – aber richtig gut! Ich freue mich sehr darauf, schon bald darin zu spielen. Unsere Fans können das Auswärtstrikot auch super im Freizeitlook tragen. Und es macht auf jeden Fall Lust auf die WM.“ Ja klar. Vor allem ist Blau, sagt ein anderer Chatbot, die Farbe, die statistisch bei großen Turnieren angeblich besonders erfolgreich ist. Frankreich, Auswärts-Argentinien, das alte Italien – kann schon sein.
Farbpsychologisch soll Blau nämlich beruhigend wirken und das klare Denken fördern. Der Philosoph Alain de Botton nennt es die Farbe von „Ordnung und Disziplin“. Für ihn signalisiert Blau Durchhaltevermögen, innere Stärke und die Fähigkeit, bei einer Aufgabe zu bleiben, statt sich ständig ablenken zu lassen. All die alten Tugenden! Womöglich beschert das neue Auswärtstrikot der Mannschaft also endlich das, was sich der frühere Trainer Jogi Löw immer gewünscht hat: höggschde Konzentration.
