Deutsches Eiskunstlaufpaar: Das Gold liegt für Volodin und Hase nur vier Minuten entfernt

Da liegt es, das Gold. Vier Minuten entfernt. Einen Auftritt entfernt. Um 22:44 und dreißig Sekunden werden Minerva Fabienne Hase und Nikita Volodin an diesem Montag das Eis des Forums von Assago betreten. Sie werden ein paar Runden drehen, während Anastasija Metelkina und Luka Berulawa auf ihre Wertung warten. Vielleicht noch einmal einen leichten Sprung ansetzen. Schütteln, atmen, spüren. Sie werden mitbekommen, ob die Georgier in Führung gehen, ob die Georgier diejenigen sind, die sie in den kommenden vier Minuten überflügeln müssen.

Und dann werden sie ihre Kür laufen: Memoryhouse, choreografiert von Benoît Richaud zu den Klängen des Neoklassik-Interpreten Max Richter. Richaud, das ist der Mann mit der Glatze und den Jackenwechseln, der Franzose aus den Social-Media-Memes, der Mann, der 16 Sportlerinnen und Sportler bei diesen Spielen betreut. Der beste Choreograf der Welt oder jedenfalls einer der besten. Laufen Minerva Fabienne Hase und Nikita Volodin so, wie Richaud sich das vorstellt, so, wie sie sich das vorstellen, haben sie um 22:52 und vierzig Sekunden Gold gewonnen. Denn nach dem Kurzprogramm hat sich der Paarlaufwettbewerb der Olympischen Spiele auf diesen Eindruck zugespitzt: Die Welt hat nun gesehen, dass Hase/Volodin die Besten dieses Wettbewerbs sind.

„Die großen Emotionen sparen wir uns noch auf“

Nahezu fehlerlos war das Kurzprogramm, eine Klasse besser als Metelkina/Berulawa, die Europameister, zwei Klassen besser als die fahrig auftretenden Weltmeister aus Japan, Riku Miura und Ryuichi Kihara. 80,01 Punkte bekamen die Deutschen, mehr als sie je zuvor für ein Kurzprogramm bekommen haben. 75,46 bekamen die Georgier, 73,11 die Japaner.

Also liegt es da, das Gold. Und stellt Minerva Fabienne Hase und Nikita Volodin eine einzige Aufgabe: Beweist mir noch einmal, dass ihr die Besten seid, und ich gehöre euch. Ein einziges Mal, an diesem Montagabend um Viertel vor elf. Showdown am Stadtrand. Greifen sich Minerva Fabienne Hase und Nikita Volodin das Gold, das da liegt?

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Es ist eine klassische Situation des Sports, in die sich Hase und Volodin mit ihrem hochklassigen Auftritt am Sonntagabend begeben haben, eine klassische Drucksituation. Ihr Vorsprung ist so groß, dass sie nun diejenigen sind, die als große Favoriten in die Kür starten. Und zugleich so klein. Ein, zwei Unachtsamkeiten, und das Gold, das für sie im Forum von Assago bereitliegt, wird einem anderen Paar um den Hals gehängt.

In einer solchen Situation, in der die Psyche über Sieg und Niederlage entscheidet, gibt es zwei Möglichkeiten: Angriff oder Ausdauer, Ballyhoo oder Bescheidenheit. Boxer entscheiden sich vor Kämpfen häufig für große Sprüche, markante Gesten, verbale Reviermarkierungen. Boxer allerdings sehen sich im Ring einem Gegner gegenüber. Eiskunstläufer sehen ihren Gegner nie und bleiben mit ihm doch immer allein. Allein mit dem eigenen Kopf, auch beim Paarlauf. Also müssen sie ihn schützen, mindestens so gut wie Boxer.

Aufgrund der Doping-Manipulationen, einem in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontrollsystem und teilweise bislang nicht nachweisbaren verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit dem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2036 zu rechnen.

Deshalb ist es keine Überraschung, dass sich Minerva Fabienne Hase und Nikita Volodin für die andere Route entschieden haben. Sie halten die Deckung oben. Die Fehler der anderen? „Wir gucken nicht, wir hören nicht, wir sind ganz in unserer Bubble.“ Das Kurzprogramm hätten sie sich als eine weitere Trainingsroutine vorgestellt, nichts Besonderes. „Wir wollten, dass es sich wie ein Training anfühlt, dass wir den ganzen Stress, Olympia, ausblenden. Nur ein weiterer Durchlauf. Wir haben unseren Job gemacht. Die großen Emotionen sparen wir uns noch auf.“

Es kann den Besten passieren

Aber anders als Malinin sind Minerva Fabienne Hase und Nikita Volodin nicht als die großen Favoriten nach Mailand gekommen, dazu war insbesondere der Auftritt bei den Europameisterschaften Mitte Januar in Sheffield zu unkonzentriert. Metelkina/Berulawa waren dort eine Klasse besser, mindestens, und die Japaner sind die Weltmeister der vergangenen zwei Jahre.

Fehler können auch von Druck befreien

Außerdem laufen in Assago Sara Conti und Niccolò Macii, die Lombarden mit dem großen Heimvorteil. Ihr Auftritt am Sonntag allerdings war eine Enttäuschung für das enthusiastische Publikum. Macii musste anschließend den Motivator für seine Partnerin geben: „Das war unser schlechtestes Programm der ganzen Saison. Shit happens. Muss man akzeptieren. Der Wettbewerb ist noch nicht vorbei, morgen ist ein anderer Tag.“ Und als Sara Conti noch immer betreten ins Leere schaute, sagte Niccolò Macii: „Das ist ein Eislaufwettbewerb. Es ist niemand gestorben.“ Fehler können auch von Druck befreien, Niccolò Macii hatte das am Sonntagabend schon erfasst.

Für Minerva Fabienne Hase und Nikita Volodin zeigt der Kompass in eine andere Richtung. Sie sind unterwegs Richtung Olympiasieg. Dieses Magnetfeld weist ihnen den Weg, sie haben ihn eingeschlagen und können nicht mehr umdrehen. Er muss sie nun ans Ziel führen. Was die nächsten 24 Stunden bringen, wurde Minerva Fabienne Hase noch gefragt. „Ausjoggen, ausdehnen, hoffentlich ein bisschen runterkommen. Dann ab ins Dorf, was essen und dann noch ein bisschen lesen oder Serie schauen und dann schlafen. So lange, wie es geht morgen, der Tag ist lang. Und dann werden wir den Tag genauso gestalten wie heute: Training, Pause, Wettkampf.“ Morgen wird wie heute sein, sie klang wie Tocotronic 1999, dem Jahr, in dem sie und Nikita Volodin geboren wurden.

Sie wollen ihre Köpfe davon überzeugen, dass dieser Montag, der zum größten Tag ihres Sportlerlebens werden soll, ein Tag wie jeder andere ist. Wenn ihnen dieses Kunststück gelingt, bis die Wertung für die Georgier da ist, bis ihre eigene Musik erklingt, haben sie den richtigen Weg eingeschlagen. Das Gold, es liegt nicht in einem Topf am Ende des Regenbogens. Es liegt am Ende eines Montags am Stadtrand von Mailand.