Der freie Wurf der Ägypter war gerade erst pariert, da sprang David Späth umher, er schrie mit weit aufgerissenem Mund und ballte die Fäuste, sein ganzer Körper bebte. Dann ein kurzer Sprint, eine auffordernde Geste ans Publikum; die Leute lieben den deutschen Handballtorwart für diese emotionalen Ausbrüche.
Es war ein besonderer Abend für Späth am Donnerstag in Dortmund. Zwar nur ein Testspiel gegen Ägypten, das die deutschen Handballer ohne allerletzte Anstrengung 41:38 (21:18) gegen den Afrikameister gewannen. Für Späth, 23, war es aber eine Partie im Rang des ersten deutschen Torstehers – nicht als Nummer zwei hinter Andreas Wolff, 35, dem international gefürchteten deutschen Keeper, der manchmal so gut hält, dass Späth auf der Bank nur anfeuern und staunen kann. Beim Deutschen Handballbund (DHB) sprechen sie zwar nicht von der „Nummer zwei“, sondern von der „1b“, Späths Rolle ist trotzdem klar bestimmt.

:Er hätte nach halb Europa wechseln können
Einer der begehrtesten deutschen Handballer hat seine Zukunft geklärt: Justus Fischer wechselt 2027 zum THW Kiel, dort tritt er ein großes Erbe an.
Handballtorhüter sind keine Einzelkämpfer. Sie arbeiten immer im Team, motivieren und pushen einander, geben sich Tipps. Hauptsache, einer von zwei Torstehern hat einen guten Tag, lautet die Faustregel. Bei der Europameisterschaft im Januar, als das deutsche Team Silber gewann, hatte Wolff ziemlich viele gute Tage, entsprechend minimierte sich die Spielzeit für Späth. Bis auf das Hauptrundenspiel gegen Dänemark, als Späth überraschend im Tor begann. Und hinterher mitten im Sturm der Kritik stand.
Wolff ist 35 Jahre alt, Späth und Ludwig sind erst 23
Der Mann von den Rhein-Neckar Löwen hielt gut in diesem Spiel, wenngleich er die erste von zwei Niederlagen gegen den Favoriten bei der EM nicht verhindern konnte. Der frühere Nationalspieler Pascal Hens sagte hinterher trotzdem, Bundestrainer Alfred Gislason habe die Partie mit dieser Aufstellung vorzeitig „abgeschenkt“. Späth fand diese Aussagen „respektlos“. Er sei schließlich „ein Teil der Mannschaft. Dafür so eine Hatewelle abzubekommen, ist schon brutal“, sagte er in einem Interview.
Dss waren keine Wort des Neids oder der Missgunst gegenüber Wolff, zu dem er ein gutes Verhältnis hat. Auch Späth fand, dass Wolff bei der EM zurecht viele Spielminuten bekam. Aber anständig bewertet werden möchte der junge Torhüter dann bitte trotzdem.
Jetzt in Dortmund aber pausierte Wolff – und Späth war die Nummer eins. Er machte seine Sache hervorragend, parierte elf Bälle aus allen Lagen, davon ein Siebenmeter. Nur bei den vielen freien Rückraumwürfen, die seine Vorderleute zuließen, war er öfter machtlos. Mitte der zweiten Halbzeit kam der Berliner Lasse Ludwig ins Spiel, wie Späth ein junger Kerl von 23 Jahren. Er hält normalerweise bei den Füchsen, jetzt absolvierte er sein erstes Länderspiel in der großen Nationalmannschaft.
Ludwig kam, der erste Ball der Ägypter auch, der Torwart riss sein Bein in die Luft, erste Parade im ersten Länderspiel. „Das werde ich nie vergessen“, sagte Ludwig später.
Für die Länderspiele im Mai gegen Dänemark wird Wolff zurückkehren
Die Teamkollegen sahen, wie hoch die Qualität auch in dieser Konstellation zwischen den Pfosten ist. „Jetzt war Andi mal nicht dabei, dann haben wir zwei andere gute Torhüter“, sagte Spielmacher Juri Knorr, der gegen Ägypten neunmal traf. Auf dieser Position müsse man sich „wirklich keine Sorgen machen“. Diese Freude teilte auch Bundestrainer Gislason. Späth und Ludwig seien „zwei unserer besten Talente“, sagte der Isländer, „und sie haben noch 15 Jahre vor sich.“ Handballtorhüter können auch in ihren hohen Dreißigern (oder gar frühen Vierzigern) noch Weltklasseleistungen zeigen.

Späth und Ludwig begleiten einander schon eine Weile. 2023 wurden sie gemeinsam Weltmeister mit der U21, anschließend stieg Späth in die A-Nationalmannschaft auf, hat mittlerweile weit mehr als 50 Länderspiele absolviert. Es sei „surreal, wenn ich sehe, wie viele Spiele ich gesammelt habe“, sagte Späth. Ludwig dagegen arbeitete sich zunächst bei seinem Klub, den Füchsen Berlin, nach oben, sammelte Erfahrungen in der Champions League. Mit etwas Verspätung hat es jetzt mit dem Länderspieldebüt geklappt. Wer behauptet, dass beiden die Zukunft im Tor der deutschen Handballer gehören wird, macht sich keinesfalls der Falschaussage schuldig.
Trotzdem wäre es eine Überraschung, würden die beiden jungen Torhüter dem zwölf Jahre älteren Wolff bereits in Bälde den Rang ablaufen. Schon bei den beiden kommenden Länderspielen, im Mai gegen Weltmeister, Europameister und Olympiasieger Dänemark, wird Wolff zurückkehren. Und bei der Heim-Weltmeisterschaft im Januar 2027 sollen die gegnerischen Angreifer mit ihren Würfen dann wieder reihenweise an Wolffs Gliedmaßen (manchmal ist es auch seine Aura) scheitern. Das große Ziel, der WM-Titel im eigenen Land, womöglich in einem Endspiel gegen die übermächtigen Dänen, wäre auch die Krönung von Wolffs Karriere.
Wolff lässt gleichwohl keine Gelegenheit aus, seine Stellvertreter zu loben. Späth werde eines Tages der weltbeste Handballtorwart sein, da ist sich Wolff sicher. Nur wann „eines Tages“ sein wird, das hat er nicht so genau definiert. Ans Aufhören denkt Wolff jedenfalls nicht: Ein paar Jährchen will er noch spielen, weitere Höhepunkte sind in Sicht, die Heim-WM 2027, eine weitere 2029 (dann zusammen mit Frankreich). Sogar die Olympischen Sommerspiele 2032 in Brisbane reizen ihn noch, dann wäre er 41 Jahre alt.
„Der Andi, der kann noch zehn Jahre spielen“, sagte Bundestrainer Gislason sogar. Und das war höchstens halb im Scherz gemeint.
