

Manchmal hat eine schlechte Mobilfunkverbindung auch Vorteile. Die Nachricht, dass die britische Mannschaft bei der Europameisterschaft im Vielseitigkeitsreiten nach zwei von vier Teamreitern gescheitert war, sprach sich langsam unter den Zehntausenden im Park von Blenheim Palace verteilten Zuschauern herum. Diejenigen, die am Samstag erst im Laufe der Geländeprüfung ankamen, hatten das Wichtigste verpasst: Yasmin Ingham, die Weltmeisterin, und Piggy March waren von ihren Pferden gestürzt und ausgeschieden. Beide verletzten sich nicht, doch der Schreck saß tief: Die favorisierten Briten, Olympiasieger von Tokio und Paris, Titelverteidiger und Gastgeber dieser EM, gewannen keine Mannschaftsmedaille.
Laura Collett und ihr Pferd London, die Olympiadritten von Paris, bereiteten den Fans aber einen schönen Abschluss – sie wurden am Sonntag nach fehlerfreiem Parcoursspringen Europameister im Einzel – mit 1,6 Punkten knapp vor Michael Jung mit Chipmunk und dem zweiten verbliebenen Briten, Tom McEwen mit Dublin.
Nach dem turbulenten Geländetag jedoch berichteten das Fachmagazin „Horse&Hound“ und der Weltreiterverband FEI von „Britain’s nightmare day“, einem Albtraum-Tag, und „the shock of the day“, dem Schreck des Tages. Viele hatten erwartet, dass der Geländekurs den einheimischen Reitern und Pferden entgegenkommen würde. Was die Fans am Samstag zu sehen bekamen, war allerdings eine „German Masterclass“, eine Sternstunde der deutschen Vielseitigkeitsreiter. Alle Teammitglieder – Michael Jung mit Chipmunk, Malin Hansen-Hotopp mit Quidditch, Jérôme Robiné mit Black Ice sowie Libussa Lübbeke mit Caramia – kamen zwar mit Strafpunkten für das Überschreiten der Idealzeit, aber ohne Hindernisfehler ins Ziel. Ebenso die beiden Einzelreiter Calvin Böckmann mit The Phantom of the Opera und Nicolai Aldinger mit Timmo.
Ein so geschlossenes Mannschaftsergebnis gelang keiner zweiten Nation. Die deutsche Equipe startete mit großem Punktepolster in das finale Springen am Sonntag. Dort sicherte das Quartett die Goldmedaille mit 37 Punkten vor Irland ab. „Jeder hat seinen Plan voll durchgezogen“, sagte Bundestrainer Peter Thomsen nach der Geländeprüfung. Davor hätten sie alle „gewaltigen Respekt“ gehabt. „Wir wussten, wenn man ganz konzentriert reitet und die Zeit nicht zu sehr im Auge behält, dann ist es machbar. Wenn man aber zu sehr den Sekunden hinterherjagt, ist es gefährlich.“
Fairer Parcours
Der Brite Mark Phillips, mit seinen 76 Jahren einer der versiertesten Designer, den dieser Sport hatte, entwarf für die EM in der Grafschaft Oxfordshire zum letzten Mal einen Championatskurs. Es gelang ihm, einen für alle Teilnehmer, ob Olympiasieger oder EM-Debütanten, fairen Parcours in den 2000 Hektar großen Park zu bauen – obwohl die Idealzeit zu knapp bemessen war: In den vorgegebenen 10:01 Minuten bewältigte keines der 53 Starterpaare die rund 5700 Meter. Calvin Böckmann war 10:15 Minuten am schnellsten. Nach einem fehlerfreien Parcoursspringen wurde der Vierundzwanzigjährige Vierter im Einzel – bei seiner ersten EM im Seniorenbereich.
In drei großen Schleifen führte die Route über das Anwesen, zweimal durch einen knietiefen See, was Zeit und Kraft kostete. Mit einer großzügigeren Abfolge der Sprünge am Anfang und am Ende ermöglichte es Phillips, Sekunden gutzumachen. Im Mittelteil aber folgten die Oxer, Triplebarren, Hecken und Gräben rasch aufeinander. Dort habe er Zeit verloren, berichtete Michael Jung später, der seine Führung aus der Dressur an Laura Collett verlor, die zehn Sekunden schneller war. „Ich bin zwischendurch so schnell geritten, wie es geht“, sagte der Olympiasieger, „habe mein Pferd aber auch atmen lassen und bin auf Nummer sicher geritten.“
Mark Phillips prüfte mit seinen Aufgaben Mut und Konzentration der Pferde und Reiter, ihre Feinabstimmung und das gegenseitige Vertrauen. An zahlreichen der 31 Hinderniskomplexe bot er alternative Wege an, die mehr Zeit und Ausdauer verlangten, aber das Anreiten der Sprünge einfacher machten. Die Reiter konnten während der Prüfung entscheiden, ob sie sich und ihren Pferden den schwierigeren, direkten Weg zutrauten oder nicht. Die deutsche Startreiterin Libussa Lübbeke oder auch die Türkin Kumru Say, beide 24 Jahre jung und zum ersten Mal für eine EM der Senioren nominiert, nutzten diese Möglichkeit an einem Hindernis, das Mark Phillips als eine der größten Klippen angekündigt hatte. Zwischen Stadion und Schloss hatte er eine Kombination aus drei eng aufeinanderfolgenden Sprüngen über die Ecken massiver Holzkisten installiert. Zu seiner Überraschung kamen aber auch die Reiter, die den direkten Weg wählten, problemlos über die Hürden – „wie im Ponyklub“, sagte Phillips. Er habe den Kurs so „nett“ wie möglich für die Pferde gestalten wollen und zugleich die Reiter zum Nachdenken bringen wollen.
Für ersteres Ziel setzte er die „Pferdebrille“ auf, gestaltete die Hindernisse also durch die Augen der Tiere. „Sie reagieren am besten auf Blau, Gelb und Weiß“, sagte er, „als Beutetiere befinden sich ihre Augen an den Seiten ihres Kopfes. Das bedeutet, dass sie nicht so fokussieren können wie Menschen.“ Blumen in den entsprechenden Farben arrangierte er so vor und auf den Hindernissen, dass die Pferde die Kanten und Linienführung besser erkennen konnten. Zwei massive Holztische ließ er gleich ganz in Gelb und Blau bemalen, außerdem waren die meisten Sprünge aus hellem Holz gefertigt und mit Sicherheitsmechanismen ausgestattet. Fanden die Pferde also einmal nicht den passenden Absprung und prallten entweder frontal oder von oben auf die Hindernisse, gab das Holz nach, klappte nach vorn oder in sich zusammen, damit die Tiere sich nicht überschlugen. Zwar stürzten sechs Reiter und auch ein Pferd, alle kamen aber schnell wieder auf die Beine.
Die „besttrainierten Pferde“ hätten den Kurs am besten bewältigt, sagte Phillips, sie seien „in einer anderen Liga“. Dass es ihm gelungen war, nicht nur die Novizen zu fordern, sondern auch die Erfahrensten, gehörte ebenso in die Kategorie „Masterclass“.
