Deutsche bei der Vierschanzentournee: Bundestrainer Horngacher muss den Spagat schaffen – Sport

Freitagmorgen, 9.30 Uhr, draußen auf dem zugefrorenen Riessersee spielt eine Familie Eishockey, die beiden Kinder passen sich den Puck hin und her. Der Vater befreit die Fläche mit einer Schaufel vom Schnee. Es ist immer wieder ein Spagat für Eltern: Lassen wir die Kinder aufs Eis? Es ist dick genug, es war kalt in den vergangenen Tagen auch unterhalb der Alp- und Zugspitze, nahe Garmisch-Partenkirchen, wo der Riessersee liegt. Irgendwann spielt ein Dutzend Menschen Eishockey, sie haben sogar Tore hergeschafft. Ein Team hat sich gebildet, einfach so. Drinnen, im Kaminzimmer des Seehauses mit Blick auf die Eishockey-Familie, versucht sich auch Skisprung-Bundestrainer Stefan Horngacher an einem Spagat bei der Halbzeitbilanz: an einer Erklärung, wie es sein kann, dass seine Mannschaft in dieser Saison sportlich in zwei Gruppen zerfallen ist.

Die eine Gruppe: Felix Hoffmann und Philipp Raimund, die vor den Springen in Innsbruck und Bischofshofen Vierter und Sechster der Gesamtwertung sind. Zwar weit abgeschlagen hinter dem enteilten Slowenen Domen Prevc, aber noch mit Chancen aufs Podest. Die andere Gruppe: Pius Paschke, 25. der Tournee-Rangliste, Andreas Wellinger, 39., und Karl Geiger auf Platz 49. Horngacher sagt vor einem Panorama-Gemälde mit Alp- und Zugspitzmassiv: „Ich muss schauen, dass meine beiden Superspringer aktuell die Tournee gut absolvieren und Richtung Podest arbeiten. Und ich muss schauen, dass ich die anderen Sportler, die mindestens gleich gut sind wie die Zwei, wieder auf Vordermann bringe. Das ist dieser Spagat aktuell.“

Auf dünnem Eis: DSV-Bundestrainer Stefan Horngacher.
Auf dünnem Eis: DSV-Bundestrainer Stefan Horngacher. (Foto: Oryk Haist/Imago)

Von einer Baustelle spricht Horngacher, die er gerade bearbeiten müsse. Man könnte auch sagen: von dünnem Eis. Es geht ja nicht nur um die Tournee, die Prevc mit Blick auf seine 35 Punkte Vorsprung vor dem Österreicher Jan Hörl ohnehin schon fast entschieden hat – wenn er nicht stürzt oder der Wind seine letzten vier Sprünge verbläst. Es geht um die Skiflugweltmeisterschaft in drei Wochen in Oberstdorf, wo Horngacher vier starke Springer benötigt für den Team-Wettbewerb. Und es geht um die Olympischen Spiele, die Anfang Februar beginnen. Viele Gespräche haben daher stattgefunden zwischen Trainern und Springern, auch schon in Oberstdorf. Dieser Balanceakt „kostet aktuell sehr viel Energie und Kraft, es ist nicht leicht. Aber wir ziehen hier alle an einem Strang“, sagt Horngacher.

Geiger und Wellinger springen auch weiterhin hinterher, Paschke hat keine Konstanz. Das Trio, das sein Fluggefühl zurzeit aus unterschiedlichsten Gründen nicht findet, fährt dennoch weiter nach Innsbruck, Geiger sagte am Donnerstag nach dem Springen in Garmisch: „Klar kommen einem Zweifel, aber da muss ich jetzt durch, es hilft einfach nichts. Natürlich denke ich an Olympia, aber wenn ich so springe wie momentan, dann habe ich dort auch keinen Auftrag.“ Wellinger sprach davon, dass die Winterspiele für ihn gerade noch „ganz weit weg“ seien.

Der Lockere und der Einbremser: Philipp Raimund (li.) und Felix Hoffmann ergänzen sich gut.
Der Lockere und der Einbremser: Philipp Raimund (li.) und Felix Hoffmann ergänzen sich gut. (Foto: Hettich/Fotostand/Imago)

Vier deutsche Springer dürfen mit zu Olympia zu den Skisprungwettbewerben in Predazzo. Einer aus dem Quintett wird also noch herausfallen. Hoffmann und Raimund scheinen gesetzt zu sein bei ihrer derzeitigen Form, also träfe es entweder Paschke, Wellinger oder Geiger. „Es wird ein langer Weg, vermutlich auch mit dem einen oder anderen Rückschlag“, sagte Horngacher mit Blick darauf, dem schwächelnden Trio wieder Sicherheit zu geben an der Schanze und in der Luft: „Der Prozess ist sehr intensiv.“ Auf der anderen Seite darf er sich glücklich schätzen, in Raimund und Hoffmann zwei Profis zu haben, die spät, aber rechtzeitig aus dem Schatten der anderen herausgesprungen sind.

Horngacher beschrieb Hoffmann, der am Freitag neben ihm im Kaminzimmer saß, als „braven Sportler, der aber brutal ehrgeizig ist. Das merkt man ihm nicht an. Und er kann sich auch richtig ärgern, richtig böse werden, das haben wir auch schon erlebt. Aber auf seine Art. Seine Stimmungsschwankungen sind im Millimeterbereich.“ Momentan fliegt der 28-Jährige mit mächtigem Aufwind, und seinen Ehrgeiz erkennt man in einem einzigen Satz: „Ob es Platz zwei, drei, vier oder fünf ist bei der Tournee, ist irrelevant“, sagte Hoffmann – nur Rang eins zählt.

Hoffmann war am Donnerstag noch entspannt in der Sauna, Raimund freut sich ohnehin auf Innsbruck, den Bergisel, seine Lieblingsschanze. Raimund wird Hoffmann weiterhin jene Energie und Lockerheit geben, die er selbst ausstrahlt. Und Hoffmann wird Raimund immer mal wieder einbremsen. Das Duo ergänzt sich in dieser Hinsicht nahezu perfekt. Das Trio um Geiger, Wellinger, Paschke wird weiterhin versuchen, sein Flugsystem zu stabilisieren. Es bleibt aber alles ein Spagat, vor allem am windumtosten Bergisel. Aber dort ist es ganz ähnlich wie auf dem Riessersee. Es braucht manchmal nur einen kleinen Anstoß, um als Team zusammenzufinden.