Weit und breit ist niemand auf dem Zebrastreifen zu sehen. Jetzt wird Gas gegeben, doch dann kommt unversehens eine Joggerin von rechts angelaufen und denkt gar nicht daran, kurz zu pausieren. Man konnte sie aus der Ferne kommen sehen, ein zweites Mal wird gebremst, um der Sportlerin den Vortritt zu lassen. An diesem Tag ist es jedoch nicht der Mensch, der sich hier mustergültig verhält, sondern wir sind mit dem autonom fahrenden neuen CLA von Mercedes-Benz eine Dreiviertelstunde in der Innenstadt von San Francisco unterwegs.
Das System heißt Drive Assist Pro, wird nach endgültiger Fertigstellung einen Aufpreis von rund 4000 Dollar in den Vereinigten Staaten kosten und vermutlich 2027 auch in die EU kommen. Im Unterschied zu bisher gesehenen Assistenten ist dieser nicht nur auf der Autobahn unterwegs, sondern auch in der Stadt und auf der Landstraße. Er fährt nach Level 2, das heißt: Der Fahrer ist in der Verantwortung, er darf weder den Blick von der Straße abwenden noch aufs Handy schauen oder gar schlafen.
Was Level 3 bringt
Erst Level 3 bringt dann mehr Freiheiten, weil der Fahrzeughersteller haftet. Aber ein Level-3-System ist derzeit für den stressigen Innenstadtverkehr noch nicht in Sicht. Die S-Klasse und der EQS von Mercedes-Benz können das, aber nur auf der Autobahn, nur bis 95 km/h und unter bestimmten Auflagen, wir hatten berichtet.

Was Mercedes-Benz mit seinem Drive Assist Pro anbietet, gibt es in dieser Form auch für den chinesischen Markt. In den Vereinigten Staaten und in Europa wird die Software jedoch mit der Unterstützung des Chipherstellers und KI-Spezialisten Nvidia entwickelt, der mit Künstlicher Intelligenz alle nur denkbaren Szenerien im Straßenverkehr durchspielt, um das autonome Fahren vor allem sicher zu machen.
Der Drive Assist Pro unterstützt die Navigation von A nach B. Am einfachsten gibt man das Ziel im Navisystem ein und startet den Helfer dann mit einer Lenkradtaste. Fortan übernimmt er das Kommando. Weil der Fahrer in der Verantwortung bleibt, muss er die Hände am Lenkrad lassen. Freilich, ohne zu lenken, das übernimmt die Elektronik selbst bei scharfen oder engsten Kurven mit viel Kurbelei. Eine kapazitive Matte im Lenkrad prüft, ob sich der Fahrer an die Spielregel hält. 27 Sensoren, darunter vier Rundumkameras und weitere vier Seitenkameras sowie zwölf Ultraschallsensoren und vier Radarsensoren erfassen die Umgebung, im Unterschied zum Level 3 von Mercedes-Benz auch bei Regen und in der Nacht. Der technische Unterbau ist ein Hochleistungssystem, dessen Prozessor mehr als 8,3 Teraflops erreicht, 70 Gigabyte Arbeitsspeicher stehen zur Verfügung.
Während der Fahrt irritiert ein Detail immer wieder
Nun fährt der CLA wie von Geisterhand gesteuert souverän durch San Francisco. Er weicht parkenden Autos aus oder einem Busch, der auf der Straße liegt. Er tätigt autonom die Spurwechsel, bei denen jeweils ein Gongschlag ertönt. Wir lassen uns während dieser Probefahrt gern chauffieren und staunen, weil das Fahrverhalten so menschlich und lässig ist. Da entsteht schnell Vertrauen in die Technik. Es gibt nur eine einzige Irritation: Da die Frontkameras eher und besser als Fahrer oder Beifahrer in die Kreuzung hineinschauen können, entsteht der Eindruck, das Fahrzeug führe zu früh los. Ansonsten fährt der Mercedes wie ein sich überaus korrekter verhaltender Profi, bisweilen allerdings etwas arg zögerlich, was man kritisieren kann. Als vor uns auf der linken Spur ein Tesla regelwidrig anhält, um nach links unter Missachtung der durchgezogenen Linie abzubiegen, weiß der CLA einige Sekunden lang nicht, wie zu verfahren ist. Wir wären viel früher nach rechts ausgeschert, der Mercedes lässt sich für unser Empfinden zu viel Zeit. Die chinesische Version lässt höhere Dynamik zu, erwidert ein Ingenieur.

Mercedes-Benz stellt das hohe Maß an Sicherheit heraus und dass mit Updates via Mobilfunk das System fortwährend besser werde. Wer will, kann händisch eingreifen und beispielsweise etwas schneller anfahren als die Maschine, danach übernimmt abermals die Automatik. Oder man ist so freundlich und fährt bei Regenwetter auf der mittleren statt der rechten Spur, um die Fußgänger vor Spritzwasser zu schützen.
Wenn die europäischen Regulierungsbehörden grünes Licht geben, wäre Mercedes-Benz unmittelbar zur Zertifizierung bereit. Der Vorzug, sich stressfrei durch überfüllte Innenstädte fahren zu lassen, ist nach unserer Proberunde sofort zu sehen. Die S-Klasse verliert übrigens nach ihrem diesjährigen Facelift das Level-3-Fahren. Kosten und Aufwand seien groß, der Hersteller will zunächst noch mehr weiterentwickeln, bis Level 3 in Zukunft abermals angeboten werden wird. Mit dem Facelift erhält die S-Klasse zunächst jedoch den moderneren IT-Unterbau des CLA.
