„Der Heimatlose“ auf der Berlinale: Mit wenig Mitteln viel erreichen

Kurz vor Beginn der Berlinale hat Kulturstaatsminister Wolfram Weimer der deutschen Filmindustrie einen warmen Geldregen versprochen: Hunderte Millionen Euro zusätzlich sollen in den nächsten Jahren die deutsche Filmproduktion ankurbeln und dem deutschen Film wieder zu mehr internationaler Strahlkraft verhelfen. Ob mehr finanzielle Mittel da allerdings ausreichen, mag man sich fragen, schließlich werden AutorInnen und RegisseurInnen nicht kreativer, nur weil sie mehr Geld auf dem Konto haben.

Ein Film, der mit offensichtlich geringen Mitteln sehr viel erreicht, der sich von einem Mangel an finanziellen Möglichkeiten sogar zu kreativen Entscheidungen inspirieren lässt, eröffnet in diesem Jahr die Reihe „Perspectives“ der Berlinale. Debütfilme werden hier gezeigt, Filme vom Nachwuchs also, was manchmal anstrengend sein kann, manchmal aber auch überraschend und verheißungsvoll, neugierig machend auf das, was da in Zukunft kommen mag.

So ein Film ist Kai Stänicke mit „Der Heimatlose“ gelungen, der vom ersten Moment an mitreißt, eine besondere, ganz bewusst mysteriöse Atmosphäre entstehen lässt und es vor allem schafft, woran selbst Filme von viel erfahreneren FilmemacherInnen oft scheitern: seine Geschichte zu einem starken, runden Ende zu führen.

Der Film

14. 2., 15.30 Uhr, Cubix 9

15. 2., 21.45 Uhr, Cubix 8

16. 2., 13.15 Uhr, Colosseum 1

19. 2., 16 Uhr, Bluemax Theater

Auf dem Meer beginnt der Film. Hein (Paul Boche), Anfang 30, kehrt nach 14 Jahren Abwesenheit nach Hause zurück. „Was führt dich bloß an diesen gottverlassenen Ort?“, fragt ihn der Schiffer. „Das ist meine Heimat, die kann man sich nicht aussuchen“, antwortet Hein dem Schiffer mit einer Mischung aus Lakonie und Rätselhaftigkeit, die sich durch den Film ziehen wird.

Archaische Gemeinschaft

Am Strand holt Hein einen kleinen Anhänger aus dem Koffer, geht weiter, trifft die ersten Bewohner, die ihn nicht erkennen. Selbst seine Mutter ist sich unsicher, ob Hein tatsächlich der verlorene Sohn ist, auch seine Schwester zweifelt, die bärtigen, raubeinigen Männer der Gemeinschaft erst recht.

Archaisch wirkt diese Gemeinschaft, irgendwann in vorindustrieller Zeit scheint die Geschichte zu spielen, bewusst unbestimmt erzählt Stänicke, betont stets das Allegorische, nicht das Spezielle seiner Geschichte. Ein Dorfgericht wird einberufen, um zu entscheiden, ob Hein der ist, der er zu sein behauptet, oder vielleicht doch ein Betrüger. Dafür werden Episoden aus ferner Vergangenheit herangezogen, erst Zeugen aus dem Dorf, dann Hein. Sie sollen sich erinnern, doch diese Erinnerungen unterscheiden sich teils stark.

Mit subjektiven Perspektiven spielt Stänicke in diesen Momenten, inszeniert unterschiedliche Erinnerungen der Protagonisten, lässt aber auch Hein seinem jüngeren Ich begegnen, zeigt die Freundschaft zu einem Gleichaltrigen namens Friedemann. Dieser ist inzwischen erwachsen, verheiratet und behauptet, Hein nicht zu erkennen.

Dass man es bei „Der Heimatlose“ nicht mit einer Variation der berühmten und mehrfach verfilmten Geschichte um Martin Guerre zu tun hat, der vorgab, ein anderer zu sein, wird schnell klar, doch das Rätsel um Heins Identität bleibt bis zum letzten Moment offen. Von Täuschung und Selbsttäuschung erzählt Stänicke, vom Wunsch der Zugehörigkeit, der Erkenntnis, nicht in eine bestimmte Gemeinschaft zu passen.

Reduzierte Formen

Eine universelle, schon oft variierte Geschichte, die Stänicke durch eine ebenso kostengünstige wie markante Stilisierung überhöht: Die wenigen Häuser des Dorfes bestehen nur aus einem Boden aus Holz und ein bis zwei Wänden, einige Requisiten vervollständigen die Illusion. Ganz so weit wie einst Lars von Trier in „Dogville“ geht Kai Stänicke mit der Stilisierung zwar nicht, doch der Verfremdungseffekt funktioniert ähnlich überzeugend.

Ob diese künstlerische Entscheidung tatsächlich einem geringen Budget geschuldet war, sei dahingestellt. So oder so zeigt die bewusst reduzierte Form von „Der Heimatlose“, wie mit kaum mehr als überzeugenden Schauspielern, mit einem präzisen, vor allem auch durch seine altertümlich wirkenden Dialoge überzeugenden Drehbuch etwas Ungewöhnliches und Originelles entstehen kann.

Fast wäre man nach diesem bemerkenswerten Debütfilm versucht zu hoffen, dass sich Kai Stänicke auch bei seinen nächsten Filmen von einem geringen Budget zu dieser beeindruckenden Kreativität drängen lassen wird. Andererseits mag es sein, dass Stänicke dank Geldsegen in Zukunft noch bessere Filme dreht. Und das wäre dann wirklich spektakulär.