Der Drink meines Lebens: Frozen Coke in Neuseeland

In Istanbul war es heiß, aber meine Hand, die den Becher hielt, war eiskalt. Ich nahm einen großen Schluck – einen zu großen Schluck – und bekam direkt Hirnfrost. Das ist dieser kurze, stechende Kopfschmerz, der durch den Verzehr kalter Getränke oder Speisen entsteht. Da war ich wohl etwas zu übermütig gewesen. Aber ich hatte mich so gefreut, als ich auf meiner Reise durch die Türkei auf der Werbetafel einer Fast-Food-Kette zufällig meinen Lieblingsdrink entdeckt hatte. Vorsichtig nahm ich einen zweiten, kleineren Schluck. Und dieser Schluck katapultierte mich direkt in die Zeit zurück, in der ein simpler, süßer und billiger Cola-Slushy zum Drink meines Lebens wurde.

2016 lebte ich als Au-pair auf einer Farm in Canterbury in Neuseeland. Es war Freitagabend, die Wäsche war gemacht, die Wohnung geputzt, das Kind hatte ich unversehrt an meine Gasteltern übergeben. Ich schmiss meinen abgewetzten Rucksack in den Kofferraum meines grauen Nissan Sunny gleich neben die Flasche mit dem Motoröl, das ich nach jedem langen Roadtrip nachfüllen musste, und machte mich auf den Weg zu meiner besten Freundin. Die wohnte für neuseeländische Verhältnisse nicht weit von mir entfernt. 20 Kilometer bis zum Highway, 110 Kilometer geradeaus und dann rechts abbiegen.

Nicht mit einer deutschen Autobahn zu vergleichen: Ein Highway in Otago in Neuseeland
Nicht mit einer deutschen Autobahn zu vergleichen: Ein Highway in Otago in NeuseelandPicture Alliance

Nach unserem Abiball waren wir beide für ein Auslandsjahr nach Neuseeland geflogen. Unter der Woche wechselten wir Windeln, kochten, fütterten Kinder und Kühe und bissen die Zähne zusammen, wenn unsere Gasteltern vereinbarte Arbeitszeiten ignorierten. Am Wochenende und an unseren freien Tagen gingen wir wandern und aßen am Strand in Zeitungspapier eingewickelte Fish and Chips, die von billigem Frittierfett trieften. Wir tanzten, bis die Klubs um zwei Uhr nachts das Licht anmachten, und unternahmen Roadtrips zu gigantischen Fjorden, glitzernden Bergseen und rauschenden Wasserfällen.

Fast jede Autofahrt war ein Genuss

Dazwischen lagen immer lange Wege. Aber Autofahren war herrlich einfach auf der Südinsel von Neuseeland: ein Highway – eigentlich eher eine einspurige Landstraße – auf jeder Seite der Alpen, ein paar Querverbindungen, das war’s. Ein Navi brauchte man höchstens für die Schotterstraßen zwischen den einzelnen Farmen und in den paar kleinen Städten, auf die sich die knapp eine Million Einwohner der Südinsel verteilten.

100 Kilometer in der Stunde durfte man maximal fahren. Aber da mein Auto bei etwa 95 Kilometern in der Stunde zu klappern begann, lief ich nie Gefahr, zu schnell zu sein. Die Herausforderung war eher, nicht einzuschlafen. Tagsüber fühlte sich Autofahren in Neuseeland wie eine Reise durch Tolkiens Mittelerde an. Die Landschaft war atemberaubend und – auch wenn es kitschig klingt – einfach magisch. Nachts jedoch war es schwer, beim stumpfen Geradeausfahren durch die Dunkelheit nicht wegzunicken.

Ein Billboard für Frozen Coke an der Gold Coast in Australien
Ein Billboard für Frozen Coke an der Gold Coast in AustralienPicture Alliance

Glücklicherweise lag auf dem Weg zu meiner Freundin auf halber Strecke die mit knapp 22.000 Einwohnern für neuseeländische Verhältnisse große Stadt Ashburton. Dort gab es eine Tankstelle und einen Burger King. An der Tankstelle konnte ich meine Reifen aufpumpen, was nach jedem langen Roadtrip nötig war. Und im Fast-Food-Laden konnte ich mir etwas Gutes tun, denn dort gab es für nur einen neuseeländischen Dollar (umgerechnet etwa 65 Cent damals) einen großen Plastikbecher Frozen Coke. Es war der perfekte Drink für meine langen nächtlichen Autofahrten: Koffein, Zucker und eiskalt.

In Deutschland kommt der Cola-Slushy aus dem Schwimmbad Frozen Coke wohl am nächsten. Den bekam ich (rückblickend wohl zu Recht) nie von meinen Eltern, weil er zu ungesund ist. Aber jetzt in Neuseeland war ich 18 Jahre alt, hatte mein eigenes Auto, mein über die Woche hart erarbeitetes eigenes Geld, und niemand konnte mich davon abhalten, bei einer Fast-Food-Kette zu stoppen und mir meinen kühlen Energiekick zu holen.

Frozen Coke war mein treuer Begleiter. Und wie gesagt: Auch Jahre später reichte ein Schluck, um mich in dieses abenteuerliche, aufregende und wundervolle Jahr zwischen Schule und Studium zurückzutransportieren –nichts schmeckt für mich so sehr nach Feierabend, Roadtrip und dem Gefühl, dass mir die Welt zu Füßen liegt.