Der DFB und der ewige Ärger um die Regionalliga – Sport

Zum fünften Mal kommt auf dem Campus des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) an diesem Mittwoch eine 13-köpfige Arbeitsgruppe zusammen, und so mancher Funktionär hofft, dass dies auch das letzte Treffen dieses Kreises ist. Abgesandte aus allen Regionalligen sind darin zu finden, dazu Vertreter des DFB und der Bundesliga sowie als Vorsitzender Michael Vesper, früher Vorstandschef des Deutschen Olympischen Sportbundes. Ihr Auftrag: einen Vorschlag zu präsentieren, wie sich die seit Ewigkeiten beklagte Situation in den Regionalligen endlich so lösen lässt, dass auch alle Meister aufsteigen können.

Dabei ist dieser Kreis nur ein Teil der Debatte. Zugleich tobt im Hintergrund ein Kampf von Landes- und Regionalverbänden, Vereinen und Interessenvertretern um die für sie beste Lösung. Und nun heizt der DFB selbst die Situation noch mal kräftig an. Denn wie er auf Anfrage der SZ mitteilt, hält er sich explizit die Option offen, für die finale Entscheidung über die künftige Aufstiegsregel den DFB-Bundestag nicht mit einzubeziehen – also das höchste Organ des Verbandes, bei dem die Delegierten aus dem ganzen Land zusammenkommen. Damit dürften sich mal wieder viele Funktionäre missachtet fühlen.

Die Lage in den Regionalligen ist ein emotionales Dauerthema. Seit inzwischen 14 Jahren gönnt sich der deutsche Fußball in seiner vierthöchsten Spielklasse den Zustand, dass aus den fünf Staffeln (Nord, Nordost, West, Südwest, Bayern) nicht alle Meister aufsteigen können. Ein erster großer Reformversuch scheiterte 2017 wegen der vielen verschiedenen regionalen Interessen. Er produzierte nur das komplizierte aktuelle Modell, nach dem die West- und Südwest-Meister immer fix aufsteigen und es bei den Titelträgern der Staffeln Nord, Nordost und Bayern zwischen fix und Playoff wechselt.

Das Unverständnis über diese Konstruktion ist seit Jahren immens, nicht zuletzt der Zusammenschluss von 70 Vereinen in einer Reforminitiative hat es noch einmal befeuert. Eigentlich wäre so ein Thema Chefsache. Aber der DFB-Präsident Bernd Neuendorf hat zumindest formal beschlossen, sich rauszuhalten. Stattdessen hat der Verband im vergangenen Oktober besagte Arbeitsgruppe eingesetzt. Aber deren Arbeit zieht sich schon eine Weile hin, und rund um die vergangene Sitzung verhedderte sich die Lage zusehends. Und so stellt sich nun immer stärker die Frage, ob es noch zu einem Kompromiss kommt – oder ob die Sache eskaliert.

Gegen das prioritär behandelte Kompass-Modell gibt es verschiedene Einwände

Offiziell sind noch mehrere Varianten möglich. Aber prioritär behandelt wird das sogenannte „Kompass-Modell“. Das besagt, dass aus den fünf Staffeln mit je 18 Mannschaften dann vier Staffeln mit je 20 Mannschaften werden sollen. Diese vier Staffeln wären allerdings nicht mehr streng an Bundesländer, Regional- oder Landesverbände gekoppelt. Stattdessen kämen alle 80 Mannschaften in einen großen Topf und der Computer würde ermitteln, wie die insgesamt kürzesten Fahrzeiten entstehen und so die Staffeln einteilen – und das Jahr für Jahr neu, wenn die Auf- und Absteiger feststehen.

Das führt aber zu vielen tiefgreifenden Fragen. Die Träger der fünf Regionalligen sind der jeweilige Regionalverband bzw. der Landesverband Bayern. Die Ligen sind derzeit auch in unterschiedlichen Rechtsformen organisiert. Das alles müsste man auflösen und einen großen Träger finden – und das könnte nach Lage der Dinge ja nur der DFB sein. Aber vielen Regionalverbandsvertretern ist es wichtig, Herr über die eigene Regionalliga zu bleiben. Zudem unterscheiden sich bisher die Zulassungsbedingungen in den einzelnen Staffeln. Diese müssten vereinheitlicht und im Zweifel angehoben werden, was bei manch kleineren Vereinen Sorgen auslöst. Auch würde das Kompass-Modell für manche Vereine weitere Reisen bedeuten. Und schließlich braucht es wenig Vorstellungskraft, wozu es mittelfristig führen würde: dass tendenziell die Regionen mit eher schwächeren Vereinen – also der Norden und Bayern – weniger Klubs in der Regionalliga stellen würden als andere.

Entsprechend gibt es von verschiedenen Seiten Widerstand gegen dieses Modell. Das geht so weit, dass sich der DFB beim bisher letzten Treffen der Landes- und Regionalchefs vor zwei Wochen zu einer Klarstellung veranlasst sah. Es gebe für ihn derzeit „kein präferiertes Modell“, erklärte Neuendorf da; man wolle erst abwarten, zu welchem Ergebnis die Arbeitsgruppe komme.

Eine naheliegende Alternative hat der DFB von Beginn an ausgeschlossen

Dabei ist die Frage, welche Alternativen überhaupt in Betracht kommen. Vorgetragen werden gemeinhin noch zwei Varianten: Da ist die Idee, eine zweigleisige vierte Liga einzuführen. Und da ist der Ansatz, dass sich für West und Südwest nichts ändert und die drei anderen Staffeln sich zu zweien zusammenschließen. Mit anderen Worten: Dies wäre die Auflösung der bisherigen Nordost-Staffel. Die Klubs aus Thüringen und Sachsen würden zu den Klubs aus der Regionalliga Bayern rutschen, die Klubs der anderen ostdeutschen Bundesländer zu denen in der Nord-Staffel – wie auch immer die neuen Gebilde dann heißen würden.

Doch auch gegen diese Varianten gibt es große Bedenken. Der erste Ansatz mit seinen zwangsläufig großen Entfernungen würde sich in die Richtung des Modells begeben, das in den Nullerjahren schon einmal scheiterte. Der zweite würde nicht nur die Liga mit dem größten Zuschauerzuspruch zerschneiden, sondern wäre vor allem in der jetzigen gesellschaftlichen Lage wohl kaum vermittelbar. Und so kommt der DFB noch mal stark ins Spiel.

Denn es stimmt nicht, dass der Verband sich raushält. Die Arbeitsgruppe kann nämlich nicht ergebnisoffen agieren, sondern arbeitet unter einer maßgeblichen Prämisse: dass die dritte Liga in ihrer jetzigen Form mit 20 Mannschaften nicht angetastet wird. Dabei läge hier ja eine Lösungsidee: Die dritte Liga wird auf 22 Teams aufgestockt, dafür steigen fünf ab – und die fünf Regionalligen könnten so bleiben wie bisher und trotzdem alle einen Aufsteiger stellen. Doch der DFB lehnt das ab, weil er negative Auswirkungen auf die Stabilität und Vermarktbarkeit seiner dritten Liga befürchtet.

In dieser Gemengelage tobt nun also der Kampf – und kommt die Arbeitsgruppe zusammen, die ihren Vorschlag präsentieren soll. Oder aber, dieser Plural fällt in Gesprächen mit DFB-Funktionären derzeit immer öfter, ihre „Vorschläge“. Entscheiden kann die Gruppe um Vesper ohnehin nichts, das muss ein DFB-Gremium tun. Doch an der Frage, wer am Ende überhaupt befindet, entzündet sich der nächste große Konflikt.

Bisher entschied über Veränderungen immer der Bundestag. Der DFB findet, das müsse nicht zwingend der Fall sein

Bei den verschiedenen Veränderungen in den vergangenen 15 Jahren war das Regionalliga-Thema immer Sache eines Bundestages, auch bei kleineren Modifikationen. Und angesichts der Grundsätzlichkeit bei der neuen Reform liegt das erst recht nahe. Je nach konkretem Modell müsste dafür nämlich die Satzung, mindestens aber die Spielordnung des DFB angepasst werden – und das ist originäre Aufgabe eines (außerordentlichen) Bundestages.

Doch bemerkenswerterweise sieht der DFB das anders. „Das Beschlussgremium ist vom Modell abhängig, über das befunden wird. Es muss daher nicht zwingend der DFB-Bundestag sein“, teilt er mit. Womöglich könnte also etwa der DFB-Vorstand ins Spiel kommen, eine Art erweitertes DFB-Präsidium. Dieser kann laut Statuten „bei Dringlichkeit“ Ordnungen „einstweilen in und außer Kraft“ setzen.

Doch bei der Debatte, wer entscheidet, geht es nicht nur um Eitelkeiten oder grundsätzliche Fragen von demokratischer Mitsprache. Sondern um die konkreten Mehrheits- und Machtverhältnisse in dem jeweiligen Gremium. Bei einem Bundestag stellen die süddeutschen Verbände 51 Delegierte, die westdeutschen 29, die norddeutschen 24, die nordostdeutschen 22 und der Südwesten 14 – und dazu kommen die 74 Vertreter der Bundesliga-Klubs sowie die 43 Mitglieder des DFB-Vorstandes. In diesem Vorstand wiederum sind die Gewichtungen anders: Da sitzen neben sechs reinen DFB-Funktionären um Präsident Neuendorf sechs Nordostler sowie je vier oder gar nur drei (Südwest) aus den anderen Regionen – und 16 Profi-Vertreter. Und obendrein verkompliziert es die Lage, dass es innerhalb mancher Regionalverbände kein einheitliches Stimmungsbild gibt.

Dabei drängt die Zeit. Denn wenn das neue Format zur Saison 2027/28 in Kraft treten soll und die kommende Spielzeit als Qualifikationsrunde gilt, müsste spätestens vor deren Beginn Anfang Juli Klarheit herrschen.