Der Denkmalschutz-Dackel: Wie Strolchi alte Gemäuer schützt – Gesellschaft

Vorn im Altarraum der denkmalgeschützten Stiftskirche von Altenburg in Niederösterreich ist es ziemlich duster. Erst recht, wenn draußen die Regenwolken aufziehen und das bisschen Licht, das durch die hohen Fenster einfällt, kraftlos wird. Manchmal scheint es, als würde Strolchi zwischen dem ganzen dunklen Holz verschwinden. Man darf sich aber sicher sein: Der Dackel geht schon nicht verloren, dafür ist er auch viel zu oft hier.

Denn Strolch von Schusterstein, so sein offizieller Name, ist so etwas wie ein Denkmalschutzdackel. Für das österreichische Bundesdenkmalamt untersucht der Hund historische Bauten, vor allem Kloster und Kirchen, auf Parasitenbefall. Es ist ein Service, den sie vom Landeskonservatorat Niederösterreich aus landesweit anbieten. Strolchi schnüffelt nach Holzbock und Holzwurm, also den gemeinen Nagekäfern, die vor allem dort zur Gefahr werden, wo viel mit Holz gebaut und eingerichtet wurde. Andere und in der Regel weitaus größere Hunde schnüffeln an Flughäfen nach Drogen, Bargeld oder Sprengstoff, Strolchi nach Insekten.

Imma Walderdorff mit Strolchi.
Imma Walderdorff mit Strolchi. Samuel Palacios Strauß

„Er selbst sieht das aber nicht als Arbeit, sondern als Spiel“, sagt Imma Walderdorff vom Denkmalschutzamt. Er wisse ja gar nicht, was er da suche. Was er aber sehr wohl wisse: dass er danach belohnt wird. Walderdorff ist Strolchis Halterin, hat den Dackel auf seine Aufgabe hintrainiert und ist zuständig für den Denkmalschutz im Waldviertel, der Gegend nordöstlich von Wien, zwischen Krems an der Donau im Süden und der tschechischen Grenze im Norden. Zuständig für gut 1200 Objekte, darunter drei große katholische Stifte, auch der Barockstift Altenburg.

Ein Nachmittag Mitte März. Im Innenhof des Stifts Altenburg bereiten sie die ersten Blumenbeete für den Frühling vor. Walderdorff und Strolchi laufen durch den Eingang des Stifts in den Hof. Der Zwergdackel stürmt zur Begrüßung, typisch Dackel, erst einmal über den Kies auf die Besucher zu. Er bellt, das ist wiederum alles andere als dackeltypisch, in den kommenden zwei Stunden nicht, kein einziges Mal.

Das Stift Altenburg bei Wien, Innenhof.
Das Stift Altenburg bei Wien, Innenhof. Samuel Palacios Strauß

Walderdorff geht zielgerichtet gen Stiftskirche, hier soll Strolchi sein Können vorführen. Betrachtet man die Kirche von außen, wirkt sie ein bisschen gedrängt, ganz so, als wäre sie von den anderen Stiftsgebäuden eingepfercht. Innen ist sie dafür mit „beeindruckend“ nur unzureichend beschrieben: eine gut 45 Meter hohe Kuppel mit gigantischem Deckenfresko, gemalt im 18. Jahrhundert von Paul Troger. Goldverzierungen und Stuck an den Wänden und Decken. Das Kreuz ist verhangen mit langen violettfarbenen Vorhängen, es ist Fastenzeit.

Strolchis Einsatzort: der Altarraum.
Strolchis Einsatzort: der Altarraum. Samuel Palacios Strauß

Walderdorff bekreuzigt sich beim Betreten des Kirchenschiffs mit Weihwasser und macht sich auf zu den Ministrantenbänken aus dunklem Holz und mit rotem Bezug. Sie legt ihre Sachen ab und beginnt mit leiser Stimme zu erzählen. Von Strolchi und sich selbst und der erst einmal etwas verwegen klingenden Idee, einen Hund zum Denkmalschützer werden zu lassen. Siebeneinhalb Jahre ist Strolchi jetzt alt, er kommt aus einer Zuchtlinie, der er auch den Namenszusatz „von Schusterstein“ verdankt.

Und die längste Zeit seines Lebens ist er Arbeitnehmer, mindestens inoffiziell. Denn im Vergleich zu Diensthunden der Polizei oder in der Forstwirtschaft bekomme Strolchi keinen eigenen „Lohn“, bekomme sie keinen Ausgleich für die Hundehaltung, sagt Walderdorff. „Er ist aber auch nicht ganz vollzeitbeschäftigt, für ihn reicht Teilzeit“, scherzt sie. Zweimal die Woche seien sie unterwegs, aber nur dann, wenn die Parasiten auch gerade aktiv sind. Die Saison beginnt im Frühjahr und endet im Herbst.

Samuel Palacios Strauß

Angefangen habe das mit Strolchi und dem Holzwurm während der Corona-Pandemie, ganz früh, in den ersten Monaten. Zu der Zeit ist sie, Walderdorff, zum Denkmalschutzamt gestoßen. Zuvor hatte die studierte Kunsthistorikerin lange in der Denkmalschutzberatung gearbeitet. Sie sei als Kind mit Dackeln aufgewachsen, sagt sie. Und nach Jahren mit größeren Hunden hätten sie und ihr Mann sich Strolchi zugelegt.

Zuerst sei da also der Dackel gewesen, und dann die Idee für den Denkmalschutz: „Wenn Hunde Bargeld riechen können, müsste das doch auch mit dem Holzwurm gehen“, sagt Walderdorff. Ein halbes Jahr lang hätten sie trainiert, bis sich Erfolge eingestellt hätten, sagt die Denkmalschützerin. „Die Ausbildung ist wie bei jeder anderen Geruchsausbildung“: Erst einmal werde der Hund angelernt, auf etwas sehr stark Riechendes hin zu reagieren. In Strolchis Fall war das: Fencheltee. Dann wurden dem Tee Botenstoffe des Holzwurms beigemischt und echtes befallenes Holz. Die Botenstoffe kann man im Online-Handel erwerben, die Holzprobe hat Walderdorff sich vom Freilichtmuseum Salzburg besorgt. Schließlich wurde der Tee schrittweise wieder aus der Gleichung entnommen. Indem erst ausgedünsteter Tee benutzt und dann selbst dieser entfernt wurde.

In etwa 90 Prozent aller Fälle liege der Dackel richtig, sagt Walderdorff. Und wenn es nicht klappe, liege das meist an der Witterung: Bei Hitze kann Strolchis Nase trocken werden, auch die Parasiten verhalten sich bei Hitze oder Kälte anders. Es sind ja immer noch Tiere, der Dackel und seine Gegner. Ohnehin gilt: Wenn der Hund reagiert, wird noch einmal geprüft. Entweder sucht dann ein Mensch die Stelle nach Holzmehl ab, ein Anzeichen dafür, dass die Parasiten hier wirklich ihre Arbeit verrichten. Oder es wird ein spezielles Gerät hergenommen, das das Holz nach den sehr, sehr leisen Geräuschen abtastet, welche die Käfer von sich geben. Oder Strolchi selbst rückt noch einmal an.

Trainingsmaterial: nach Holzwurm riechenede Wattestäbchen.
Trainingsmaterial: nach Holzwurm riechenede Wattestäbchen. Samuel Palacios Strauß

In der Stiftskirche hört man jetzt die Glocken schlagen. Imma Walderdorff hat sich daran gemacht, alles für Strolchis Übungseinheit vorzubereiten. In kleinen Ritzen im Holz und unter Stuhlbeinen hat sie Wattestäbchen ausgelegt, die sie zuvor aus einem kleinen Glas entnommen hat. Die Stiftskirche ist zum Glück nicht befallen, die Wattestäbchen sind so präpariert, dass sie für Strolchi möglichst echt wirken. Für Menschen riechen sie nach nichts, für Hunde wie Strolchi aber stark nach Holzwurm. Walderdorff legt ihm ein Halsband an, das aus einem alten Schlüsselband mit Logo des österreichischen Denkmalamtes gebastelt wurde. Das habe mehr als nur Werbezwecke: Dieses Halsband sei für Strolchi das eindeutige Zeichen, dass er nun arbeiten müsse, sagt Walderdorff.

Und wie er loslegt: Die Schnauze praktisch konsequent nach unten gerichtet wie die Öffnung eines Staubsaugers tippelt der Hund den Boden entlang. Stößt er auf eine Probe, bleibt er wie angewurzelt stehen, verharrt mit seiner Nase an der entsprechenden Stelle und wartet. Anzeigen nennt man das im Jagd-Jargon. Und worauf Strolchi wartet? Seine Belohnung, na klar.

Aus einer kleinen grünen Dose, in der früher Waschmittel gelagert wurde, fischt Walderdorff einen zerbröselten Hundekeks heraus. Man müsse schnell sein mit dem Belohnen, sagt sie, dürfe nicht länger als drei Sekunden warten, sonst sei vor allem am Anfang der Lern- und Belohnungseffekt dahin. Strolchis Kaugeräusche hallen im Kirchenschiff wieder. „Der Vorteil bei ihm: Er ist relativ verfressen“, sagt Walderdorff. Sie hätten das Training auch mit einem weniger verfressenen Hund probiert, aber das sei am geringen Appetit gescheitert. Gefräßigkeit, also Völlerei, ist streng genommen eine Sünde. Aber bei einem Kirchen schützenden Dackel darf da vermutlich darüber hinweggesehen werden.

Geruchseinsätze wie dieser sind anstrengend für Hunde. Strolchi verhalte sich nach einem Arbeitstag so „wie ein Jagdhund nach der Jagd“, sagt Walderdorff. Sie fügt scherzhaft hinzu: „Nur ein müder Dackel ist ein guter Dackel.“ In der Regel würden sie und Strolchi so vorgehen, dass sie bei großen Objekten im 20-Minuten-Rhythmus arbeiten. 20 Minuten schnüffeln, 20 Minuten Pause, und wieder von vorn.

Als das Duo anfing, war mancher Kirchenhüter erst mal skeptisch. Das sei inzwischen Vergangenheit: Im Denkmalschutzamt habe Strolchi den Spitznamen „Hofrat Holzwurm“ verpasst bekommen. Er sei so etwas wie das „inoffizielle Maskottchen“ und bekomme „hier und da auch mal ein Mittagessen“. Und auch in den vielen Kirchen habe man sich an ihn gewöhnt.

Altenburger Deckenfresko, gemalt im 18. Jahrhundert von Paul Troger.
Altenburger Deckenfresko, gemalt im 18. Jahrhundert von Paul Troger. Samuel Palacios Strauß

Hier im Stift Altenburg zum Beispiel sei er immer willkommen, auch in den Sonntagsmessen. „Durch seine Größe finden ihn viele überaus herzig.“ Da müsse man dann keine Überzeugungsarbeit mehr leisten. Seine Größe sei aber noch aus einem ganz anderen Grund praktisch: Sollte sich Strolchi wirklich mal danebenbenehmen, zum Beispiel das Graben oder Kratzen anfangen, sei der Schaden verglichen mit einem Schäferhund sehr gering.

Letzten Endes ist der Grundbaustein ihrer Arbeit: Vertrauen. „Ich muss einerseits ihm vertrauen, und er muss andererseits mir vertrauen, dass der Keks auch pünktlich kommt“, sagt Walderdorff. Das klappe oft sehr gut, aber manchmal halt nicht. Denn Dackel und Mensch ähneln sich in einer für eine konstruktive Zusammenarbeit eher hinderlichen Eigenschaft. In der Sturheit.

Samuel Palacios Strauß

Kleine Artenkunde: Dackel

Der Dackel, in der Jägersprache auch Teckel genannt, ist ein Jagdhund. Charakteristisch sind seine lang gezogene Form, die kurzen Beine und sein überaus robustes Selbstbewusstsein. Strenggenommen ist Dackel ein Überbegriff, denn es wird unterschieden in neun verschiedene Rassen, die sich anhand von Größe und Fellbeschaffenheit festmachen lassen. Es gibt Standard-Dackel, Zwergdackel und Kaninchendackel, wobei letztere die kleinsten Tiere sind. In jeder Größe wird noch einmal unterschieden zwischen Kurzhaar-, Langhaar- und Rauhaardackel. Wenige andere Hunde werden so sehr mit Deutschland verbunden wie diese Rasse. Kaiser Wilhelm II. soll seinem Lieblingsdackel Erdmann sogar ein feierliches Begräbnis ausgerichtet haben. Der Dackel Waldi wurde das Maskottchen der Olympischen Spiele 1972 in München. Neuerdings ist der Dackel wieder ein Trendhund.