Die persönlichen Videobotschaften, die Dennis Schröder auf seinem YouTube-Kanal seinen mehr als 300.000 Abonnenten zukommen lässt, wirken normalerweise deutlich bunter als die Produktion, mit der er Anfang Februar das nächste Kapitel seiner Basketball-Karriere bekanntgab.
Der Grund, weswegen sich Schröder vor die Kamera hockte: Die Tauschaktion, die die Sacramento Kings kurz zuvor mit den Cleveland Cavaliers eingefädelt und die den 32-jährigen Kapitän der deutschen Nationalmannschaft in seiner dreizehnten NBA-Saison – wie so oft ohne eigenes Zutun und ohne persönlichen Input — zu seinem elften Team transferiert hatte.
Es ist aber gut möglich, dass bei den Cavaliers zum ersten Mal die gesamte Schnittmenge passt. Und das nicht nur, weil sich Schröder gut fühlt, dass er „mal wieder Basketball spielt, um zu gewinnen“, wie er nach dem ersten Einsatz für Cleveland sagte. Das Team aus Ohio hat Großes vor.
„Meine Rolle ist überall dieselbe“
Erst einmal musste Schröder allerdings umziehen; er kennt es zur Genüge: Gedanken über die Familie, die seit ein paar Jahren mit Frau und inzwischen drei kleinen Kindern zusammen mit ihm kreuz und quer durch Nordamerika tingelt. Dazu kommt: Es gab abermals einen Umzug zu organisieren – mit den „Möbeln, die wir hier haben“.
Es fördert nicht unbedingt das Image eines Basketball-Profis, in der besten Liga der Welt als permanenter Notnagel eingestuft und oft nach kurzer Zeit grußlos weitergereicht zu werden. Aber Schröder hat sich schon vor einer Weile mit diesem Los abgefunden. Nicht nur stimmt das Geld – umgerechnet rund zwölf Millionen Euro pro Jahr und von der Liga bis Ende 2028 garantiert, egal, wo er spielt. Der Job hat den einst eher kapriziösen Spielmacher anpassungsfähig gemacht. „Meine Rolle ist überall dieselbe“, sagte er seinen Fans. „Ich bringe Zähigkeit ins Spiel, gebe alles, organisiere die passenden Spielzüge und bringe eine bissige Mentalität mit.“ Etwas, was den jüngeren Mannschaftskollegen bei den Cavaliers als Motivationsrohstoff dienen soll.
Dieses Talent hat zwar bei Titelaspiranten wie den Los Angeles Lakers, Golden State Warriors und Boston Celtics – neben Stars wie LeBron James, Stephen Curry oder Jayson Tatum – keine große Wirkung gehabt und bei schwachen Teams wie zuletzt den Sacramento Kings wenig bewegt. Aber seine Dynamo-Qualitäten haben gelegentlich gut gepasst. Wie bei den Oklahoma City Thunder zwischen 2018 und 2020 oder auch im vergangenen Frühling in den wenigen Monaten bei den Detroit Pistons. Auch wenn beide Mannschaften mit ihm trotz ihres Potenzials jeweils in der ersten Play-off-Runde scheiterten.
Neuer Trainer lobt Schröders Einfluss
Wenige Tage nach Schröder kam in einem weiteren Tausch mit James Harden dann weitere prominente Verstärkung nach Ohio. Der MVP von 2018 (mit den Houston Rockets) und Goldmedaillengewinner der Olympischen Spiele von 2012 mit der USA-Mannschaft beschleunigte mit seinen erstaunlich treffsicheren Drei-Punkte-Würfen den Formanstieg des Teams. Aus den vergangen acht Partien gab es sieben Siege, lediglich dem Primus aus Oklahoma musste sich Cleveland in der Nacht zu Montag geschlagen geben. Damit liegen die Cavaliers auf Rang vier der Eastern Conference, der zur Teilnahme an den Play-offs berechtigt.

Dabei macht sich Schröder auf seine eigene Weise nützlich. Wann immer er ihn und den zusammen mit ihm aus Sacramento eingetauschten Keon Ellis einwechselt, steigt der Energiepegel, hat Cheftrainer Kenny Atkinson wohlwollend zur Kenntnis genommen: „Das verändert beinahe den kompletten Stil“. In diesen Momenten steigt das Tempo im Angriff und die Defensivarbeit bekommt einen aggressiveren Zuschnitt.
Schröder gefällt das ebenfalls. Er genieße „jedes einzelne Spiel, jedes einzelne Training“, sagte er vor ein paar Tagen. „Wir verstehen uns gut. Ich denke, das ist das Wichtigste. Wenn die Chemie auf und neben dem Spielfeld stimmt, ist das Gold wert.“
Und ein wichtiger Faktor in den Best-of-Seven-Serien der NBA-Play-offs, die im April beginnen. Es ist die Zeit, „wenn es hart auf hart kommt und die mentale Stärke entscheidend ist“, weiß Schröder, der in Cleveland die Nummer 8 trägt. Sollte der Kader bis dahin harmonisch zusammenwachsen, werde man „richtig, richtig gut sein“.
Was es für ihn diesmal offensichtlich etwas einfacher macht, hat nicht zuletzt etwas mit der Personalie Kenny Atkinson zu tun. Die beiden kennen sich aus den ersten Jahren des Braunschweigers in der Liga, als der Amerikaner als Assistenztrainer bei den Atlanta Hawks arbeitete.
Schröder soll Defensivqualitäten einbringen
Zusätzlicher Pluspunkt aus Schröders Perspektive: Der Achtundfünfzigjährige machte in seiner aktiven Zeit in der Saison 1998/99 Halt in dessen Heimatstadt Braunschweig. Atkinson sah dann auch keinen Grund, den neuen Spielgestalter, der von der Bank aus ins Geschehen geschickt wird, in einem persönlichen Gespräch in seine Aufgabe einzuweisen: „Er kennt seine Rolle. Er weiß, was das Team braucht. Das hat er in anderen Mannschaften bereits gezeigt. Es ist exakt das, was wir nötig haben: Druck machen und Ballverluste provozieren.“
Die positive Erfahrung mit den Cavaliers hat die Erinnerungen an die deprimierenden Wochen in Sacramento denn auch rasch vergessen lassen. Dort war er, obwohl eigentlich als Führungsspieler eingekauft, schon bald auf der Bank gelandet und produzierte nur wenig Zählbares. Weshalb er sich schon bald innerlich darauf einrichtete, dass ihn die Kings wie schon so viele davor weiterreichen würden. So kommt Schröder nun im Alter von 32 Jahren doch noch einmal zu der Möglichkeit, bei einem Meisterkandidaten zu spielen.
Trotz allem dürfte Schröder aber die Zeit in Nordkalifornien zumindest aus einem Grund gerne in Erinnerung behalten: Ohne dieses Team, das ihm als einziges einen Drei-Jahres-Vertrag offerierte, sähe seine aktuelle finanzielle Situation vermutlich nicht ganz so gut aus. Der durchschnittliche NBA-Profi verdient ein Viertel weniger als er.
