„Wenn jemand sagt, Sie hätten für Barack Obama das getan, was Leni Riefenstahl für Adolf Hitler getan hat, ist das eine korrekte Beschreibung?“
Ein chinesisches Restaurant in Berlin um die Ecke vom Savignyplatz, die Vorspeise steht schon auf dem Tisch. Daneben ein Mobiltelefon, das Arun Chaudharys Lachen und seine Antwort auf die Einstiegsfrage dieses Interviews aufzeichnet: „Das wurde schon früher gesagt – aber der Lustigste, der das gesagt hat, war Robert Gibbs, der Pressesprecher von Barack Obama im Weißen Haus. Ich fragte ihn: ‚Wenn ich Riefenstahl bin, wer bist dann du?‘“
Er habe das nicht ausführen müssen, da Gibbs sofort verstanden habe, dass er in diesem Vergleich Joseph Goebbels gewesen wäre, Hitlers Propagandaminister. Dann geht Chaudhary ernsthaft auf den nicht ernsthaft gemeinten Vergleich mit Leni Riefenstahl ein, die mehr zur ästhetischen Überhöhung des Nationalsozialismus beigetragen hat als jeder andere Mensch.
Er erzählt von seinem Filmstudium in den USA, als er sich auch mit der deutschen Regisseurin befasste. Deren Arbeit, vor allem das Parteitagsepos „Triumph des Willens“ sowie die Olympiafilme „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“ seien darauf angelegt, das Banale außergewöhnlich erscheinen zu lassen. Er habe im Gegenteil versucht, das Alltägliche von Barack Obama zu betonen. Darum gehe es in der Demokratie schließlich. Gewählte Politiker sind nicht der Wirklichkeit entrückt. Oder sollten es nicht sein.
Obama hat das Potential von Youtube früh erkannt
Arun Chaudhary war mehrere Jahre lang der offizielle Videograph von Barack Obama im Weißen Haus. Ein Paparazzo von Amts wegen. In dieser Zeit, die er später in seinem Buch „Der erste Kameramann“ beschrieb, produzierte er mehrere Tausend Stunden an Filmmaterial des Präsidenten. Jede Minute davon musste laut Gesetz archiviert werden, alle sollen eines Tages öffentlich zugänglich sein. Zum Team Obama war Chaudhary schon gestoßen, als der spätere Präsident noch Senator in Illinois war. „Ich habe mich mit dem Senator sofort gut verstanden“, schildert Chaudhary die erste Begegnung.
Die Wertschätzung hat Obama später bestätigt: „Arun ist ein wirklich cooler Typ, auch wenn ich ihm ab und zu sagen muss, dass er sich mal die Haare schneiden lassen soll“, witzelte der Präsident über seinen wuschelköpfigen Kamerabegleiter. Chaudharys Aufgabe war es, den Senator und später den Präsidentschaftskandidaten sowie schließlich den Präsidenten im Netz gut aussehen zu lassen. Tiktok gab es da noch nicht, Instagram und viele andere Portale anfangs auch nicht. Youtube war die große Sache. Chaudhary war gut darin, in dem neuen Medium Geschichten in kurze Filme zu verpacken. Das war auch Obamas Wahlkampfmanagern aufgefallen, und so boten sie ihm einen Job an.
Obama erkannte das Potential des rasch wachsenden Kanals früh. Sein erstes Youtube-Video veröffentlichte er 2006. Schon im Jahr darauf hatte er Beiträge, die Millionen Male angesehen wurden. In Obamas Präsidentschaftskampagne 2008 spielte der Kanal eine wichtige Rolle. Sein Team habe mehr als 2000 Videos hochgeladen, erinnert sich Chaudhary. Denn es ging auch um Quantität. Um den vielen Falschnachrichten über den Kandidaten zu begegnen, von dem behauptet wurde, er sei „Araber“ oder „Terrorist“, fluteten sie das Netz mit Filmen, die ein positives Bild von Obama vermitteln und nebenbei einige Lügen über ihn korrigieren sollten.
Sein Rat an Politiker: „Seid einfach ihr selbst.“
Telegen, eloquent und charismatisch, war Obama für alle, die ihn in ein gutes Licht setzen sollten, ein gutes Motiv. Dass Obama ein selbstdarstellerisches Ausnahmetalent ist, hat Chaudhary in Washington auch bei der Arbeit mit dessen Stellvertreter erlebt. Der Präsident habe Reden mitunter noch während des Ablesens vom Teleprompter variiert, ganz anders als sein Stellvertreter. „Wenn wir mit Joe Biden im Weißen Haus gearbeitet haben, musste man ihm das Redemanuskript 24 Stunden vorher geben.“
Obama gehöre dagegen zu den ganz wenigen Menschen, die vor und hinter der Kamera im Grunde dieselben sind, schwärmt Chaudhary von seinem früheren Chef, den er als „authentisches Musterexemplar“ bezeichnet. Das Wort „Authentizität“ benutzt er ein Dutzend Mal im Laufe des Gesprächs. Er wisse, dass es naiv und dumm klinge, aber dennoch rate er Politikern für Auftritte im Netz stets: „Seid einfach ihr selbst.“

Chaudhary hat bei seiner Arbeit sehr verschiedene Arten von Authentizität kennengelernt. Er hat auch für Bernie Sanders gearbeitet, eine Ikone für viele amerikanische Linke. Dessen Authentizität liege in der Konsistenz, mit der er seit Jahrzehnten seine Positionen vertrete, stellt Chaudhary fest und weist dabei auch die Annahme zurück, im Netz müsse alles kurz, schrill und schnell sein, um die goldfischhafte Konzentrationsspanne reizüberfluteter Netzgeschöpfe nicht zu überfordern.
Er erzählt von einem Video, in dem Sanders über die Einkommensungleichheit in den USA referiert. Das ursprüngliche Manuskript hatte er durch zahlreiche Zusätze und Details verlängert. Sein Team wollte ihn davon abbringen. Zu lang, zu kompliziert. So macht man das heute nicht mehr, Sir. Doch Sanders habe stur gesagt: „Ich denke, Amerika kann es verkraften, sich zehn Minuten lang mit dem wichtigsten Thema unserer Zeit zu befassen.“ Tatsächlich habe das Video dann Millionen Aufrufe bekommen.
Die ersten zehn Minuten sind im Netz ausschlaggebend
Die Begebenheit ist nach den Maßstäben der sozialen Medien schon eine halbe Ewigkeit her, aber Chaudhary glaubt, dass ein solches Video heute mindestens genauso erfolgreich sein könnte. Da würden junge Leute aus den zehn Minuten des Originals Hunderte Shorts von wenigen Sätzen extrahieren, um sie auf Tiktok oder anderen Portalen hochzuladen. „Das würde die Sache noch erfolgreicher machen.“
Chaudhary, der seit einigen Jahren mit seiner Familie in Berlin lebt, von wo aus er Regierungen und Parteien bei ihren Digitalstrategien in Wahlkämpfen berät, befasst sich viel damit, wie die Algorithmen von Tiktok funktionieren. Vor allem interessiert ihn, was in den ersten zehn Minuten nach dem Hochladen eines Beitrags geschieht. In dieser Zeit werde das neue Video nur einem kleinen Teil des Publikums gezeigt, sozusagen einer Testgruppe.
„Die anfänglichen Reaktionen, also das Engagement in diesen ersten zehn Minuten – Likes, Kommentare, Shares – sind entscheidend. Wenn Tiktok merkt: ‚Hier passiert etwas, die Leute reagieren‘, dann zeigt der Algorithmus das Video weiteren Nutzern.“ In dieser Phase liege eine Möglichkeit, der viralen Karriere eines Videos eine Initialzündung zu geben. Die extreme Rechte sei im Netz sehr erfolgreich darin. Nicht etwa, weil sie klüger wäre oder die Mechanismen besser durchschaut hätte. Sondern weil sie fleißiger, organisierter und disziplinierter darin sei, diese Mechanismen zu nutzen, sagt Chaudhary.
Es gibt mittlerweile viele Beispiele dafür, wie die gezielte Nutzung (oder Manipulation) von Tiktok Wahlresultate beeinflussen kann. Etwa aus Rumänien, wo der in allen Umfragen abgeschlagene Außenseiterkandidat Călin Georgescu, ein rechtsradikaler Verschwörungstheoretiker, im November 2024 sensationell die erste Runde der Präsidentschaftswahl gewann. Sein Team hatte systematisch auf Tiktok gesetzt. Die Wahl wurde später mit fragwürdigen Begründungen vom Verfassungsgericht annulliert, was dem amerikanischen Vizepräsidenten J. D. Vance als Munition für seine Unterstellung diente, in Europa herrsche ein Demokratiedefizit.
Demokratiefeinde mit ihren eigenen Waffen schlagen
Chaudhary hütet sich, Vance zuzustimmen, äußert aber trotzdem eine kritische Sicht auf die annullierte Wahl in Rumänien. Über den Erfolg der dortigen Rechtsradikalen sagt er: „Es heißt dann: ‚Diese Leute betrügen das System, sie haben die Algorithmen gehackt.‘ Doch darum geht es nicht. Diese Leute sind einfach nur sehr diszipliniert.“ Wer ein paar Mitarbeiter abstelle mit der Aufgabe, neu hochgeladenen Videos des eigenen Kandidaten auf Tiktok oder anderen Plattformen systematisch „Engagement“ zu verschaffen, um die Algorithmen dazu zu bringen, die Reichweite von Beiträgen zu verstärken, könne mit relativ geringem Einsatz viel erreichen. Deshalb funktioniere Rage Bait für Rechtsextreme besonders gut.
Rage Bait, wörtlich übersetzt „Wutköder“, meint die gezielte Provokation mit der Absicht, im Netz Empörung hervorzurufen und darüber Klicks zu generieren. Es geht oft auf. „Veröffentlichen sie etwas Schockierendes, sagen die einen: ‚Mein Gott, ihr seid Nazis!‘ Und ihre Fans sagen: ‚Mein Gott, ihr seid Nazis!‘ So bekommen sie Aufmerksamkeit von beiden Seiten.“ Und, wichtiger noch, vom Algorithmus.

Chaudhary spricht lebhaft, ziemlich laut und sehr schnell, als wolle er sich beim Reden selbst überholen. Der Eindruck kann täuschen, aber nach außen wirkt er äußerst optimistisch und selbstbewusst. Seine Botschaft lautet, paraphrasiert: Demokratiefeinde im Netz lassen sich besiegen – man muss sie nur kopieren. Natürlich nicht ihre Botschaften. Aber ihre Methoden. „So gut sind sie eigentlich gar nicht. Sie sind nur disziplinierter.“
Der italienische Rechtspopulist Matteo Salvini etwa sei alles andere als ein Naturtalent in sozialen Medien. Er sei aber früh bereit gewesen, Menschen zu bezahlen, um für ihn im Netz Stimmung zu machen. „Er hatte einfach zwanzig Typen in einem Keller in Mailand, die den ganzen Tag über kommentierten. Nimmt man das ernst, ist das ein Vollzeitjob.“
Wie wäre es mit einer sozialdemokratischen Trollbrigade?
So erklärt Chaudhary sich auch den Erfolg der AfD im Netz. Oder zumindest einen Teil davon. Da die Partei in seriösen Medien keine Chance hatte, ihre Lügen und Verschwörungsnarrative unwidersprochen zu verbreiten, habe sie früh auf Plattformen ausweichen müssen, auf denen das möglich ist. Traditionelle Zeitungen und das Fernsehen waren für sie in Deutschland als Plattformen nicht verfügbar, was dazu geführt habe, „dass sie disziplinierter und sorgfältiger all diese Fake-News-Portale nutzen, die sie aufgebaut haben“. Von „Disziplin“ spricht Chaudhary in den zwei Stunden beim Chinesen genauso oft wie von „Authentizität“. Beide Wörter sind für ihn Schlüsselbegriffe für den Erfolg im Netz.
Rechtsextreme nutzten zum Beispiel sehr diszipliniert die Kommentarfunktionen im Netz. Chaudhary beschreibt die systematische Kommentierung von Videos als eine Art präemptives Erwartungsmanagement: „Bevor ich mir überhaupt ein Video ansehe, kann ich darunter schon nachlesen, wie ich mich dazu fühlen soll.“ Schon mit einem halben Dutzend Leuten, die diese Arbeit machen, könne man die Stimmung auf manchen Seiten und Foren beeinflussen.
Was die Frage aufwirft: Wenn das Putin-Regime Trollfabriken in Sankt Petersburg betreibt oder Rechtsextreme ganze Stäbe mit professionellen Kommentatoren einsetzen – warum machen das andere nicht auch? Wie wäre es mit einem westelbischen CDU-Trollgutshof? Einer sozialdemokratischen Trollbrigade? Frei laufenden Grüntrollen? Einer liberalen Trollkommentarschleuder? Bajuwarischen CSU-Freistaatstrollen? Und wenn es ihre Feinde machen, sollten nicht auch demokratische Kräfte auf Tiktok gezielt Engagement generieren, um dem Algorithmus auf die Sprünge zu helfen? Klar, sagt Chaudhary.
„Geht da rein und sagt: ‚Nein‘.“
Allen Teilnehmern in der politischen Arena stehe es offen, nach dem Hochladen eines Videos gezielt anfängliches Engagement zu generieren. Wenn ein Dutzend CDU-nahe oder grüne Kommentatoren im Sinne ihrer Parteien gegen Bezahlung die Kommentarspalten mit Inhalten füllen, wäre das nicht illegal. „Und es wäre auch nicht falsch.“
Chaudhary beschreibt solche Ideen als Mittel, die Deutungsmacht der Rechtsextremen im Netz anzugreifen: „Geht da rein und sagt: ‚Nein‘.“ Sollten also auch die dem Grundgesetz, der Gewaltenteilung und der Europäischen Union verpflichteten Parteien hauptberufliche Kommentatoren und andere Stimmungsmacher im Netz engagieren? Für Leute, die in Acht-Stunden-Schichten Videoschnipsel im Netz hochladen, verbreiten, kommentieren, bewerben?
Ihm gefalle das, sagt Chaudhary und spricht über die Großdemonstrationen mit mehreren Hunderttausend Teilnehmern, die Anfang 2024 nach Bekanntwerden des Potsdamer „Remigrations-Gipfels“ in mehreren deutschen Städten stattfanden. Dort wäre es ein Leichtes gewesen, auch ehrenamtliche Mitstreiter für eine solche Arbeit zu rekrutieren. „Die Leute kamen zu einer Kundgebung, und dann gingen sie nach Hause. Dabei hätte das der Beginn eines Weges sein können.“
Es geht darum, Menschen dauerhaft zu mobilisieren
Chaudhary hat handfeste Ideen dazu, wie demokratische Parteien um Mitstreiter werben könnten. Man hätte auf den Demonstrationen zum Beispiel Kühlschrankmagneten mit QR-Codes verteilen können, die zu Websites führen, auf denen man sich als Kommentator oder Forist melden kann. Botschaft: „Danke, dass ihr hier seid. Redet auch mit euren Freunden und Nachbarn darüber.“
Die QR-Codes am Kühlschrank hätten dann auch Freunde und Verwandte der Demonstrationsteilnehmer gesehen, und so hätte sich die Botschaft verbreitet. Es gehe darum, die Menschen dauerhaft zu mobilisieren und ihr Engagement im Netz sichtbar zu machen. Viele stünden dazu auch ehrenamtlich bereit, ist er sich sicher. „Du bietest den Menschen die Möglichkeit, ihr Land zu retten. Die Menschen sehnen sich danach. Sie sind bereit, das zu tun. Sie sind hungrig danach.“
Heißt das also: Hört auf, euch über Trollfabriken zu beschweren – gründet selbst welche? Chaudhary ist einverstanden mit einer solchen Interpretation seiner Worte: „Ich bin nicht gegen Trolle.“ Trolle seien ein arbeitsrechtliches Thema. „Solange Trolle angemessen bezahlt werden, bin ich pro Troll.“ Und diese Auseinandersetzung könne man gewinnen. „Die anderen müssen ihre Leute bezahlen, weil sie Mist verkaufen.“ Das sei auf der demokratischen Seite, so heterogen sie auch sei, nicht so. „Während die anderen Trolle bezahlen müssen, kann ich Freiwillige finden. Diesen Krieg werde ich gewinnen“, sagt der Mann aus dem Land, das zweimal Donald Trump gewählt hat.
