

Der Bund stellt den Ländern in den kommenden beiden Jahren insgesamt vier Milliarden Euro für eine bessere Qualität in der frühkindlichen Bildung zur Verfügung. Vor Kurzem haben Bund und Länder ihre Verhandlungen darüber abgeschlossen. Dabei sind seit diesem Jahr zwei Handlungsfelder für jedes Land verpflichtend: Es muss Fachkräfte gewinnen und halten und für sprachliche Bildung sorgen. Beitragsfreie Kita-Jahre können endlich nicht mehr über das Kita-Qualitäts- und Teilhabeverbesserungsgesetz finanziert werden. 2027 soll es dann ein neues Qualitätsentwicklungsgesetz geben, das bundesweit einheitliche Standards für die frühkindliche Bildung festlegt.
Im Unterschied zu anderen Ländern hat Deutschland, das inzwischen zu den wichtigsten Einwanderungsländern gehört, viel zu spät die Bedeutung der frühkindlichen Bildung entdeckt. Es gibt bisher kaum Daten über ihre Effekte. Ob sie stattfand oder nicht, war Zufall. Das hängt auch damit zusammen, dass das System der Kitas und Kindergärten viel schwerer zu steuern ist als die Schulen, die in der Regel Ländersache sind. Bei den Kitas gibt es staatliche und freie Träger. Alle föderalen Ebenen müssten zusammenarbeiten, um sie zu stärken.
Auch Kinder aus deutschen Familien
Dazu gibt es gute Gründe: Die Schuleingangsuntersuchungen zeigen, dass jedes Jahr eine wachsende Zahl von Kindern nicht schulreif ist, keine Schere und keinen Stift halten kann, motorisch unterentwickelt ist oder starke Sprachdefizite aufweist. Derzeit sind es 30 bis 40 Prozent. Und das gilt beileibe nicht nur für Migrantenkinder, sondern auch für Kinder aus deutschen Familien.
Fachleute für frühkindliche Bildung beobachten in Kindergärten neben sehr guter und förderlicher Arbeit bei manchen Trägern viele verpasste Sprech- und Lerngelegenheiten im Alltag. Obwohl die Wissenschaftler wissen, dass die frühkindliche Bildung gerade in der gegenwärtigen demographischen Schieflage und der zweitältesten Gesellschaft der Welt nach Japan eine Schlüsselfunktion hätte, wagen sie es nicht, Standards und echte Verbesserungen einzufordern. Sie wollen es sich nicht mit den Erzieherinnen verderben.
Sollen die armen Kleinen doch lieber spielen
Vor Kurzem hat sich auch noch die Bertelsmann Stiftung, die einen Fachkräftemangel in der frühkindlichen Bildung beklagt, zum Sprachrohr für die Gegner einer systematischen frühen Bildung gemacht. Sie hat einen Aufruf veröffentlicht, der Bildungsstandards in der Kita kritisiert und sie als „sozialtechnologische Managementmethoden“ kritisiert. Vielmehr sei eine kindorientierte und inklusive Praxis vonnöten, die letzten Endes in der Verantwortung der einzelnen Erzieherin liegt. Es soll also alles beim Alten bleiben. Man wendet sich mit vermeintlich kinderfreundlichen Argumenten gegen eine datengestützte Defizitanalyse, die mit verbindlichen Förderangeboten verknüpft wird.
Erzieherinnen, die womöglich noch sprachtherapeutisch qualifiziert sind, berichten aus ihrem Alltag, dass sie von Kolleginnen daran gehindert werden, Kinder gezielt zu fördern. Sie sollten die armen Kleinen doch lieber spielen lassen, heißt es dann, oder die Kita-Leitung verweist darauf, dass die Atmosphäre im Team gefährdet sei, wenn eine qualifizierte Fachkraft vorpresche. Das alles ist nicht nur erschreckend, sondern auch verantwortungslos. Es handelt sich um nichts anderes als eine pädagogisch verbrämte Form der Vernachlässigung. Unter dem Vorwand, den Betreuungskindern die Kindheit nicht zu rauben, werden ihnen entscheidende Entwicklungsmöglichkeiten vorenthalten. Aber in der Kita geht es nicht um Voreingenommenheit oder um die Erzieherinnen, sondern einzig und allein um die Kinder.
Einschlägige Studien aus anderen Ländern zeigen ausnahmslos, dass die Versäumnisse der frühkindlichen Bildung den Staat in der späteren Bildungsbiographie umso teurer zu stehen kommen. Trotzdem leisten sich einige Bundesländer noch, auf einem Auge blind zu bleiben. So werden oft nur Kinder von Sprachstandserhebungen erfasst, die auch eine Kita besuchen. Dabei ist bekannt, dass gerade bildungsferne Familien öfter auf einen Kita-Besuch verzichten als bildungsnahe, die ihren Kindern zu Hause eine anregungsreichere Umgebung bieten.
Solchen Kindern fehlt es an der Fähigkeit, die Lautstruktur der gesprochenen Sprache zu erkennen – eine Grundvoraussetzung für späteres Schreiben und Lesen. Sie haben auch keine Vorstellungen von Zahlen, die bei Würfelspielen, beim Backen, bei der Post oder beim Kaufmannsladen spielerisch erworben werden. Sie entwickeln auch nicht die Fähigkeit, Emotionen zu erkennen, auf andere Rücksicht zu nehmen, sich selbst zu regulieren, was sowohl für den Umgang in der Gruppe als auch für das Lernen entscheidend wäre. Deutschland kann sich keinen weltfremden Kuschelkurs bei der frühkindlichen Bildung mehr leisten. Es geht um die Kinder, die in einer alternden Gesellschaft leicht aus dem Blick geraten, und um ein entschiedenes Umsteuern.
