Debütroman von Son Lewandowski: Vom Glauben an den Schmerz und die Disziplin

Als Frau werde man nicht geboren, man werde zu einer gemacht, heißt es bei Simone de Beauvoir. Und Frauwerden, das ist so ziemlich das Schlimmste, was Amik und ihren Mitstreiterinnen passieren kann. Allerdings geht es in Son Lewandowskis Roman „Die Routinen“ weniger um die soziale Geschlechterrolle, mit der die Protagonistinnen hadern, als vielmehr um ihre tatsächliche biologische Entwicklung. „Die Hormone aushungern, damit sie gehorchen“, ist die Devise, um ihrem Traum näher zu kommen und Erfolge als Kunstturnerin zu feiern.

Ob sie ein Rad schlagen könnten – diese scheinbar harmlose, immer wiederkehrende Frage zieht sich durch Lewandowskis Debüt wie eine Mahnung. Sie markiert den Punkt, an dem kindliche Bewegungsfreude der Turnerinnen in überprüfbare Funktionalität kippt, an dem Körper nicht mehr erlebt, sondern bewertet werden. Was zunächst spielerisch klingt, erweist sich bald als Eintrittstor in ein System, das Anpassung belohnt und Abweichung sanktioniert.

Was Lewandowski erzählt, ist eine Geschichte der Extreme: extremer Sport unter extremen Bedingungen, der zu extremem Druck und permanenten Vergleichen führt – und letztlich Missbrauch nicht nur ermöglicht, sondern strukturell begünstigt. „Die Routinen“ zeigt Kunstturnen als ein nahezu sektenhaft organisiertes Gefüge, in dem Disziplin, Gehorsam und Leidensfähigkeit höher bewertet werden als körperliche Integrität oder psychisches Wohlergehen.

Beiläufige Gewalt

Gewalt erscheint dabei selten spektakulär, sondern meist leise, beiläufig, ritualisiert: in Essensgewohnheiten, Trainingsplänen, Blicken, Kommentaren, Wiederholungen – und in Praktiken, die sich tief in den Alltag der Turnerinnen einschreiben. „Zweimal am Tag vor den anderen auf die Waage, das eigene Gewicht auswendig lernen und das der anderen sorgfältig beobachten, wie es hinter dem Komma stolpert, hinfällt, wieder aufsteht.“

Diese Routinen bleiben bei Lewandowski jedoch nicht auf das Private beschränkt. Immer wieder fließen Sequenzen ein, in denen reale Personen und historische Konstellationen aufgerufen werden: Nadia Comăneci, Simone Biles, Trainerfiguren und Machtverschiebungen im internationalen Kunstturnen. Der Roman erinnert daran, dass das, was als sportliche Disziplin erscheint, lange auch ein politisches Projekt war. Turnerinnen standen nicht nur für Medaillen, sondern für Systeme.

Der Roman

Son Lewandowski: „Die Routinen“. Klett-Cotta, Stuttgart 2026. 272 Seiten, 25 Euro

Besonders deutlich wird das dort, wo Lewandowski auf die Praxis in der Sowjetunion verweist, in der Anabolika an sogenannte Karrierekinder verabreicht wurden – Körper als formbares Material, früh selektiert, früh verbraucht. Mit Figuren wie Béla Károlyi und seiner Frau, die dieses System aus dem sozialistischen Rumänien in die USA überführten, wird klar: Die Gewalt war nicht an ein einzelnes Regime gebunden. Sie migrierte. Was als sozialistische Leistungslogik begann, setzte sich im Westen unter anderen Vorzeichen fort.

Der Körper erinnert sich in dem Debüt von Son Lewandowski, auch wenn der Wettkampf vorbei ist

Dass sich der Blick auf das Kunstturnen erst spät veränderte, hängt auch mit dem lange vorherrschenden Ideal des kindlichen Körpers zusammen. „Wir sollten fünfzehn sein, sechzehn, die erste Regel ist nicht gekommen, ist gleich gebrochen. Wir sind elf geblieben, zwölf.“ Erst durch Schwarze Turnerinnen wie Simone Biles, deren Körper sich diesem Ideal entziehen, geriet ins Wanken, was über Jahrzehnte als Voraussetzung für Perfektion galt.

Körper und Denken

Lewandowski interessiert sich nicht für den großen Skandal, sondern für das Dazwischen: für die Grauzonen, in denen Grenzverletzungen normalisiert werden, weil sie Teil der Routine sind. Die Ich-Erzählerin Amik, einst Europameisterin am Schwebebalken, blickt aus einer zeitlichen Distanz auf ihre Karriere zurück – und macht gerade dadurch sichtbar, wie tief sich diese Routinen in Körper und Denken eingeschrieben haben. Der Körper erinnert sich, auch wenn der Wettkampf vorbei ist.

Formal spiegelt der Roman diese Erfahrung wider. Die Sprache ist präzise, oft nüchtern, beinahe protokollarisch und gerade darin verstörend. Gefühle werden nicht ausgestellt, sondern brechen punktuell durch – wie Schmerzen, die sich nicht mehr verdrängen lassen: „Wie oft ich mit dem Schambein auf den Schwebebalken stürzen konnte, ohne dass es brach.“

Lewandowski vermeidet Pathos ebenso wie sportliche Heroisierung. Stattdessen seziert sie die Ideologie der Leistung: den Glauben daran, dass Erfolg Opfer rechtfertige, dass Schmerz ein Durchgangsstadium sei und Disziplin ein moralischer Wert.

Selbstoptimierungn predigen

Dass „Die Routinen“ weit über den Sport hinausweist, liegt auf der Hand. Der Roman lässt sich als Parabel auf eine Gesellschaft lesen, die Selbstoptimierung predigt und dabei systematisch übersieht, wen sie formt, wen sie verbraucht und wen sie zurücklässt. Das Frauwerden, das hier verhindert werden soll, ist dabei nicht nur ein biologisches Problem, sondern ein Symbol: für Kontrollverlust, für Unberechenbarkeit, für alles, was sich der totalen Verfügbarkeit entzieht.

Oder, wie es bei Lewandowski selbst heißt: „Frausein reicht schon, um zu groß zu werden […], zu schwer […], zu alt […].“

Son Lewandowskis Debüt ist kein Sportroman im klassischen Sinn, sondern eine literarische Analyse von Macht, Körperpolitik und Anpassungsdruck. „Routinen“ bringt dazu, genau hinzusehen – nicht nur auf den Schwebebalken, sondern auf die Strukturen, die darunter tragen. Oder eben nicht.